Frank Lutz (* 1980) in Frankfurt/Main
(Mutter stammt aus Indonesien)

Vor dem Tempelbesuch: mit meinen Mitstudenten aus Rumänien und Japan in traditionellen Keostümen am Vorabend des balinesischen Neujahrsfests. (2004)
Vor dem Tempelbesuch: mit meinen Mitstudenten aus Rumänien und Japan in traditionellen Keostümen am Vorabend des balinesischen Neujahrsfests. (2004)

Zehn Jahre später: Wiedersehen mit einigen Freunden auf Bali. (2014)
Zehn Jahre später: Wiedersehen mit einigen Freunden auf Bali. (2014)

Besuch vom Großvater: mit meiner ganzen Familie samt indonesischem Opa in Heilbronn. (2011)
Besuch vom Großvater: mit meiner ganzen Familie samt indonesischem Opa in Heilbronn. (2011)

Wie eine Mondlandschaft: Mit Ani auf dem Gunung Bromo, einem aktiven Vulkan in Ostjava. (2012)
Wie eine Mondlandschaft:
Mit Ani auf dem Gunung Bromo, einem aktiven Vulkan in Ostjava. (2012)

 

Übersicht Erzählwerkstatt

Meine zweite Heimat in der Ferne


Wenn Tamarinde und Salz sich treffen

Wo meine Heimat liegt? Das ist doch ganz klar: In der Metropole mit der prachtvollen Skyline, mit dem großen internationalen Flughafen, in einer der multikulturellsten Städte Deutschlands – in Frankfurt am Main, da bin ich zu Hause (die Heilbronner mögen mir diesen Lokalpatriotismus verzeihen). Oder stimmt das gar nicht und meine Heimat ist dort, wo die tropische Sonne auf die Herzen der Menschen scheint und ihnen ein Lächeln aufs Gesicht zaubert? Wo glitzernde Shopping Malls wie Pilze aus dem Boden schießen und das Alltagsleben der Menschen gleichzeitig von tiefer Spiritualität und uralten Traditionen geprägt wird? Wo exotische Speisen, die meditativen Klänge des traditionellen Gamelan-Orchesters und schier endlose grüne Reisfelder die Sinne betören? Es ist schwierig, die Frage nach der Heimat zu beantworten, wenn Vater und Mutter aus verschiedenen Ländern, von verschiedenen Kontinenten, aus zwei völlig unterschiedlichen Kulturen stammen. Wenn der Vater aus dem Rhein-Main-Gebiet und die Mutter aus dem Bergland der indonesischen Insel Sumatra stammt. Wenn sich die Tamarinde aus dem Gebirge und das Salz aus dem Meer im Kochtopf treffen, wie es in einem indonesischen Sprichwort heißt.
Und so ist mir heute, mit fast 36 Jahren, klar: Heimat ist für mich nicht in erster Linie ein geographischer Begriff. Heimat ist dort, wo ich mich frei entfalten kann und mich geborgen fühle. Wo ich von Menschen umgeben bin, die genauso „ticken“ wie ich. Wo ich mich im Großstadtdschungel verlieren, aber auch in die Stille der Natur zurückziehen kann. Heimat kann an vielen Orten sein. Oder auch nicht. Denn ich glaube, dass gerade dieser Widerspruch die besondere Identität vieler Kinder zweier Welten ausmacht: Sie können sich gut an neue Situationen anpassen und bewahren doch immer eine gewisse Distanz zu manchen Mitmenschen. Sie kommen am anderen Ende der Welt mit Leuten aus fremden Kulturen ins Gespräch und fühlen sich auf dem Volksfest im Nachbarort fehl am Platz. Sie sind überall und nirgendwo zu Hause.

Mogli möchte Luke Skywalker sein
Das alles wusste ich natürlich noch nicht, als ich in den 80er-Jahren eine ruhige Kindheit am Rand von Frankfurt verlebte. Damals spielte das Herkunftsland meiner Mutter noch keine große Rolle für mich. Schließlich deutet mein Name nicht auf meine außereuropäische Herkunft her und Deutsch ist meine Muttersprache – meine einzige. Dass ich schon in Kindergarten und Grundschule von Kindern mit spanischen, türkischen oder indischen Wurzeln umgeben war, war für mich Normalität. Und wenn mich jemand liebevoll „Mogli“ nannte oder sich mein Klassenkamerad wünschte, dass ich seinen Geburtstagskuchen spielte, weil ich ja so schön braun sei, störte mich das nicht – es war ja nett gemeint. Na ja, ich wäre damals zwar lieber blond und blauäugig wie Luke Skywalker gewesen, aber was soll’s.
Die Probleme begannen später: Als ich in die Pubertät kam, verstand ich nicht, warum meine Klassenkameraden so aufmüpfig wurden und begannen zu rauchen und sich zu betrinken. Ich verstand es nicht und tat es ihnen doch gleich – oft  gegen große innere Widerstände. Zumindest mit dem Betrinken und Rauchen habe ich es zeitweise versucht. Mit der Aufmüpfigkeit klappte es dagegen nicht so gut, ich war wohl doch zu brav. Hatte nicht gerade meine Mutter mir immer beigebracht, ich müsse um jeden Preis gute Noten in der Schule haben und alles tun, was der Lehrer von mir verlangte? Und jetzt hatte ich den Salat: Kein Mädchen schien sich für mich zu interessieren. Klar – wer will schon einen langweiligen Streber als Freund haben?

Eine Reise und ihre Folgen
Vielleicht wäre meine Schulzeit eher unerfreulich verlaufen, wäre da nicht 1997 dieser große Wendepunkt gekommen: In jenem Sommer reiste ich mit meinen Eltern und meiner kleinen Schwester zum ersten Mal als (fast) Erwachsener nach Indonesien. Und erlitt zunächst einen furchtbaren Kulturschock: Warum suchten meine Verwandten denn so viel Nähe zu mir? Warum musste ich all diese traditionellen Zeremonien über mich ergehen lassen? Und warum wollte mein Opa, dass ich mich nicht mehr mit den hübschen Mädchen aus der Nachbarschaft treffe, weil das keine Christinnen seien? Das ging den doch gar nichts an! Ich drohte meinen Eltern bereits nach drei Tagen, alleine nach Deutschland zurückzufliegen. Und bin heute noch dankbar und glücklich, dass ich meine Drohung nicht wahrgemacht habe. Denn so bekam ich Gelegenheit, in eine faszinierende Kultur einzutauchen, in der ich trotz meiner Andersartigkeit wie selbstverständlich in die Gemeinschaft aufgenommen wurde. In der die Gedankenwelt der Menschen mit tiefer Religiosität, Geisterglauben und magischen Vorstellungen so viel bunter ist als in unserer eher nüchtern eingestellten Gesellschaft. In der die Menschen niemals verlernen zu lachen und sich über die Kleinigkeiten des Alltags zu freuen. Spätestens damals begann meine intensive Beziehung mit meiner zweiten Heimat am anderen Ende der Welt und gleichzeitig die Suche nach meiner Identität.
Warum ich vorhin die nicht-christlichen Mädchen aus der Nachbarschaft erwähnt habe? Nun, meine Mutter gehört der Volksgruppe der Batak an und stammt aus einer christlichen Enklave im ansonsten überwiegend islamischen Indonesien. „Schuld“ waren die Deutschen: Ein nordfriesischer Missionar namens Ludwig Ingwer Nommensen bekehrte im 19. Jahrhundert die Batak, die zuvor Naturgottheiten angebetet hatten, zum protestantischen Glauben. Obwohl der alte Geisterglaube immer wieder durchbricht, identifizieren sich die Batak heute stark mit dem Protestantismus. Ludwig Ingwer Nommensen und Martin Luther haben im Batakland den Status von Heiligen und sind die berühmtesten Deutschen. Im restlichen Indonesien sind das der mehrfache Formel-1-Weltmeister Maikel Sumaker, der ehemalige Fußballer Maikel Ballack und – leider auch – Adolf Hitler. Dass Letzterer so populär ist, liegt aber meiner Meinung nach ausschließlich an der Unkenntnis über die Nazi-Verbrechen und nicht an irgendwelchen Sympathien für nationalsozialistisches Gedankengut.
Die Verehrung für Deutschland hat meine Verwandtschaft auch auf meinen Vater übertragen. Denn wer aus dem Heimatland von Nommensen und Luther stammt, muss ja zwangsläufig gut sein. Kein Wunder, dass wir einmal einen Brief bekamen, der nicht an „Familie Wolfgang Lutz“, sondern an „Familie Wolfgang Luther“ adressiert war. Kann es also wirklich Zufall sein, dass meine Mutter sich in den 70er-Jahren ausgerechnet Deutschland ausgesucht hat, um als Krankenschwester Geld zu verdienen, mit dem sie ihre Familie unterstützen konnte? Ich meine: ja. Viele meiner Verwandten meinen: nein. Der Weg meiner Mutter sei vorbestimmt gewesen.

Unter der tropischen Sonne von Bali
Aber zurück zu mir: Die Reise von 1997 war für mich die Initialzündung für eine intensive Auseinandersetzung mit meiner zweiten Heimat. Es waren die Jahre um die Jahrtausendwende, Indonesien feierte die ersten demokratischen Wahlen nach dem Sturz des Diktators Suharto wie ein Volksfest, und auch ich befand mich in Aufbruchsstimmung: Ich lernte die indonesische Sprache – zuerst autodidaktisch, dann als Student der Südostasienwissenschaften in Frankfurt. Und schon bald erfüllte sich ein Traum, den ich seit langem geträumt hatte: Von 2003 bis 2004 bekam ich die Gelegenheit, in Indonesien zu studieren. Niemals werde ich dieses aufregendste Jahr meines Lebens vergessen: Unter der tropischen Sonne Balis lebte ich das Leben eines indonesischen Studenten mit allem, was dazugehört. Ich wohnte in einer sogenannten „Kost“, in der jeder Bewohner ein eigenes Zimmer mit Bad hat und man ansonsten in enger Gemeinschaft lebt. Zum Essen nutzten wir das üppige Angebot aus vielen größeren und kleineren Lokalen und mobilen Essensständen in unserem Stadtviertel. Abgesehen von meiner für indonesische Maßstäbe recht langen Nase und meiner noch nicht ganz perfekten Beherrschung der Sprache outete mich nur ein Detail als Ausländer: Statt wie die meisten anderen Studenten auf dem Motorrad war ich stets mit einem Fahrrad unterwegs – ein Exot im Verkehrsgetümmel der balinesischen Hauptstadt Denpasar.
Ich saugte alles Neue und Exotische förmlich in mich auf: die prachtvollen Zeremonien auf dem Campus an den balinesischen Feiertagen, die einen selbstverständlichen Teil des Uni-Lebens darstellten. Die traditionelle hinduistische Verbrennungszeremonie für einen verstorbenen Dozenten, bei der – ganz anders als bei Beerdigungen hierzulande – eine turbulente Feststimmung herrschte. Den Trancetanz in einem Tempel am Vorabend des balinesischen Neujahrsfestes und die fast unheimliche Stille am Tag danach, an dem es den Menschen verboten ist, das Haus zu verlassen. Das üppige Mahl am Fastenbrechfest, das mein muslimischer Mitbewohner gekocht hatte. Den Schrein mit Buddhafiguren im Haus einer Freundin, vor dem ihre Familie betete und Räucherstäbchen anzündete. Die Weihnachtsmesse in der Kathedrale bei tropischen Temperaturen. Aber auch die Einladungen meiner koreanischen Mitstudenten, das leckere koreanische Essen, die Partien des traditionellen Brettspiels Go-Stop und die feucht-fröhliche Abschiedsparty eines von ihnen in einer Disco. Und dazwischen Nächte am Meer, Ausflüge zu wunderschönen Tempeln und teilweise fast unberührten Traumstränden. Ich freundete mich auch mit Gaststudenten aus Rumänien, Japan und anderen Ländern an – mit manchen stehe ich heute noch in Kontakt. Ich erfüllte mir einen Traum, indem ich eine CD mit selbstkomponierten Liedern aufnahm. Und das Allerwichtigste: Ich lernte Ani kennen und lieben – die Frau, mit der ich heute glücklich verheiratet bin.

Warum ich in Jakarta nicht glücklich wurde
Doch nach meinem einjährigen Höhenflug fiel die Landung auf dem harten Boden der Realität nicht leicht. Die Rückkehr in den grauen deutschen Studienalltag verkraftete ich nicht gut. Ich fühlte mich oft ruhelos, wie ein Getriebener. Drei Jahre sollte sich mein Studium noch hinziehen, in denen ich Ani vermisste und ständig von der Rückkehr in das Land träumte, das ich jetzt als meine Heimat betrachtete. Ich tat das, was ich damals tun musste: Ich versuchte mein Studium so schnell wie möglich zu beenden und plante meinen Berufseinstieg in Indonesien. Wie glücklich war ich, als ich die Zusage für ein dreimonatiges Praktikum in der indonesischen Hauptstadt Jakarta erhielt. Das war doch etwas, worauf sich aufbauen ließ.
Und so flog im Spätsommer 2007 ein frischgebackener Uni-Absolvent von Frankfurt nach Jakarta, um dort sein neues Leben zu beginnen. Endlich war ich am Ziel und jetzt würde alles gut werden. Oder doch nicht? Bald zeigte sich, dass Studium und Arbeit zwei Paar Schuhe waren. So herzlich wie zuvor auf Sumatra und Bali wurde ich diesmal nicht aufgenommen: Manche meiner Kollegen sahen mich in erster Linie als ausländischen Eindringling, der ungerechterweise ein viel höheres Gehalt verdiente als sie selbst. Gleichzeitig ärgerte ich mich über andere „Expats“, die ein noch viel höheres Gehalt bekamen, nach Jahren im Land kaum Indonesisch sprachen, in ihrer Freizeit kaum Kontakt zu Einheimischen pflegten und sich bei jeder Gelegenheit über die Indonesier beschwerten. Parallelgesellschaften gibt es wohl überall.
Natürlich durfte ich auch in Jakarta viele wunderbare Menschen kennenlernen. Ich verfolgte das Fußball-EM-Halbfinale von 2008 zwischen Deutschland und der Türkei mit meinen Nachbarn vor einem winzigen Fernseher unter freiem Himmel – wegen der Zeitverschiebung bis in die frühen Morgenstunden hinein. Ich philosophierte mit meinen neuen Freunden unter dem traumhaft klaren Sternenhimmel im Nationalpark Ujung Kulon über Gott und die Welt. Erkletterte mit ihnen in einer fast halsbrecherischen Aktion einen abgelegenen Vulkan im Westen der Insel Java. Fand auf dem 2000 Meter hoch gelegenen Dieng-Plateau eine fantastische Welt aus farbenfrohen Kraterseen und uralten Tempelruinen. Und ließ es mir natürlich nicht nehmen, meine alte Wirkungsstätte Bali wieder zu besuchen, wo es ein fröhliches Wiedersehen mit einigen alten Freunden gab.
Trotzdem wurde ich in Jakarta nicht glücklich und bekam Heimweh, wie ich es noch nicht gekannt hatte: In der übervölkerten und unüberschaubaren Millionenmetropole sehnte ich mich nach kulturellem Leben. Oder auch nur nach etwas Grün, denn öffentliche Parks sind in indonesischen Städten eine Seltenheit. Die Freizeit verbringt man lieber in Shopping Malls, die weit mehr als Einkaufszentren sind und auch Restaurants, Internetcafés, Kinos, Spielhallen oder sogar eine Eisbahn beherbergen. Auch andere, ganz alltägliche Dinge fehlten mir: das gute deutsche Graubrot (Indonesier essen morgens, mittags und abends Reis und kennen Brot nur in der labberigen Sandwich-Variante), die gemütlichen Kneipenbesuche mit Freunden (Kneipen haben in Indonesien oft einen eher anrüchigen Charakter), der Schnee im Winter (Fehlanzeige in einem tropischen Land), die Möglichkeit, kleine Strecken mit dem Fahrrad zu bewältigen (Radfahren gleicht in Jakartas chaotischem Verkehr einer Extremsportart).

Insel-Intermezzo
Nach gut einem Jahr gab ich auf und kehrte nach Frankfurt zurück. Ich war glücklich, wieder bei meiner Familie zu sein und genoss die Ruhe, Übersichtlichkeit und Beschaulichkeit des deutschen Winters. Doch eine Perspektive, wie es weitergehen sollte, hatte ich nicht. Und so brach ich nach dreieinhalb Monaten erneut auf. Diesmal auf die kleine, vor Singapur gelegene Insel Batam, wo ich eine Stelle als Englischlehrer an einer Sprachschule gefunden hatte.
Und wieder tauchte ich in eine ganz andere Welt ein: Batam bedeutet vor allem Industrie und Gewerbe. Die vielen Gastarbeiter – Indonesier aus anderen Landesteilen, eine recht große philippinische und eine etwas kleinere amerikanische und europäische Community – lassen sich vor allem in abgeschlossenen Wohnkomplexen nieder, die kleinen Städten ähneln. Viel zu sehen gibt es auf der Insel nicht gerade, das Spannendste ist die Nähe zum Stadtstaat Singapur, den ich an freien Tagen immer wieder gerne besuchte. Aber ich war von vielen netten Leuten umgeben und konnte endlich wieder mein liebstes Hobby ausüben: In meiner Freizeit spielte ich als Keyboarder in einer Band mit. Von meinem Gehalt, das in Deutschland gerade zum Überleben gereicht hätte, konnte ich mir meine erste eigene Wohnung leisten – genaugenommen sogar ein ganzes kleines Haus.

Mein Weg in den Journalismus
Trotzdem wollte ich zurück nach Deutschland, als mein Arbeitsvertrag nach einem Jahr auslief. Und ich ahnte, dass ich diesmal nicht so schnell wiederkommen würde. Ani und ich heirateten und sie folgte mir nach Deutschland. Und ich besann ich mich auf das, was ich neben Reisen und Musizieren am besten kann: das Schreiben. Ich hatte das Glück, ein Praktikum bei der FAZ zu bekommen. Endlich hatte ich einen Beruf gefunden, der zu mir zu passen schien, denn als Journalist machte ich das, was ich zuvor in meiner Freizeit oft gemacht hatte: spannende Dinge erleben und darüber hinterher Texte verfassen. Das journalistische Schreiben zügelte auch meine Eitelkeit, denn ich bin überzeugt, dass ein guter Journalist nicht selbstverliebt sein darf, sondern immer das Thema und die Menschen, über die er schreibt, in den Vordergrund rücken muss. Nach fast sechs Monaten bei der FAZ bewarb ich mich deutschlandweit um ein Volontariat, eine Ausbildung zum Redakteur. Bei der Heilbronner Stimme klappte es schließlich, und so kam ich im Oktober 2010 nach Heilbronn. Vier Jahre blieb ich bei der Stimme – eine Zeit, in der ich viel lernte und für die ich dankbar bin. Doch wieder beschlich mich manchmal das Gefühl, nicht am richtigen Ort zu sein. Ich träumte von Reportagen über ferne Länder und berichtete stattdessen über lokale Aufreger wie den Ärger mit Falschparkern oder Müllsündern. Immerhin hatte ich oft Gelegenheit, über kulturelle Themen und über andere Menschen mit Migrationshintergrund zu schreiben – beides sind bis heute meine Steckenpferde geblieben.

Wer ich heute bin und was mir wichtig ist
Und heute? Ich würde sagen, dass ich zufrieden bin – mit dem Ort, an dem ich wohne, und mit inzwischen liebgewonnenen Menschen, die mich umgeben. Ich lebe mit der Frau zusammen, mit der ich alt werden möchte. Ich habe viele Freunde, Verwandte und Bekannte – in Frankfurt, in Heilbronn und Umgebung, im fernen Indonesien und in anderen Ländern. Ich habe ein gutes Verhältnis zu meinen Eltern und zu meiner Schwester, die genauso reiseverrückt ist wie ich und noch viel mehr Freunde in aller Welt hat. Meine Identität und meine Heimat habe ich zwar noch nicht definitiv gefunden, aber dafür einen Job. Na ja, eigentlich zwei: Montags bin ich weiterhin als Journalist unterwegs, den Rest der Woche verkaufe ich Tee. Außer sonntags, da schlafe ich aus. Das ist ok für den Moment und ich bin offen für neue Chancen. Ich glaube nur manchmal, es hätte vieles einfacher und weniger schmerzhaft sein können, wenn ich mich nicht oft zwischen zwei Welten hin- und hergerissen gefühlt hätte. Wenn ich nicht von so verschiedenartigen Wertvorstellungen geprägt wäre, die sich teilweise widersprechen. Wenn ich nicht manchmal so sprunghaft gewesen wäre. Wenn ich frühzeitig gespürt hätte, wohin ich gehöre und was ich vom Leben wirklich erwarte.
Ich habe zu schätzen gelernt, dass jeder in Deutschland Rechte hat, die er notfalls einklagen kann. Dass man sich nicht ständig nach strengen Traditionen richten muss und dadurch mehr aus seinem Leben machen kann. Zumindest wenn man im Vollbesitz seiner körperlichen und seelischen Kräfte ist. Doch ich glaube immer noch, dass man, wenn man erstmal alt und gebrechlich ist, besser in einem Land aufgehoben ist, in dem der familiäre Zusammenhalt noch viel stärker ist als bei uns. Das Gleiche gilt für Menschen, deren Leben aus der Bahn geraten ist und die aus eigener Kraft den Anschluss nicht mehr finden.
An manchen Dingen merke ich, dass ich mich vom durchschnittlichen Deutschen – soweit es ihn gibt – unterscheide: Verwandtschaftliche Beziehungen, Traditionen und Religion in irgendeiner Form bedeuten mir sehr viel, denn ich denke, dass sich alle Menschen nach einer Gemeinschaft sehnen, in der sie ohne Wenn und Aber akzeptiert werden. Dass es ihnen wichtig ist, auf einige Regeln zurückgreifen zu können, die sich über die Jahrhunderte bewährt haben und die ihnen eine Orientierung vorgeben – was aber nicht heißt, dass man sie nicht hinterfragen darf. Und dass die Menschen auch einmal irrational sein und an etwas glauben wollen, was so viel größer und bedeutender ist als der oftmals triste Alltag.
Ich halte nichts davon, immer forsch aufzutreten, mich bei jeder Gelegenheit zu beschweren und dabei keine Rücksicht auf die Gefühle meiner Mitmenschen zu nehmen. Ich bin nicht der Meinung, dass man jedes Problem lösen kann, indem man darüber diskutiert. Manche Probleme sind unlösbar, und unüberbrückbare Widersprüche gehören zum Leben dazu. Keiner versteht das so gut, wie jemand, der in mehreren Kulturen verwurzelt ist. Manchmal ist das Beste, was man tun kann, gar nichts zu tun und darauf zu vertrauen, dass alles gut wird – eine sehr asiatische Lebenseinstellung.
Ich sehe mich nicht als Weltverbesserer, aber es ist mir sehr wichtig, dass es den Leuten in meiner Umgebung gut geht, dass ich für meine Frau, meine Familie und meine Freunde da bin, wenn sie mich brauchen. Und ich halte mich für einen eher pragmatischen Menschen, habe aber einige Grundwerte, nach denen ich versuche zu leben – Respekt und Loyalität gehören auf jeden Fall dazu. Ansonsten stehe ich Ideologien eher kritisch gegenüber und finde, dass manche Leute ihr Denken zu stark nach ihnen ausrichten. Denn menschliche Gefühle sind mir wichtiger als Ideen und abstrakte Theorien, und was nützt die schönste Ideologie, wenn sie an der Realität scheitert? Dann muss sie an die Realität angepasst werden, und nicht umgekehrt.

Gedanken zu einem brandaktuellen Thema
Heute denke ich, dass ich auf einem guten Weg bin. Ich mache wieder Musik und ich habe eine ehrenamtliche Beschäftigung gefunden, in der mir meine Verwurzelung in zwei so verschiedenen Kulturen zugutekommt: Ich versuche Asylbewerber zu unterstützen. Eineinhalb Jahre habe ich Öhringer Asylbewerber in Deutsch unterrichtet, heute gehöre ich zum Heilbronner Freundeskreis Asyl. Aus Zeitgründen bin ich aber leider nicht so aktiv, wie ich es gerne wäre.
Noch ein Wort zur aktuellen Flüchtlingssituation: Den Leuten, die eine monatelange gefährliche und strapaziöse Reise hinter sich haben, das Leben zu erleichtern halte ich für unbedingt notwendig – zunächst einmal unabhängig davon, ob sie vor Gewalt und Verfolgung oder „nur“ vor elenden Lebensbedingungen geflohen sind. Ob sie alle dauerhaft hier bleiben können und wie viele Menschen Deutschland aufnehmen kann, wird zu regeln sein, aber ich bin optimistisch, dass die Politik eine Lösung finden wird. Ich habe Verständnis dafür, dass manche Menschen vor allem die Probleme wahrnehmen, die sich aus der hohen Zahl der Flüchtlinge ergeben. Es muss immer möglich sein, über das Thema kontrovers, aber sachlich zu diskutieren und wenn nötig auch die Asylpolitik der Bundesregierung zu kritisieren. Eine ganze Religion zu diskriminieren und sich selbst auf eine höhere Zivilisationsstufe zu stellen als Menschen aus dem Nahen und Mittleren Osten ist aber purer Rassismus. Ängste vor einem islamischen Staat auf deutschem Boden finde ich lächerlich. Mussten nicht viele Menschen fliehen, gerade weil sie den religiösen Fanatikern in ihrer Heimat Widerstand geleistet haben? Wer Asylbewerber oder andere Menschen mit Migrationshintergrund beleidigt oder sogar Anschläge auf Asylbewerber-Unterkünfte verübt, muss auf jeden Fall hart bestraft werden. In den letzten Monaten ist in Deutschland einiges aus dem Ruder gelaufen und rechtsextremes Denken scheint mir auf dem Vormarsch zu sein. Vielleicht – hoffentlich – ist das nur ein momentaner Trend.

Eines Tages schließt sich der Kreis
Ich hoffe jedenfalls, dass auch in 30 Jahren noch Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland ihre Geschichte erzählen dürfen und ein interessiertes Publikum finden. Und auch für meine persönliche Zukunft habe ich einige Wünsche: Ich hoffe, dass ich das Beste aus zwei Kulturen vereinen kann – deutsche Tugenden wie Sorgfalt, Organisationstalent, Durchsetzungsfähigkeit, Durchhaltevermögen und Respekt vor der Natur mit typisch indonesischen Stärken wie Charme, Humor, Improvisationstalent, Kreativität und Respekt vor den Menschen. Und ich hoffe, dass ich nach den Erkenntnissen leben werde, die ich in den turbulenten letzten 15 Jahren für mich gewonnen habe: mich selbst nicht zu wichtig und das Leben nicht zu ernst zu nehmen – was mir beides oft schwerfällt. Bei allem Verantwortungsbewusstsein und trotz der großen Vorteile, die ein geregelter Alltag mit sich bringt, nicht zu vergessen, wie wichtig es oft ist, einfach das zu tun, worauf man gerade Lust hat und sich den ein oder anderen Traum zu erfüllen. Und bei allem manchmal notwendigen Egoismus nicht zu vergessen, dass man nur vollständig glücklich werden kann, indem man auch andere Menschen glücklich macht.
Wenn Ani und ich einmal Kinder haben, hoffe ich, dass ich ihnen vermitteln kann, dass ihre Verwurzelung in zwei so verschiedenartigen Kulturen einen großen Reichtum darstellt und nicht eine schwere Bürde, wie ich zeitweise fühlte und in schwachen Momenten immer noch glaube. Dazu muss es mir aber gelingen, ihr Selbstwertgefühl zu stärken und sie mit Menschen zusammenbringen, die sie aufblühen lassen und in deren Gegenwart sie von ihren besonderen Eigenschaften profitieren. Denn wer „anders“ ist, wird es immer ein Stück weit schwerer haben, sich im Alltagsleben zurechtzufinden.
Ich kann mir vorstellen, die nächsten Jahre in Heilbronn zu bleiben. Gleichzeitig möchte ich so viel wie möglich reisen, andere Länder und Kulturen entdecken, mit möglichst verschiedenen Menschen auf einer persönlichen Ebene ins Gespräch kommen und etwas über ihre Sichtweise der Welt erfahren. Mein Traum wäre es, mit Ani und unseren künftigen Kindern eines Tages wieder in Frankfurt  zu leben, aber das nötige Kleingeld zu haben, dass wir uns eine Ferienwohnung im Süden leisten können. Vielleicht irgendwo am Mittelmeer. Vielleicht aber auch auf Bali, wo ich das großartigste Jahr meines Lebens verbracht habe. Und vielleicht werde ich irgendwann dort wieder mit meinen alten Freunden nachts am Strand sitzen. Dann packe ich meine Gitarre aus, wir atmen den Duft von Nelkenzigaretten ein, trinken ein Bier, lauschen dem Rauschen der Wellen und erzählen uns Geschichten von früher. Und vielleicht fragen sie mich dann: „Warum bist du jetzt erst nach Hause gekommen?“





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