Farnaz Schäfer, geboren 1961 im Iran

Farnaz Schäfer

 

Farnaz Schäfer

 

 

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Die wiedergefundene Heimat


Ich wohne seit 1985 in Deutschland. Ursprünglich komme ich aus dem Iran. Ich habe nie gedacht, dass ich einmal in Deutschland leben werde. Ich kannte das Land bereits aus meiner Kindheit; im Alter von elf bzw. 15 Jahren habe ich hier während meiner Schulferien zwei sehr schöne Urlaube verbracht.

Im Iran genossen wir, meine Familie und ich, einen hohen Lebensstandard, besonders in Teheran, meiner Geburtsstadt. Wir hatten alle Annehmlichkeiten der westlichen Gesellschaft.

An heißen Sommertagen waren ich, mein zwei Jahre älterer Bruder, unsere Freunde, Cousinen und Cousins ständig mit dem Fahrrad unterwegs. Wenn wir nicht Fahrrad fuhren, dann verbrachten wir unsere Zeit im Schwimmbad.

Freitags waren wir oft zusammen mit den Erwachsenen in einem der besten Schwimmbäder Teherans. Aus dieser Zeit habe ich die schönsten Erinnerungen meiner Kindheit und meiner Jugendzeit im Iran. Während die Erwachsenen Backgammon spielten und Tee tranken, schwammen wir, spielten Badminton und Tischtennis. Dabei lernen wir auch viele andere Jugendliche kennen. Einige hatten Musikinstrumente wie Gitarre, Santur und Tombak dabei. Jung und Alt sangen und tanzten wir zusammen bis in die späten Abendstunden. Bei diesen „Picknicks“ im Schwimmbad war das Essen jedes Mal ein kulinarischer Hochgenuss. Jede Familie brachte leckere Gerichte mit, die wir alle miteinander teilten.

Schon auf der ersten Reise nach Europa, als ich elf Jahre alt war, hat mich das Fernweh gepackt. Je älter ich wurde, desto größer wurde die Sehnsucht, auch andere Teile der Welt zu erleben. Dabei haben meine Großeltern eine große Rolle gespielt. Alljährlich bereisten sie einen anderen Teil der Erde. Einmal waren sie in Afrika, ein andermal in China und Japan, ein weiteres Mal in Südamerika. Von jeder ihrer Reisen brachten sie hochinteressante Souvenirs und Bilder mit. Nach der Rückkehr von ihren Reisen luden sie ihre Freunde und Verwandte ein und führten ihnen ihre Erlebnisse in ihrem Wohnzimmer als Diashow vor.

Mein größter Wunsch als Jugendliche war es, als Schülerin für einige Zeit in die USA zu gehen und so das Land kennenzulernen. Jeden Tag fragte ich meine Eltern, ob und wann ich denn in die USA reisen dürfe. An meinem 16. Geburtstag ist dieser Wunsch in Erfüllung gegangen; im Jahr davor war bereits mein zwei Jahre älterer Bruder in die Vereinigten Staaten gereist. Mit einem riesigen Koffer und trunken vor Freude bin ich dann am 17. Mai 1977 in das sogenannte "Land der unbegrenzten Möglichkeiten" geflogen. Zu diesem Zeitpunkt ahnte noch kein Mensch, welches Unheil dem Iran zwei Jahre später widerfahren sollte.

Nach landesweiten Demonstrationen gegen sein diktatorisches Regime verließ Schah Mohammad Reza Pahlavi am 16. Januar 1979 den Iran für immer, und Ajatollah Ruhollah Musavi Khomeinis Islamisch-republikanische Partei setzte sich gegen die anderen Oppositionsgruppen durch. Bald darauf proklamierte Khomeini die islamische Revolution im Iran; binnen kurzer Zeit verloren in der Folge insbesondere die Frauen viele ihrer Rechte und Freiheiten.

Da wir zu einer religiösen Minorität, der Bahá’í-Religion, gehören, die unter Khomeini brutal verfolgt wurde und auch weiterhin unterdrückt wird, konnte ich nicht nach Iran zurückkehren. Meine Eltern bekamen als Bahá’í keine Ausreisegenehmigung. Dies führte dazu, dass wir uns acht Jahre lang nicht sehen konnten, was mir extrem schwerfiel, denn ich hatte immer eine sehr innige und vertrauensvolle Beziehung zu meinen Eltern. Ich wurde immer liebevoll von ihnen behandelt und verwöhnt. In der Zeit der Trennung von meinen Eltern waren mein Bruder und ich für einander die größte Stütze.

1984, ich hatte inzwischen in Los Angeles mit dem Studium der Psychologie begonnen, gelang es meinen Eltern und meinem jüngeren, damals 12-jährigen Bruder, mit Hilfe eines Schleusers die Grenze zur Türkei zu überqueren. Mit zwei Koffern in der Hand haben sie all ihr Hab und Gut hinter sich gelassen, um ihr Leben zu retten. Zuvor war mein Vater, der 30 Jahre lang eine Apotheke betrieben hatte, vom Regime enteignet worden. Das hatte für meine Eltern schließlich den Ausschlag gegeben, ihrer Heimat den Rücken zu kehren.

Nach einem sechsmonatigen Aufenthalt in der Türkei durften meine Eltern nach Österreich weiterreisen, um dort auf ihr Visum für die Vereinigten Staaten zu warten. Da es nun keine Hindernisse mehr gab, meine Eltern wiederzusehen, entschied ich mich, meine Eltern während der Semesterferien in Österreich zu besuchen.

Um das Studium und meinen Lebensunterhalt finanzieren zu können, arbeitete ich tagsüber in Vollzeit; an die Uni ging ich dann erst am Abend. Ausgepowert und zermürbt von den vielen Sorgen um meine Eltern und der Doppelbelastung durch Arbeit und gleichzeitiges Studium, entschied ich mich nach der Rückkehr aus Europa, die Arbeit an den Nagel zu hängen. Ich wollte ich mich ganz meinem Studium der Entwicklungspsychologie widmen können und beschloss daher, mir zu dessen Finanzierung eine Teilzeitarbeit an der Uni zu suchen.

Es kam aber alles ganz anders. Während des Besuch bei meinen Eltern hatte ich auch Deutschland bereist und dort meinen späteren Mann kennengelernt. 1985 haben wir geheiratet, und so wurde Deutschland zu meiner neuen Heimat. Da ich von meinen früheren Urlauben in Deutschland wunderbare Erinnerungen hatte, war es für mich das geringste Problem, mich an die neue Umgebung zu gewöhnen. Neugierig und mit großer Freude habe ich mich daran gemacht, die deutsche Sprache zu erlernen und die Kultur des Landes kennenzulernen.

Zwei Jahre später, 1987, wurde unser Sohn geboren und anderthalb Jahre später, 1989, ist unsere Tochter zur Welt gekommen. Unsere Kinder bereiten uns bis heute sehr große Freude.

Da ich sehr unglücklich war, dass ich mein Studium nach der Übersiedlung aus Deutschland nicht hatte abschließen können, entschied ich mich, es wieder aufzunehmen, als unsere beiden Kinder in die Schule kamen. Allerdings waren die Kinder noch sehr klein, und weder in unserer Stadt noch in der unmittelbaren Nähe gab es eine Universität. Ich entschied mich daher für ein Studium an der FernUniversität Hagen, die sich für mich als ideale Alternative zu einer Präsenzuni anbot.

Trotzdem war der Weg sehr steinig. Weil die Universitäten in Deutschland und in den Vereinigten Staaten komplett unterschiedlich aufgebaut und strukturiert sind, wurde mein Studium in Deutschland nur teilweise anerkannt. Von den drei Jahren Studium in den USA wurde mir in Deutschland auf mein Studium nur ein einziger Schein angerechnet. Es blieb mir aber nichts anderes übrig, als das zu akzeptieren. Zwischen Kindererziehung und zwei großen Umzügen bemühte ich mich, mein Studium zu Ende zu bringen. Im März 2014 gelang es mir schließlich, einen Magister in den Fächern Philosophie und Soziale Verhaltenswissenschaften zu erhalten, was mich mit Freude und auch mit Stolz erfüllte.

Neben Studium und Familie habe ich mich immer wieder sozial engagiert. Als wir im Jahr 1999 nach Schwäbisch Hall zogen, wollte ich möglichst schnell wieder Freunde finden, um der Einsamkeit zu entkommen, in die ich nach dem Umzug geraten war. Das war immerhin mein fünfter großer Umzug in eine ganz neue Umgebung (nicht zu vergessen die vielen kleinen Umzüge innerhalb der Städte, in denen ich gelebt habe). Mich packte die Sehnsucht nach meinen alten Freunden. Besonders vermisst habe ich meine buntgemischten internationalen Freundeskreis in Los Angeles. Da dachte ich mir, dass ein Engagement in einem internationalen Verein die beste Lösung wäre.

Ich begab mich also auf die Suche nach einem internationalen Verein in meiner Wahlheimat Schwäbisch Hall. Doch vergeblich, ein derartiger Verein existierte in Hall nicht. So entschied ich mich, selbst einen zu gründen. Zusammen mit einigen netten und interessanter Frauen aus den verschiedensten Ländern habe ich 2001 den „Internationalen Frauenkreis“ gegründet. Unser Engagement hat uns nicht nur viel Spaß gemacht, es hat auch viele Früchte getragen, und ich konnte viele wunderbare und tolle Menschen kennenlernen. Im Jahr 2008 erhielten wir sogar in einem bundesweiten Wettbewerb in Berlin den dritten Preis. Wir haben uns mit vielen Organisationen vernetzt und einige kleinere und größere Projekte auf die Beine gestellt. Unser Theaterprojekt „Abenteuer Vielfalt“ für Jugendliche beispielsweise, das wir 2009 gründeten, wurde zweimal von der IHK Heilbronn mit einem Anerkennungspreis ausgezeichnet - einem kleinen und einem großen. Weil unsere Themen eigentlich nicht frauenspezifisch sind, haben wir unseren Kreis in diesem Jahr zu einem „Internationalen Kreis“ erweitert, in dem sich alle willkommen fühlen und engagieren können, egal ob Mann oder Frau, jung oder alt.

So kommt es, dass ich meine verlorene Heimat in Hall wiedergefunden habe. Natürlich vermisse ich meine eigentliche Heimat immer noch oft und wünsche mir sehnsüchtig, die Straßen meiner Kindheit wiederzusehen. Meine wunderbaren Freunde zwischen Schwäbisch Hall und Los Angeles helfen mir aber sehr, diesen Schmerz zu lindern.

Was ich über mein Leben im Iran erzählte habe, mag den Eindruck erwecken, dass ich zu der privilegierten Schicht des Pahlavi-Regimes gehörte. Ich betrachte meine Familie aber nicht als eine privilegierte Familie, eher als eine Familie der oberen Mittelschicht. Natürlich gab es viele Menschen, denen es unter dem Schah-Regime schlechter ging, dennoch haben damals viele Iraner so gelebt wie wir. Die wirklich „Privilegierten“ dagegen haben in ganz anderen Verhältnissen gelebt. Dass wir uns Auslandsreisen leisten konnten, hatte damit zu tun, dass wir viele Verwandte im Ausland hatten, die wir besuchen konnten. Da die Bahá’í im Iran auch unter dem Schah in der Arbeitswelt oft keine guten Chancen hatten, sind viele ins Ausland gegangen. Viele wurden erfolgreich in Ihrem Beruf. Dadurch verteilten sich auch meine Verwandten in der ganzen Welt. Meine Großeltern haben oft ihre Geschwister und andere Verwandte in aller Welt besucht. Die zwei Urlaube, die ich in Deutschland verbrachte, waren auch mit dem Besuch meiner Tanten und Onkeln, die in Deutschland lebten, verbunden. Mein Onkel in Wiesbaden war Prof. Nossrat Peseschkian, der Begründer der Positiven und Transkulturellen Psychotherapie. Seine Bücher wurden bis heute in mehr als 20 Sprachen übersetzt, und seine Methode wird an zahlreichen Universitäten gelehrt. Diesen Erfolg hätte er allein wegen seiner Religion im Iran nie haben können, auch nicht während der Herrschaft des Schahs.

Das zeigt, dass es die Freiheit der Bahá’í im Iran zu Zeiten des letzten Schahs nur eine oberflächliche war. Das hat auch meine Familie hautnah zu spüren bekommen. Mein Großvater Dr. Suleyman Berjis, ein angesehener Arzt in Kaschan, wurde 1950 nach Erlass einer Fatwa gegen ihn brutal ermordet. Aus Angst vor den Geistlichen hat der Schah es versäumt, die Bahá’í zu unterstützen. Nicht nur wurden die Täter ohne jegliche Strafe freigelassen, sie wurden sogar als Helden gefeiert.

Dieses Ereignis ist gut dokumentiert, u.a. in einem Artikel von Nasser Mohajer[1],der auch ins Englische übersetzt wurde. Zu dieser Zeit gab es im Iran sehr viele Übergriffe auf Bahá’í. Dagegen haben der Schah und sein Regime nichts unternommen. Was Mohajer, ein unabhängiger Wissenschaftler am Ende seiner Darstellung berichtet, ist bemerkenswert. Nach einer Analyse des damaligen Staatsanwaltes der Stadt Kaschan, Mohammad-Taghi Damghani, sei das meinem Großvater zugefügte Unrecht ein Wegbereiter für die sogenannte Islamische Revolution im Iran gewesen. In der Islamischen Republik Iran hat sich die Situation der Bahá’í im Vergleich drastisch verschlechtert. Die zuvor unterschwellige Unterdrückung wurde offensichtlich und sogar gesetzlich sanktioniert, und es gab auch gegen Bahá’í viele Todesurteile. Die Bahá’í werden leider bis heute massiv unterdrückt.

Aufgrund der unerträglichen Situation nicht nur für die Bahá’í, sondern auch für viele andere Iraner, haben in der Folge viele Iraner das Land verlassen. Obwohl der neue iranische Präsident Hassan Rohani angekündigt hat, Gleichberechtigung für alle Iraner schaffen und die Rechte aller Iraner respektieren zu wollen, hat sich die Situation für die Bahá’í im Iran bisher nicht merklich verbessert. Dennoch hegen die Bahá’í die Hoffnung, dass der Präsident sich an sein Versprechen halten wird.

Große iranische Exil-Gemeinden gibt es heute nicht nur in den Vereinigten Staaten, sondern auch in vielen Ländern Europas ─ zum Glück auch in Schwäbisch Hall, wo ich tolle iranische Freunde gefunden habe, die mich meiner Heimat ein Stück näher bringen. Zusammen reden wir oft über den Iran. Das hilft mir, die schönen Erinnerungen an meine Heimat in meinem Herzen zu bewahren und die Sehnsucht nach ihr, wenn auch nur zeitweilig, zu stillen.

[1] Baran Journal, Nr. 19 und 20, Frühjahr und Sommer, 1387 (2008), S. 10-24.





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