Angelo Bengui, geboren 1969 in Angola

mit echten Rastas

mit echten Rastas

mit seiner Mutter

mit seiner Mutter

 


Übersicht Erzählwerkstatt

Angola - Dresden - Bretzfeld/Heilbronn


Als ich 20 Jahre alt war, nutzte ich die Chance, ins Ausland zu kommen.

Angola hatte sehr lange unter der Kolonialdiktatur gelitten. Als das Land 1975 unabhängig wurde, war die Begeisterung groß. Doch sie dauerte nicht lang, und das Land versank im Bürgerkrieg.

Als kommunistisches Land hatte Angola Unterstützungsabkommen mit anderen kommunistischen Ländern. Auf diese Art war es für angolanische junge Leute möglich, ins Ausland zu gehen und dort eine Ausbildung zu machen.

So war ich und meine Kollegen in die DDR gekommen, um eine Berufsausbildung zu machen oder ein Studium an einer Hochschule zu absolvieren.

Oktober 1989: In Angola ist Hochsommer - und ich muss zum ersten Mal in meinem Leben in ein Flugzeug steigen, um nach Europa zu fliegen. Zum ersten Mal verlasse ich meine Mama und meine Geschwister - allein.

Die Vorfreude ist groß. Es ist aufregend.

Wir sind eine Gruppe von jungen Leuten, und wir sind alle neugierig. Wir wissen, ab heute ändert sich etwas in unserem Leben. Wir werden entweder Helden sein oder Versager.

Aber schon am Flughafen in Luanda scheint die Illusion zu platzen.

Alles ist fertig, wir haben den Check-in hinter uns. Jetzt sitzen wir seit über zwei Stunden hier und warten auf den Abflug. Da kommt die Meldung:

"Das Flugzeug hat einen technischen Defekt. Wir fliegen heute nicht. Wer will, kann nach Hause gehen und morgen wieder kommen."

"Waaas?! - Wir sind froh dass wir hier sind! Draußen ist 'RUSGA'!"

So nannten wir die Zwangsrekrutierung. Da gingen die Militärs durch die Straßen und schnappten sich die jungen Leute für die Armee.

Im ganzen Land tobte der Krieg! - Und ich sollte wieder nach Hause! Wie sollte ich meine Familie benachrichtigen? Es gab kein Telefon! Wir entschlossen uns zu warten, bis das Flugzeug bereit war. So verbrachten wir zwei Tage auf dem Flugplatz. Und die zuhause dachten, ich sei schon in der DDR!!

Dann ist es so weit. Wir sitzen tatsächlich im Flugzeug und fliegen über Italien nach Russland, mit einem Zwischenstop in Moskau.

Moskau! Da freuten wir uns alle. Das ist doch das Land unserer Vorbilder, Juri Gagarin, Anatol Karpow, Gari Kasparow.

'Moskau ist auch 'unsere' Hauptstadt! Wir sind doch Kommunisten!' so dachten wir. Aber außer dem Flughafen haben wir nichts gesehen.

Wir laufen durch den schlauchartigen Gang vom Flugzeug zum Flughafengebäude Richtung Warteraum. In jeder Ecke steht unbeweglich ein bewaffneter Milizionär, der uns mit scharfem Blick anstarrt.

Einige von uns schütteln den Kopf und sagen enttäuscht:

"Wir haben zu Hause schon genug Waffen gesehen - und nun sind hier auch überall bewaffnete Leute!"

Der Warteraum ist nichts Besonderes. Unser einziger Lichtblick in Moskau sind die Putzfrauen. Die sind alle um die 20 Jahre alt, attraktive, echte, russische Blondinen...

Für unsere angolanischen Augen ist das etwas Besonderes. Zwar sind wir es gewohnt, in den Tellenovelas im Fernsehen die Dunkelhaarigen aus Brasilien zu sehen. Aber waschecht blond und blauäugig, das ist noch etwas anderes!

Einer aus der Gruppe sagt: "Wenn ich so eine geschenkt bekomme, dann fliege ich gleich nach Angola zurück."

Endlich sind wir da. Berlin-Schönefeld, der DDR-Flughafen. Draußen warten zwei Busse. Sie fahren uns nach Dresden. Hier soll unser neues Leben beginnen.

Dresden
Jetzt waren wir also da, in unserer neuen Heimat, in der wir die nächsten Jahre verbringen sollten.

Die Zimmeraufteilung im Wohnheim war schon gemacht. Zu zweit oder zu dritt teilten wir uns ein Zimmer, und obwohl wir uns großenteils nicht kannten, war es kein Problem. In Angola sind wir von überall hergekommen. Aber trotz der unterschiedlichen Herkunft: wir sind alle Mwangoles (Angolaner), also müssen wir zusammenhalten, und ab heute zählt für uns alle nur eins: Deutsch lernen!

Als erstes haben uns unsere Betreuer die Reisepässe weggenommen, damit wir nicht nach Westdeutschland gehen können. Wir bekamen dann einen DDR-Personalausweis. Damit konnten wir überall hingehen, aber eben nur in der DDR. Wir haben protestiert, doch erst kurz vor der Wende bekamen wir unsere Pässe wieder.

Wenn die Wiedervereinigung nicht gekommen wäre, hätten wir die Pässe nur für den Flug in den von der angolanischen Regierung finanzierten Heimaturlaub wieder bekommen.

Unser Wohnheim war ein dreistöckiges Gebäude, das für uns renoviert worden war. Alles war neu. Die Betten, die Tische, auch die Küchengeräte. Im Untergeschoß gab es Gemeinschaftsduschen.

Geheizt wurde mit Kohle. Wir hatten vier Hausmeister, die in Wechselschicht arbeiteten. Sie waren gleichzeitig unsere Betreuer.

Wir mussten Miete bezahlen. Das Geld wurde direkt von unseren Einkommen, das heißt, von dem, was wir von unserer Ausbildungsfirma bezahlt bekamen, abgezogen.

Wir mussten uns um nichts kümmern. Unsere Betreuer machten alles für uns.

Es gab im Haus ein Zimmer, welches für Besucher reserviert war. Wenn jemand Besuch hatte, musste er das beim Hausmeister anmelden und bekam die Schlüssel.

Die Umgebung und die Menschen, alles war aufregend und unbekannt.

Für mich und alle anderen Afrikaner war dies das erste Mal, dass wir heißes Wasser hatten und eine Heizung brauchten. Das war neu und fremd für uns. Erst da wurde uns klar, dass wir uns in einer ganz anderen Welt befanden. Alles war kalt. Ohne Heizung ging es nicht.

Auch kannten wir uns noch nicht, obwohl wir aus demselben Land kamen. Wir mussten neue Freundschaften schließen. Und die Muttersöhnchen mussten lernen, wie man sich selbst etwas zu essen kocht. Dazu gehörte auch ich. In Angola konnte ich nur Milchreis und Haferflocken kochen.

Nach etwa vier Wochen ging es uns schon besser. Wir kannten uns und hatten bereits eine Fußballmannschaft gegründet.

Bald sprachen wir auch über unsere Frauen und Freundinnen, die in Angola geblieben waren, und wir waren uns einig, ohne sie ist das Leben schwer.

Einige Kollegen waren verheiratet und hatten ihre Familie zurück gelassen, und da wir fast alle noch nie so weit weg von zuhause waren, fühlten wir uns manchmal wie gestrandet auf einer einsamen Insel.

Keine Freunde, keine Familie. Dieses Gefühl kannten wir vorher nicht. Nur die Kollegen, die direkt von der Armee kamen, waren es gewohnt, ohne Familie zu leben. Sie halfen uns das Heimweh zu überwinden.

Agustinho schaffte es nicht. Er ging freiwillig zurück nach Angola.

Frauen waren immer ein Thema, nicht nur weil wir uns einsam fühlten, sondern wir waren der Meinung, mit eine Freundin hat man andere Gesprächsthemen, und deutsche Frauen haben vielen Kollegen das Deutsch-Lernen erleichtert.

Mein Gott, die weißen Frauen sind echt eine Klasse für sich. Blond mit blauen Augen, schwarzhaarig mit grünen Augen, und auch braune Augen wie unsere gibt es. Fast alle sehen gut aus.

In Angola gibt es auch weiße Leute. Aber sie sehen irgendwie anders aus. Vielleicht hat das mit dem Wetter zu tun. Die Weißen in Angola haben auch nicht sehr viel Kontakt zu uns. Selbst diejenigen, die schon seit langer Zeit dort leben oder sogar dort geboren sind.

Mein Herz klopfte, wenn ich um 7:30 morgens in den Bus einstieg und die vielen schönen Frauen sah. Ich dachte:

Die guckten mich mit schrägen Augen an. Aber sie lächelten immer irgendwie. Die älteren Frauen waren sogar sehr hilfsbereit.

Aber wie stelle ich den Kontakt her? fragte ich mich wieder und wieder.

Ich kann nicht einmal 'Guten Tag' sagen. Und die Aussprache ist soo schwierig.

Ich dachte, ich muss mich irgendwann trauen. Sonst wird niemand mit mir sprechen. Die Leute sind aber auch wirklich schwer zu verstehen.

Ich wartete darauf, endlich mit jemandem Deutsch zu sprechen. Doch die schauten mich immer nur an und lächelten. Warum? - Weil sie mich für einen Affen hielten?

Viele wollten nicht glauben, dass ich nicht direkt aus dem Busch komme und weiß, was ein Radio und ein Fernseher ist.

Für die Männer waren wir nur Schwarze, Neger, ohne Bedeutung.

Hier erschien der Rassismus ganz offen. Ein Angolaner kennt Rassismus. Jedoch so extrem wie hier ist er in Angola nicht. Er ist bei uns nicht mit so tiefem Hass verbunden. Man sagt vielleicht "Du Arschloch", aber deswegen hasse ich denjenigen doch nicht.

Kinder versuchten immer wieder, mit dem Finger über meine Haut zu streichen, um zu gucken, ob ich abfärbe. Aber die Mütter waren nicht in der Lage, dem Kind zu erklären, dass es auf der Welt Menschen mit verschiedenen Hautfarben gibt. Meist zogen sie die Kinder einfach weg.

Sogar Menschen aus der Unterschicht, Menschen, die selbst auf fremde Hilfe angewiesen sind,, taten so, als wären sie etwas Besseres, wenn sie einen Afrikaner sahen.

Aber ich will doch hier bleiben! dachte ich. Wie soll das gehen, wenn ich nur ein Affe bin. Wie soll ich mit diesen Leuten klar kommen?

Trotzdem fühle ich mich wohl hier, und ich habe auch schon ein paar Freunde gefunden. Sie kommen von überall her. Doch die meisten sind Afrikaner.

Medizin-Check
Noch bevor es richtig los ging, mussten alle zum Medizin-Check.

Mann, was sollen diese Untersuchungen noch. Wir haben uns doch in Luanda schon untersuchen lassen. Geimpft sind wir auch, dachte ich. Aber es blieb uns nicht anderes übrig. Wir mussten!

Am nächsten Morgen ging es zum Arzt, Blut Urin und Stuhlprobe abgeben.

Nichts essen und nichts trinken.

"Wow," sagte einer, "Ich habe Angst vor Spritzen..."

Wir fragten nach. Was wollen die genau untersuchen?

Die Antwort war: "Ihr seid Afrikaner, und bei euch gibt es viele Krankheiten. Vor allem AIDS ist ein Grund für diese Untersuchungen."

Also wir haben wirklich viele Krankheiten in Afrika. Lasst uns machen, was die wollen.

Der Arzt zapfte Blut ab. Immer wieder. Immer wieder mussten wir antreten. Fast drei Monate ging das Theater mit den Untersuchungen. Am Ende war keiner HIV-positiv. Alle waren gesund bis auf einige kleinere Infektionen, die man schnell in den Griff bekam.

Shopping
Nach diesen Untersuchungen durften wir uns zum 'Shoppen' begeben.

Es wurde Winter. - Winter!? - Ach, das kennen wir doch aus Filmen. Aber eine genaue Vorstellung hatten wir nicht.

Wir waren ohne Winterbekleidung gekommen, und der erste Monat, Oktober, war nicht kalt. Wir konnten uns gar nicht vorstellen, was man uns über die Kälte und die Winterzeit erzählt hatte. Wir fuhren also mit unseren Betreuern und einem Dolmetscher zu einem Einkaufszentrum, um Winterbekleidung zu kaufen. Der Betreuer sagte uns:

"Kauft euch dicke Pullover, lange Hosen, Handschuhe, Wintermäntel und Winterschuhe."

Das Geld für diesen Einkauf wurde uns von unserer Ausbildungsfirma geliehen, bei der wir später lernen sollten.

Aber als wir in den Laden kamen, haben wir uns nur für leichte Sonmmersachen interessiert. Keiner hat Winterklamotten gekauft. Die Mäntel, die da hingen, fanden wir nicht schön und die Schuhe auch nicht. Es waren genügend gefütterte Stiefel da. Aber für uns war das alles zunächst einmal einfach uninteressant.

Nach etwa einer Stunde sollten wir uns am Ausgang treffen. Aber vorher standen wir Schlange an der Kasse - ohne ein Stück warme Bekleidung. Der Betreuer sah das und schickte uns zurück in den Laden. Er sagte:

"Das sind keine Wintersachen."

Wir maulten: "Was da ist, das gefällt uns nicht."

Darauf der Betreuer: "Es geht nicht um Schönheit. Es geht um Schutz. Ihr müsst euch vor der Kälte schützen."

Hmm! - Als Afrikaner wissen wir nicht, wie sich Kälte anfühlt.

Aber bald sollten wir es lernen. Uns war überhaupt nicht bewusst, wie kalt es in Europa werden kann.

Schließlich haben wir vor lauter Eile fast alle die gleichen Sachen gekauft. Als der Winter dann da war, sahen wir wie ein Armeebatallion aus. Alle Mäntel hatten dieselbe Farbe und den gleichen Schnitt. Mann, war das peinlich, wenn wir alle zusammen zur Bushaltestelle gingen!

Deutsch lernen
Die Lehrerin kommt herein und sagt 'Guten Morgen', und alle anderen antworten 'Guten Morgen'. Die Schüler setzen sich, und die Lehrerin fängt an zu erzählen. Keiner versteht sie. Aber andere Sprachen darf sie nicht benutzen. Sie muss immer deutsch sprechen. Das ist Vorschrift.

Für mich und die anderen Schüler war das so exotisch wie Japanisch.

Wir kommen aus einem Land, in dem es keine eigene Landessprache gibt. Portugiesisch, die Amtssprache in Angola, stammt noch aus der Kolonialzeit. Hier versteht das niemand.

Im Unterricht versuchte jeder etwas in der fremden Sprache zu sagen, auch wenn es nur ein bisschen war. Die deutsche Sprache war bisher für niemand von uns ein Begriff, obwohl deutsche Produkte in Angola sehr bekannt sind. Allen voran Mercedes, Aspirin und IFA-LKW aus der DDR. Die waren in Angola sehr beliebt. Leider gab es damit viele Unfälle. Das Bremssystem war so schlecht, dass es am Berg immer wieder versagte.

Also - ich bin jetzt in dem Land, wo dieses Auto herkommt.

Aber die Sprache ist einfach sooo schwer!

Zum Glück gibt es einen Dolmetscher, den wir anrufen können, und ein Telefon im Klassenzimmer ist auch da, und wenn die Wörterbücher nicht weiter helfen, dann greift jemand zum Telefon und fragt den Dolmetscher. Der ist einer von unseren Landsleuten. Aber er ist keine große Hilfe. Er ist meist zu betrunken, um zu übersetzen.

Es bleibt keine andere Wahl. Meine Landsleute und ich müssen Deutsch lernen. Grammatik büffeln war eine echte Herausforderung. Aber auf der Straße war eine andere Sprache gefragt. So lernten wir zuerst die schlimmen Wörter und dann die richtigen. Das verstanden meine Freunde und ich sehr schnell.

Unsere Deutschlehrerin nahm alles locker und wir dachten, mit ihr könnte man über alles reden, und jeder der sich für einen Mann hielt, wollte es bei ihr versuchen. Aber sie lachte nur und ließ keinen von uns an sich heran.

Der Unterricht war abwechslungsreich. Wir arbeiteten oft mit einem Glossar. Wir machten Übungen und lasen viel und versuchten immer öfter Konversation zu machen und Rollenspiele. Das war lustig, weil wir noch nicht so viel Deutsch konnten und so sprachen wir ein Mischmasch aus unserer Sprache, Portugiesisch und Deutsch.

Ganz langsam fingen wir an, die neue Sprache zu verstehen.

Weihnachten 1989 - erste Begegnung mit Jugendlichen
In meiner Heimat war ich begeistertes Mitglied des katholischen Kirchenchors. Mit dieser Begeisterung ging ich auch in Dresden in die Kirche. Beim ersten Mal saß ich da und verstand kein Wort. Aber die katholischen Gottesdienste laufen überall in der Welt gleich ab, und so konnte ich nachempfinden, wo der Pfarrer im Moment war.

Eines ist mir jedoch gleich klar: Die Kathedrale ist zwar schön, und alles ist wie bei uns in San Antonio. Aber die Kirche war kalt, sehr kalt.

Als einziger Afrikaner unter Hunderten von Deutschen, dachte ich, dass nach dem Gottesdienst sich schon jemand bei mir melden wird. Aber dann hatte doch niemand Interesse.

Ich fragte den Betreuer im Internat, wie ich Kontakt zu den Kirchenleuten aufnehmen könnte. Der Betreuer besorgte mir eine Telefonnummer. Ich rief dort an und sagte, dass ich kein Deutsch kann, aber ein bisschen Englisch und Französisch.

Wir vereinbarten einen Termin mit der Jugendgruppe. Wir gingen zu zweit dort hin. Um die Kommunikation zu erleichtern, ging ich mit einem Kollegen, der Englisch und Französisch sprach. Wir hatten uns viel erhofft von diesem Treffen. Am meisten interessierte uns, wie die Jugend in der Kirche mitarbeitet. Und ich wolllte gern wieder einmal im Chor singen.

Die jungen Leute waren alle gespannt, was die Gäste aus Afrika zu erzählen hatten.

Die meisten konnten keine fremdsprachen ausser Russisch. Aber zwei Jungen konnten ein bisschen Ennglisch und französisch. Die haben sich dann immer abgewechselt. Wenn der eine auf Englisch nicht weiter konnte, hat es der andere mit Französisch versucht. So haben wir uns unterhalten.

Wir redeten über Gott und die Welt. Doch das Interesse der Jugendlichen war nicht unsere Arbeit in der Kirche, sondern das Leben in Afrika. Die Fragen waren dieselben wie so oft:

- Was macht deine Familie? - Wie wohnt ihr? - Habt ihr Wasser? - Gibt es bei euch auch Städte?

Wir konnten nicht glauben, dass die Leute, die uns eingeladen hatten, keine Ahnung von Afrika hatten. Jedes kleine Kind bei uns - zumindest in Luanda - weiß, wie Europäer aussehen.

Wir haben den Jugendlichen erzählt, dass es alles, was es hier gibt, auch bei uns gibt. Sicher, auch bei uns gibt es Menschen, die noch nie einen Weißen gesehen haben, oder nicht wissen, was elektrischer Strom ist, aber nur in den Dörfern tief im Busch, nicht in der Stadt. Wir versicherten, dass das Leben bei uns in der Stadt gnaz normal ist, so wie hier. Niemand lebt auf Bäumen wie ein Affe. Der DDR-Botschafter wohnt in einer Villa.

Als wir gefragt wurden, ob es bei uns auch Autos gibt, antworteten wir:

"Ja klar. Alle Automarken. Nur U-Bahn und Straßenbahn haben wir nicht."

Und dann sagte mein Kumpel noch, dass bei uns jeder der Geld hat, sich jedes Auto kaufen kann, von Mazda bis Mercedes. Daraufhin wurde es ganz still:

"Mercedes?" - "Ja, jeder, der es sich leisten kann, kann sich so ein Auto kaufen."

Da wunderten sich alle.

Wir fragten: "Warum soll Autokaufen ein Problem sein?"

Sie sagten: "Hier bei uns muss man erst bestellen und dann lange warten."

Ein Auto zu kaufen war in der DDR schwer, weil in der DDR Autos nur für den Eigenbedarf produziert wurden. Importe aus dem westlichen Ausland gab es nicht.

Deshalb gab es immer zu wenige Autos.

Wir erklärten: "Wir bauen keine Autos. Wir importieren sie. Deshalb warten wir nicht. Jeder kauft nach seinen Möglichkeiten. Aber nur diejenigen, die gute Geschäfte machen, können sich einen PKW leisten."

Dann sollten wir denen erklären, wie man in einem Dorf ohne Strom und Wasser lebt. Wir sagten: "Wir Afrikaner versuchen, das Leben so einfach wie möglich zu machen. Jeder versucht mit dem, was er hat, so gut es geht zu leben, und das Wasser kann man überall holen.

Bis Ende der 80er Jahre war Luanda nicht überbevölkert, und in jedem Bairro, d.h. Stadtteil ausserhalb vom Zentrum, gab es Chafaris, das sind Wasserbrunnen,wo die Bewohner jederzeit konstenlos sauberes Wasser holen konnten. In der Stadt gibt es Wasserleitungen und Kanalisation in jedem Gebäude.

In den Dörfern ist es sogar einfacher mit dem Wasser als in den Städten,

weil man ein Dorf nie weit von einem Fluss baut. Ich kommen nicht aus den Sahara, einem Gebiet, wo es kein Wasser gibt. Wir müssen keine Brunnen graben. Wir trinken aus dem Fluss, oder direkt von der Quelle.

"Die Mutter von die Eier"
Die Reise in die DDR war für mich das erste Mal, dass ich ohne meine Familie auskommen musste. Alles musste ich ab jetzt selbst machen:

Kochen, putzen, waschen und bügeln...

In Dresden angekommen, musste ich mich erst einmal an das fremde Essen gewöhnen und an die Sprache. Am Anfang bekamen wir deutsches Essen. Es wurde für uns gekocht. Aber wir waren gar nicht begeistert von dem, was uns da vorgesetzt wurde. Das Frühstück war ok, das Mittagessen ging auch. Aber das Abendbrot war ein großes Problem, denn in Angola essen wir abends warm und nicht einfach Brot mit Aufschnitt oder Käse.

Nach drei Monaten hatten wir genug von der deutschen Küche. Uns fehlte einfach das 'Fufu'. Also beschlossen wir, gemeinsam zu unseren Betreuern zu gehen und uns für das Selber-Kochen stark zu machen. Wir sagten ihnen, dass wir unser Abendessen selbst kochen wollten.

Es gab im Internat eine Küche, jedoch ohne Herd. es gab nur Kühlschränke und ein paar Schränke, um Kleinigkeiten aufzubewahren.

Der Betreuer sagte, er werde für uns die Küche fertig machen lassen. Als die Küche fertig war, haben wir angefangen, selbst zu kochen. Aber wir wussten nicht, wo wir die Zutaten für Fufu finden sollten. Der Grundstoff dazu ist Maniokmehl. Jeder von uns wollte 'Funge' essen (so heißt Fufu auf Portugiesisch), aber die Hauptzutat fehlte und war nirgends zu bekommen.

Ein Kollege, der bei seinem Freund in Berlin zu Besuch war, aß dort Grieß mit Soße und Fleisch. Das ist fast wie Funge. Er fragte, wo man sowas kaufen kann und wie es auf Deutsch heißt.

Die Angolaner, die schon länger in der DDR waren und etwas Deutsch sprechen konnten, erklärten ihm, dass das, was er grade gegessen hat, auf Deutsch Grieß heißt.

Wir gingen also alle in die Kaufhalle, um Grieß zu kaufen.

Grieß gefunden und Fleisch auch. Also war jetzt alles klar. Wir konnten wieder wie zuhause essen. Früh Tee, mittags warm und abends auch warm. So waren wir es gewöhnt. Aber eines fehlte uns noch: Der 'Frango'.

In der DDR heißt das Broiler, in Westdeutschland ist das ein Hähnchen. Schweinefleisch hatten wir genug. Aber für ein Abendessen wie zuhause fehlte uns noch ein Broiler. Was machen wir nun?

Wie immer vor dem Einkaufen suchten wir erst einmal im Wörterbuch, um die Namen von dem, was wir kaufen wollten, auswenig zu lernen oder abzuschreiben. Nur bei Broiler guckten wir nicht. Wir wussten auch schon, wie "ovos" auf Deutsch heißen, nämlich Eier.

In der Kaufhalle suchten wir überall, um den Frango zu finden. Der war aber unauffindbar. Dann fanden wir Eier. Also hier in der Nähe müsste auch der Frango sein, dachten wir. Aber da war keiner.

Und jetzt?

Einer von uns meinte, wir sollten die Angestellte oder die Verkäuferinnen fragen. Ein Anderer sagte, er wolle sich nicht blamieren. Ich fragte, warum blamieren? Da sagte er: "Weiß jemand von uns noch wie Frango auf Deutsch heißt?" -

"Oh Mist! Den Namen haben wir mal gehört. Aber wie war der noch???...."

Keiner wusste es. Dann fragen wir bitte! Aber wie? - der Name ist doch weg! - Wir hatten ein kollektives Blackout. Der Mutigste von uns ging also hin, nahm die Frau an der Hand, zog sie bis zu dem Stand, wo die Eier waren und fragte:

"Wo ist Mutter von die Eier? das Fleisch."

Die Verkäuferin: "Wie bitte?"

Daraufhin fingen wir alle an zu gestikulieren, und machten Bewegungen wie ein Vogel, der fliegt. Dazu riefen wir: "Bruh! Bruh!"

Da sagte die Frau: "Sucht ihr etwa einen Broiler?"

und wir alle miteinander riefen erleichtert:"Jaaa!!"

Also der Name ist Broiler! Im Internat wurde das dann unser Gag. Jedes Mal fragten wir wieder nach "die Mutter von die Eier".

Und dann kam die 'Wende'
Als wir nach Dresden kamen, war alles noch in Ordnung. Von Wiedervereinigung keine Spur. Wir durften jederzeit überall hingehen.

Wir sahen in dem neuen Land die Chance, ein gute Ausbildung zu erhalten und uns ein besseres Leben aufzubauen.

Was wir nicht ahnten war, wie unsicher die Situation in Wirklichkeit war.

Plötzlich kippte die Stimmung im Land. Wir waren ahnungslos. Die Fernsehbilder konnten wir sehen. Aber wir verstanden überhaupt nicht, worum es ging.

Auf einmal gab es in der Stadt Demonstrationen. Wir wurden immer informiert, wenn sie stattfanden. Vor allem, wenn die Neonazis wieder da waren. Bis vor kurzem waren es Fußball-Hooligans, jetzt waren es Neonazis, die wir fürchten mussten.

Dann sagte unser Dolmetscher und die Betreuer:

"Heute nicht in die Stadt gehen. Es gibt eine Demo."

"Demo? Was ist das?" fragten wir.

Einer der Betreuer erklärte es so:

"Die Rechten, die Neonazis, demonstrieren heute auf der Straße in der Stadtmitte. Sie hassen Ausländer."

"Aber warum hassen sie uns?" fragten wir.

"Weil sie Angst um ihren Arbeitsplatz haben."

"Aber wir arbeiten doch gar nicht."

"Als Schwarze sieht man euch immer sofort. Dann seid ihr die Zielscheibe der gewaltbereiten Neonazis."

Dann kam die 'Wende'. Deutschland wurde wiedervereinigt. Wir verstanden nicht, was das alles zu bedeuten hatte, nur so viel war klar: Es gab plötzlich keine DDR mehr.

Diese 'Wende' kam für uns Angolaner zur denkbar schlechtesten Zeit. Grade hatten wir unsere Ausbildung angefangen und jetzt war alles von einem Tag auf den anderen wieder infrage gestellt.

Wir erfuhren nichts von der Politik und niemand erklärte uns was vorging.

Eines Tages kamen Sieg und Alex, unsere Betreuer, und sagten mit Tränen in den Augen, dass sie arbeitslos würden, und wir, die Angolaner nach Angola zurück gehen müssten, weil die DDR nicht mehr existiert.

Ich habe erst einmal nicht viel davon gehalten, weil ich mir gar nicht sicher war, ob das stimmt. Wie kann ein Staat einfach aufhören zu existieren?

Ich war ja noch nicht lange da, und ich sollte fünf Jahre bleiben. Warum sollte ich mir nach einem Jahr schon Gedanken machen über meine Rückkehr?

Im Fernsehen sahen wir, die Demos gingen weiter. Vor allem in Leipzig und Berlin. Wir hatten zwei DDR-Sender und auf DDR 2 kam manchmal eine MTV-Aufzeichnung aus Holland. Nur so konnten wir Westfernsehen empfangen.

Alle DDR-Bürger freuten sich über die D-Mark. Als dann aber die meisten ihre Jobs verloren, war die Freude sehr schnell verflogen.

Das war für niemand eine einfache Situation. Die Menschen in der DDR wussten auch nicht, was auf sie zukommt. Viele Betriebe wurden geschlossen. Von heute auf morgen verloren die Leute ihre Arbeit.

So haben sie auch angefangen, Ausländern zu misstrauen und sie zu hassen.

Noch mehr verunsichert wurden sie, als die Wiedervereinigungspläne Wirklichkeit wurden.

Uns wurde mitgeteilt, dass auch unser Ausbildungsbetrieb geschlossen wird. Ein Teil der Mitarbeiter wurde entlassen, und wir sollten nach Angola zurück. Da wurde mir erst klar, was der Betreuer vor kurzem gesagt hatte.

Nun wollten die Deutschen also diese Wiedervereinigung, nachdem sie seit 1945, seit dem Ende des zweiten Weltkriegs, in zwei getrennten Staaten gelebt hatten - und wir sollten zurück nach Hause.
Nach Angola! in den Krieg!

Jetzt begann das große Kopfzerbrechen. Wir alle waren voller Fragen. Fragen, die wir

monatelang nicht mehr aus dem Kopf und aus unseren Gedanken kriegten:

  • Was sollen wir machen?
  • Zurück nach Hause? - Wieder in die Höhle des Löwen?
  • Wer geht? - Wer bleibt?
  • Die Familienangehörigen warnen vor einer Rückkehr.
    Also was tun?
  • Hier geht es mir eigentlich doch ganz gut. Trotz der Umstellung.
  • Oder soll ich doch nach Hause zurück? fragte ich mich wieder und wieder.
  • Ich habe doch noch nichts gelernt. Ich kann noch nicht einmal die Sprache von hier.
  • Ich habe alles liegen lassen, um hierher zu kommen und um etwas Besseres zu lernen.
  • Was wird aus mir, wenn ich zurück gehe?
  • und wie überlebe ich hier?
  • Wie soll das gehen, ohne Arbeit, ohne Geld, ohne Wohnung?
    Oh Gott, was bin ich für ein Pechvogel!

Tag und Nacht quälte ich mich mit denselben Fragen und fand doch keine Antwort. 'Jeder für sich. Gott für alle', sagte ich mir schließlich, und nach langen schlaflosen Nächten beschloss ich in Deutschland zu bleiben.

Doch dann kam der Betreuer und sagte:

"Alle die sich entschieden haben, hier zu bleiben, müssen sich eine andere Bleibe besorgen, d.h. eine Wohnung, weil das Wohnheim geschlossen wird, und niemand mehr dafür zuständig ist.

"Und wer kann mir bitte eine Wohnung besorgen?" fragte ich.

"Ihr müsst zum Wohnungsamt gehen und dort einen Antrag auf eine Wohnung stellen."

"Wie soll das gehen?" fragten wir, "wir können die Sprache noch nicht, und jetzt sollen wir einen Antrag stellen!"

Ich besorgte mir die Telefonnummer und ließ mir einen Termin geben.

Vorsichtshalber nahm ich drei Wörterbücher mit, ein deutsch-portugiesisches, ein portugiesisch-deutsches und ein französisch-deutsches.

Gleich als ich auf dem Amt ankam, ging es los. Die Frau hinter dem Schreibtisch verstand mich nicht. Ich öffnete mein portugiesisch-deutsches Wörterbuch und deutete auf das Wort 'Wohnung'.

"Ach so! Sie suchen ein Appartement! ..." und mithilfe der Zeichensprache erklärte sie mir:

"Ich kann Ihnen keine Wohnung geben. Aber ich gebe Ihnen einen Schein, damit Sie bei der Wohnungssuche keine Schwierigkeiten bekommen."

"Also hier kein Haus. Aber Papier," sagte ich in meinem gebrochenem Deutsch.

"Genau", sagt die Frau. "Genau! das ist doch mein Lieblingswort."

Der Traum ist vorbei!
Wir hier im Wohnheim kamen alle aus demselben Land. Wir sind uns vorher nie begegnet. Trrotzdem verstanden wir uns gut. Wir hatten schon eine Fußballmannschaft - und nun sollen wir uns wieder trennen. Wirklich schade, dass wir unsere vertraglich garantierte Ausbildung, kaum angefangen, abbrechen und uns von der DDR verabschieden mussten.

Unsere Betreuern waren am Anfang etwas distanziert. Aber bald fingen sie an, uns zu vertrauen. Mit der Zeit sind wir sogar Freunde geworden. Auch sonst hatte ich hier schon nette Leute kennen gelernt. - Und jetzt war alles vorbei!

Ich überlegte:hin und her. Schließlich stand meine Entscheidung fest:

Ich bleibe hier. Trotz allem.

Als die DDR am Ende war, bekamen wir eine Kündigung und eine finanzielle Abfindung für den nicht beendeten Arbeits- und Ausbildungsvertrag von dem Betrieb, in dem wir unsere Ausbildung machten und arbeiteten.

Doch nicht nur uns hatte man gekündigt, auch die DDR-Kollegen verloren ihre Arbeit. Fast alle Fabriken und Betriebe wurden dicht gemacht.

Die DDR- Kollegen wurden arbeitslos, und wir sollten nach Angola zurück.

Mit dem Geld, das wir erhalten hatten, haben wir eingekauft. Alle Sachen, die wir im Wohnheim hatten, konnten wir kaufen und nach Angola mitnehmen. So haben alle Kollegen, die nach Angola zurück gegangen sind, ihre Betten, Schränke, Kühlschränke mitgenommen.

Selbst unsere Kochherde konnten wir für einen kleinen Geldbetrag kaufen.

Die angolanische Regierung stellte uns einen 40-Fuss-Container zur Verfügung, damit wir unsere Sachen alle mitnehmen konnten. Sie übernahm die gesamten Kosten für den Transport. Selbst die PKWs, die wir gekauft hatten, wurden nach Angola verschifft, und auch die Zollgebühren wurden von der Regierung übernommen.

Kollegen die etwas gespart hatten, konnten viele Sachen kaufen und kostenlos nach Angola schicken. Dort haben sie alles wieder verkauft. So konnten sie sich eine Existenzgrundlage schaffen und Geschäfte machen oder ein eigenes Geschäft aufbauen. Aber diejenigen, die nichts gespart hatten, waren arm dran, weil die Regierung in Angola sich nach ihrer Rückkehr nicht mehr um sie gekümmert hat.

Manche meiner Kollegen sind reich geworden mit dem, was sie aus der DDR mitgebracht hatten. Doch die meisten haben nichts außer ihren Erinnerungen.

Die Rettung
Für diejenigen, die in der BRD geblieben sind, war es auch schwierig. Es war nicht einfach, hier Fuß zu fassen.

Im Moment saßen wir allerdings noch ziemlich ratlos in Dresden.

Plötzlich, im Herbst 1990, kamen Pinto und Paulo und sagten:

"Ey Jungs, wir habe einen Unternehmer getroffen, der sucht Arbeitskräfte. Er wird sich um alles kümmern. Wohnung, Aufenthaltsgenehmigung ..." Aufenthaltsgenehmigung? Was ist das denn schon wieder? Das haben wir doch bisher auch nicht gebraucht!

Als Ausländer brauchte man jetzt eine Aufenthaltsgenehmigung.

Um die zu bekommen, musste man einen Job haben und eine Wohnung oder zumindest eine Meldeadresse.

Die Aufenthaltsgenehmigung wurde in den Pass gestempelt nachdem wir unsere Angola-Pässe wieder bekommen und den DDR-Personalausweis zurück gegeben hatten.

Jetzt sollten wir uns also mit diesem Unternehmer treffen, um von ihm alles genau zu hören oder wie?

"Ist das die Rettung?" fragten wir uns. "Unser Deutsch ist doch nur zum Einkaufen zu gebrauchen. - Ach ja, wir gehen trotzdem hin."

Nach kurzer Überlegung besorgte ich mir die Telefonnummer von dem Unternehmer, und Walter und ich machten einen Termin.

Da standen wir nun in seinem Büro und er erklärte uns, dass er eine Entsorgungsfirma hat und Mitarbeiter braucht. Er war Schrotthändler.

Nach der Wende wurden viele DDR-Betriebe geschlossen, und der ganz Schrott, der dadurch entstand, musste entsorgt werden. Darauf hatte sich Herr U. Pulwer spezialisiert. Und wir sollten ihm beim Schrott-Sammeln und bei der Entsorgung helfen.

Wir erzählten ihm von unseren Sorgen und unseren Wohnungsproblemen. Er antwortete:

"Keine Angst, ich besorge euch eine Wohnung. Mietfrei!"

"Wow! - Der Mann ist echt der Messias für uns."

Dann kam er und holte unsere Sachen aus dem Wohnheim. Als meine Kollegen längst in Angola waren, sind Walter und ich noch vier Woche im Wohnhein geblieben. Bis wir den Job bei der Schrottfirma fanden. Dann zogen wir in die neue Wohnung. Sie lag in einem heruntergekommenen Altbau.

'Wohnung', sagte der! ... Das war eine Bruchbude! Kein Warmwasser, kein Bad. Wer duschen wollte, musste ins Nachbargebäude gehen. Die Heizung war ein alter Kachelofen.

Mein Gott! wir werden hier erfrieren! dachte ich. Aber was soll’s. Wir halten durch.

Dann gingen wir zur Arbeit. Arbeit!! Das war wohl das Schlimmste!

Wir bekamen ein Kranfahrzeug und los ging’s, Schrott sammeln. Alles was keiner mehr braucht. Vor allem Metallschrott, wie z.B. alte herrenlose Autos.

Die größeren Teile zerschnitten wir mit dem Propangas-Schneidbrenner und transportierten alles zur Zentrale. Dort stand eine Pressmaschine, die die Schrottfahrzeuge zu einem kleinen Metallwürfel zusammen presste.

Am Anfang waren wir mit einem deutschen Kollegen unterwegs. Der hatte die Adressen und ist auch gefahren, bis wir uns sprachlich einigermaßen verständigen konnten. Dann durften wir beide, Walter und ich selbständig arbeiten.

Aber die DDR-Fahrzeuge hatten es in sich. Sie bestanden fast nur aus Pappe.

Den Trabi zu pressen tat weh. Das Auto ist von Natur aus schön:
eine kleine Pappebüchse für gemischten Kraftstoff.

Wir holten aus allen Ladas und Skodas das Benzin heraus und betankten damit unsere Privatautos, die wir uns in den chaotischen Tagen der Wende zugelegt hatten. Aber vom Trabi gab es einfach nichts zu gebrauchen. Doch das Auto war Kult. Im Winter stotterte er vor sich hin und wenn man ein etwas älteres Modell hatte, war das Starten auch problematisch. Trotzdem liebten ihn alle.

Ich wollte mir hier ein neues Leben erarbeiten. Aber diese Arbeit auf Dauer mache ich nicht! Im Winter draußen Schrott sammeln bei Minusgraden! Finger, Zehen und das Gesicht waren fast wie tiefgefroren. Ich zog mir zwei dicke Hosen, zwei Paar Socken, drei Pullis und dick gefütterte Handschuhe an. Aber das half alles nicht. Spätestens nach einer Stunde fing ich an zu zittern.

Ab und zu fuhren wir im Hof mit dem Gabelstapler, um die gepressten Autos zu verladen. Der Stapler war offen und beim Fahren kriegte man die ganze kalte Luft ins Gesicht.

Meine Kollegen gingen jede Stunde Kaffee trinken. Ich mag aber keinen Kaffee und musste deshalb Tee trinken. - Den ganzen Tag Tee - das ist auch grausam.

Sozialhilfe bekamen wir nicht. Eine Krankenversicherung hatten wir auch nicht. Doch wir wollten überleben. Also - Augen zu und durch!

Der erste hart erarbeitete Lohn war da - und ich hätte weinen können:

nur 600 Mark! Der Chef bezahlte das nicht einmal auf einmal, sondern mal 400 mal 500 Mark. Wir wussten nicht, wie man hier den Stundenlohn berechnet. So nahmen wir, was er uns gab.

'Trotzdem: lasst uns durchhalten bis irgendwann. Dann verlassen wir diese Firma sowieso.'

Die kurze und sehr intensive Zeit in Dresden war eine Lehre für mich.

Es war das erste Mal, dass ich fern von meiner Familie war. Ich war auf mich allein gestellt. Aber ich hatte Hoffnung und die Erwartung, dass dies vorübergehend war.

Als die Wiedervereinigung kam, war für mich erst einmal alles kaputt. Ich wusste nicht, wie es weitergehen würde, und aus der Heimat kamen auch keine guten Nachrichten: dort war Krieg und nochmals Krieg.

Westwärts
Nachdem ich eine Aufenthaltserlaubnis bekommen hatte, rief ich meine Kumpels in München, Stuttgart und Berlin an. Keiner konnte mir helfen. Sie waren selbst auf der Suche.

Dann telefonierte ich mit Zanzarra. Er lud mich zu sich nach Bretzfeld ein. In Bretzfeld angekommen, suchte ich nach Jobs und schrieb überall hin Bewerbungen.

Als mein Freund mich bei der Firma Würth seinen Vorgesetzten vorstellte, führten wir ein kurzes Gespräch, dann boten sie mir eine Stelle an.. Das war mein Anfang im Westen. Bis heute bin ich dort beschäftigt

Viel Zeit ist inzwischen vergangen. Alle, die hier geblieben sind, haben sich inzwischen gut in die deutsche Gesellschaft integriert.

Aus uns sind Papas und Mamas geworden. Einige konnten sich weiterbilden und arbeiten hier. Einige machten einen Hochschulabschluss und sind dann nach Angola zurück gegangen. Ansonsten leben wir hier und - wenn wir es uns leisten können - besuchen im Sommerurlaub unsere Familien in Angola.

Auszug aus dem unveröffentlichten Manuskript "MEIN WEG ZUR WELT" von Angelo Bengui
redigiert von Lilo Klug







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