Türkei


Gül  (Pseudonym)  (geb. 30.8.65) in der Türkei

 

 

Übersicht Erzählwerkstatt

Wie auf einer Achterbahn


Ein verwöhntes Kind in Ankara

Bis  ich acht Jahre alt war,  lebten mein Bruder und ich bei meiner Großmutter mütterlicherseits in Ankara, da meine Eltern als Gastarbeiter nach Deutschland gezogen waren. Mein Großvater, ein wohlhabender Bauunternehmer, starb bereits mit vierzig Jahren. Er hinterließ meiner Großmutter ein schönes, großes Haus, in dem sie mit ihrer Großfamilie in gewissem Wohlstand leben konnte.

Als erste Enkelin und einziges Mädchen wurde ich von allen Hausbewohnern maßlos verwöhnt. Was ich wollte, bekam ich. Herausgeputzt hat mich Oma  mit Hütchen, Lackschuhen mit Spitzensöckchen und hübschen Kleidchen. Der Ort meiner Träume war ein großer Vergnügungspark, den wir mit Oma und deren Schwägerin  oft  besucht haben. Das Riesenrad, die Bootsfahrten  und die vielen Stände mit duftendem Essen waren magische Anziehungspunkte.

Nachts kuschelte ich mich am allerliebsten zu meiner Urgroßmutter in deren riesiges Bett. Mein  heißgeliebter Hund durfte dort  aber nicht fehlen. Zu dritt schlummerten wir völlig zufrieden dem Morgen entgegen.   Da Oma sehr auf Hygiene achtete, hätte  sie das niemals erlaubt. Deshalb  mussten wir warten, bis Oma eingeschlafen war, um unseren bereits vor der Türe wartenden Freund zu uns ins Schlafzimmer zu lassen.

Mutter fehlte jegliche Lebenskraft
Indessen wurde meine Mutter in Deutschland krank. Sie litt unter Depressionen, hatte ständig Kopfweh und ihr fehlte jegliche Lebenskraft. Vater brachte sie zu mehreren Ärzten, die jedoch nichts finden konnten. Ein Arzt, der die Ursache ihrer Leiden erahnte, gab Vater den Rat, sie mehrere Monate lang zu ihren Kindern und ihrer Familie nach Ankara zu schicken. Nach ihrer Rückkehr wollte er sie erneut untersuchen.

Es war ein kluger Arzt, da seine Diagnose stimmte. Mutter kam völlig erholt und gesund von ihrem Besuch in Ankara nach Deutschland zurück. Wie meine Mutter erzählt, sagte der Arzt nach der Untersuchung  lächelnd zu ihr: „Deine Kinder sind deine Medikamente!“ Unsere Eltern zögerten nun nicht mehr länger,  ihre Kinder zu sich nach Deutschland zu holen.

Mit dem Flugzeug in die neue Heimat
Mutter hatte meinem Bruder ein großes mit dem Logo der Lufthansa versehenes Flugzeug aus Deutschland mitgebracht. Es wurde mit einer Batterie betrieben und konnte elegant auf unserem großen Balkon fliegen. Ich ahnte, dass wir uns bald in einem echten  großen Flugzeug Richtung Deutschland befinden würden. So geschah es auch.  Kurze Zeit später saßen  mein Bruder und ich in einem Jumbojet der Lufthansa Richtung Stuttgart. Eine freundliche Stewardess hat uns angeschnallt und uns Essen und Trinken gebracht. Wir verstanden kein Wort und konnten nur mit Handzeichen miteinander kommunizieren. Abgeholt wurden wir  vom Vater und einem Nachbarn an einem Freitag im Herbst. Mama und Papa waren glücklich, ihre Kinder nun bei sich zu haben.

 

Die Lehrerin erklärt und erklärt und du verstehst überhaupt nichts

  Da ich bereits in Ankara die Schule besucht habe, kam ich in Heilbronn-Böckingen vermutlich in die zweite oder dritte Klasse der Grünewald-Schule. Genau weiß ich das nicht mehr. Es ist einfach grausam, wenn man kein  Wort Deutsch versteht. Die Lehrerin erklärt und erklärt und du verstehst überhaupt nicht, um was es da geht. Du willst mit den andern Kindern spielen, kannst es aber nicht, da du nicht kapierst, was sie spielen. Mein Bruder konnte schneller mit anderen Jungen Kontakt knüpfen, da er auf der Straße zusammen mit ihnen Fußball spielte, wozu man keinen großen Wortschatz braucht. Mädchen sprechen eben mehr miteinander.

Ich bekam von meiner Lehrerin ein Buch, in dem Bilder von Begriffen dem entsprechenden Wort zugeordnet wurden. So lernte ich das deutsche Wort für Brot, Käse, Mann, Frau (…). In den 70er Jahren gab es noch keine speziellen Sprach-Förderprogramme für Kinder von Zuwanderern, weil nur wenige dieser Kinder in Deutschland lebten. Ich war z. B. das einzige Kind mit Migrationshintergrund in meiner Klasse. Da in meiner Umgebung, außer zuhause, nur deutsch gesprochen wurde, fand ich mich jedoch relativ schnell in diese Sprache ein. Nachdem ich sprechen konnte, gab es keine Probleme mehr mit meinen Mitschülern. Gerne erinnere ich mich an meinen Klassenlehrer, Herrn Ackermann, in der 5. und 6. Klasse der Elly-Heuss-Knapp-Hauptschule, der erkannte, dass ich während seines Unterrichtes mit einer akuten Blinddarmentzündung schnell ins Krankenhaus musste. Er ist mit mir im Krankenwagen ins Krankenhaus gefahren und hat mir die Hand gehalten, bis ich  einer Notoperation unterzogen wurde. Am Ende meiner Hauptschulzeit war ich  sehr krank, ich hatte Nierenprobleme und damit verbunden große Schmerzen, so dass ich oft nicht zur Schule gehen konnte.

Jugendfreundschaften
Über unserer Wohnung hat ein Vater mit seiner Tochter gewohnt, eine liebenswerte und hilfsbereite deutsche Familie. Immer wenn ich mit den Hausaufgaben nicht weiterkam, haben sie mir geholfen. Auch sonntags hat der Vater oft gerufen:  >>Auf Kinder, kommet, esset mit uns<<.  Diese Gastfreundschaft vergisst man nicht. Uns gegenüber lebte eine freundliche, etwas reichere deutsche Familie. Die Frau schenkte mir ein Fahrrad und Rollschuhe, Dinge, die ihre fast erwachsenen Kinder nicht mehr benötigten und über die ich mich sehr freute.  

Mit der Zeit  sind immer mehr Migranten in unsere Gegend gezogen, Italiener, Griechen, Türken. Die deutschen Kinder und die Kinder mit Zuwanderungsgeschichte spielten problemlos miteinander auf der Straße

10 Jahre bei Telefunken
Nach meinem Hauptschulabschluss wollten meine Eltern nicht, dass ich arbeite, da ich sehr krank war.  Ich ergriff aber mehrere Gelegenheitsjobs, um mir meine vielen Sonderwünsche zu erfüllen. Eine Nachbarin, die mich sehr gerne hatte und mich verwöhnte, arbeitete bei Telefunken. Ich wollte auch so viel Geld verdienen wie sie, aber es war sehr schwer einen Job in dieser Firma zu finden. Meine Nachbarin hat sich für mich eingesetzt und ich habe ein Jahr lang wöchentlich den Personalchef genervt, bis ich endlich eine Stelle dort hatte.

Sehr beglückt war ich, als ich auf meinem Kontoauszug sah, dass ich als ersten Lohn 1395 DM überwiesen bekam. Ich fragte meinen Vater: „Was macht man mit so viel Geld?“. Verständnislos antwortete er: „Wie bitte? Das kommt gleich auf das Sparbuch.“ Ich bin ein Mensch, der gerne Geld ausgibt. Meine Eltern mussten mich bremsen. Markenklamotten, Kosmetikerin, Friseur, teure Geschenke, alles habe ich mir geleistet. Essen gehen in guten Lokalen war eine Leidenschaft von mir. Der tägliche Treffpunkt mit meiner Freundin, die in einer Boutique gearbeitet hat, war das ehemalige vornehme Cafe Noller. Hier haben wir unseren Kaffe genossen und Eve, eine lange dünne Zigarette, geraucht. Einfach nobel war das! Andere Frauen haben  geheiratet und Kinder bekommen und nichts erlebt.  „Ich bin nur einmal jung, ich will das Leben genießen“, war meine Devise. Ich konnte mir das  alles leisten, weil ich bei Telefunken nach jedem neuen Tarifabschluss mehr verdient habe. 1994 war diese schöne Zeit um, da ich wieder sehr krank wurde. Ich habe gekündigt, weil ich lange Zeit nicht in der Lage war, meinen Job auszufüllen. In den folgenden Jahren arbeitete ich in einer Boutique, einer Bäckerei, im Altersheim, im Krankenhaus… Aber nirgends verdiente ich so viel wie bei Telefunken.

Auch in Ankara hätte es interessante Heiratskandidaten gegeben
Mit 17 bin ich alleine nach Ankara geflogen, um meine Großmutter und meine Tante zu besuchen, die eine Tochter hatte, die so alt war wie ich. Meine Verwandten wollten, dass ich bei ihnen in der Türkei bleibe. Meine Tante gehörte zu den sog. besseren Kreisen, da ihr Mann ein bekannter Rechtsanwalt war. Bei den Kaffeekränzchen, die wöchentlich jeweils bei einer anderen Dame stattfanden, wurden Pöstchen verschoben und Heiraten arrangiert. Bald hatte meine Tante eine Stelle im deutschen Konsulat für mich, da ich gut Deutsch und Türkisch sprach und eine deutsche Schule besucht hatte. Durch meine einflussreiche Tante standen mir viele Wege offen. Sie hätte mich in ihre Gesellschaftskreise  eingeführt, wo es bestimmt auch interessante Heiratskandidaten gegeben hätte. Obwohl ich eine wunderschöne Zeit in Ankara verbrachte, packte mich das Heimweh nach meinen Eltern.

Mein Vater überließ mir die Entscheidung, wo ich mein zukünftiges Leben verbringen wollte. Es war eine schwere, schicksalhafte Entscheidung: Ich kehrte zu  meiner Familie nach Heilbronn zurück.

In meinem Leben hatte ich  mehrere gute Chancen, ein erfolgreiches Leben zu führen. Man weiß aber oft nicht, welchen Weg man gehen soll. Heute überlege ich mir manchmal, ob ich nicht falsche Entscheidungen getroffen habe.

Ich schließe Freundschaft mit einem jungen Deutschen
Unsere Straße war eine lustige Straße, in der viel passiert ist. Wenn ein Kameramann das abgefilmt  hätte, hätte es eine spannende Telenovela gegeben.

Da ich viel Respekt vor meinen Eltern hatte, habe ich nie vor Ihnen geraucht, sondern immer nur heimlich am Fenster. Beim Rauchen fiel mir auch ein junger Mann auf, der uns gegenüber mit seiner Familie frisch eingezogen war. Er machte auf dem Balkon Späßchen mit einer jungen Frau, schaute aber trotzdem sehr intensiv zu mir herüber. Ich dachte: „So eine Unverschämtheit, hat eine Freundin und „glotzt“ auf mich. Der tickt nicht richtig!“ Ich habe meine Zigarette weggeworfen und bin ins Geschäft. Später habe ich erfahren, dass es seine Schwester gewesen ist.

 Am nächsten Tag rauche ich wieder am Fenster. Er kommt auf den Balkon und starrt mich abermals sehr intensiv an.

„Langsam wird er unverschämt“, dachte ich, rauchte und beachtete ihn nicht. Als ich ins Geschäft ging, kam er zu mir die Straße rüber. „Bei mir wohnen lauter türkische Leute. Um Gottes willen, die werden lästern. Was werden sie über mich denken?“, schoss es mir durch den Kopf. „Hallo“, sagte er. „Ja, hallo, bitte schön“, erwiderte ich. „ Ich möchte dich kennenlernen“. „Aber ich dich nicht“, entgegnete ich wie im Film. „Warum soll ich dich kennenlernen, sag mir mal einen Grund, warum?“ „O.K“, hat er geantwortet: „Warum gibst du mir nicht eine Chance. Du siehst so nett und hübsch aus.“ „Weil du eine andere Kultur hast und ich eine andere Kultur habe.“ „Ich möchte dich aber kennenlernen“, drängte er. Ich wiederholte: Hier wohnen noch andere Leute. Geh, sonst lästern sie über mich.“ Nach diesem Dialog bin ich in meine Spätschicht gegangen.

Wie so oft, hat mich am nächsten Wochenende meine Freundin abgeholt. Wir gingen Eis essen oder Kaffee trinken. Wir waren jung und wollten Leute kennenlernen. „Gib ihm eine Chance“, war der Rat der Freundin, als ich ihr das Geschehene erzählte. „Warum soll ich ihm wehtun? Meine Eltern sind eh dagegen“, entgegnete ich etwas resigniert. Ich dachte, ich seh‘ eine Fata-Morgana, als ich ihn am Montag schon wieder vor Telefunken angetroffen habe. Da schaffen doch viele türkische Leute, die gerne lästern. „Hallo Nachbarin“, begrüßte er mich schüchtern. „Tickst du nicht richtig! Ich geb dir die Hand, dann nimmst du gleich den ganzen Arm.“ „Komm, setz dich hin“, beruhigte er mich. Ich war in großer Eile: „Ich muss zum Rathaus, mein Pass ist abgelaufen, sonst darf ich keine Stunde länger in Deutschland bleiben“, entgegnete ich. Langer Rede kurzer Sinn: Wir sind mit seinem Moped Richtung Rathaus gefahren.  Er musste einige Straßen vor dem Rathaus parken, da ich Angst hatte, dass ich in ganz Heilbronn blamiert wäre, wenn mich die Türken, die im Ausländeramt zu tun hatten, sehen würden. Heute ist das ganz anders, die Zeiten sind moderner und liberaler geworden.

Da Marcel nicht locker ließ und immer wieder in meiner Nähe auftauchte, habe ich ihm zum wiederholten Mal meinen Standpunkt erklärt: „ Guck mal, hör mal zu! Ich bin Ausländer. Ich habe nichts gegen Deutsche, ich bin doch hier aufgewachsen, ich bin glücklich hier, aber ich habe einen anderen Glauben, eine andere Kultur. Du suchst dir eine Deutsche, ich jemand von meinen Landsleuten, egal ob gut oder schlecht, dann haben wir dieses Problem mit der Kultur und dem Glauben nicht.“ „Was hat unsere Liebe damit zu tun? Du bist wie eine Deutsche“, meinte er verständnislos. Ich konterte: „Du gehst am Sonntag in die Kirche, da kann ich nicht mitgehen.“Er widersprach: „Wir haben alle den gleichen Gott. Du musst ja nicht in die Kirche gehen. Ich muss auch nicht.“ Ich hatte aber noch ein wichtiges Argument auf Lager: „ Wenn ich sehe, wie die Deutschen sind, die können mit der Freundin Hand in Hand herumlaufen, die können sich umarmen, poussieren, alles vor allen. Das geht bei mir nicht. Weißt du, das wird dir alles fehlen. Ich brauch keinen Freund, mit dem ich nur in die Disco gehen kann und Händchen halten und morgen- tschüss. Ich will einen Freund, der für immer bei mir ist.“ Dann habe ich mich über ihn ein bisschen lustig gemacht: „Schlaf eine Nacht darüber, dann werden wir ja sehen.“ Ich dachte, dass ihm das alles nicht passen würde, was ich gesagt habe. Da hatte ich mich aber getäuscht. Feierlich versprach er mir: „Ich will, dass du meine Freundin wirst, für immer.“                                                                           Jetzt habe ich nicht mehr nein gesagt, da er mir wirklich gut gefallen hat.

Ich hatte Angst, von meinen Eltern verstoßen zu werden
Drei Jahre lang habe ich mein Verhältnis mit meinem späteren Mann vor meinen Eltern geheim gehalten, aus Angst, dass sie mich verstoßen würden. Nur meine beste Freundin wusste anfänglich von unserer Beziehung. Danach habe ich es meinem Bruder erzählt.                           In türkischen Familien ist es üblich, dass ein Bruder auf seine unverheiratete Schwester aufpassen muss, selbst wenn er einige Jahre jünger ist, wie das bei meinem Bruder der Fall ist. Er hat die schockierende Nachricht aber relativ gut verarbeitet, da er viele deutsche Freunde hatte und sich schon gut in die deutsche Kultur eingelebt hatte. Seine Aufgabe war es nun, mit Hilfe seiner Freunde zu überprüfen, ob Marcel ein „Schlawiner“ ist und eventuell „tausend Weiber“ hatte oder ein geeigneter Ehepartner. Nach ausgiebiger Beobachtung hat er sein O.K. gegeben. Die Familie meines späteren Mannes hat mich gleich herzlich willkommen geheißen und mich nicht spüren lassen, dass ich Ausländerin bin. „Du bist jetzt Schwäbin, du gehörst jetzt zu uns“, sagte eine Tante oft sehr gastfreundlich zu mir

Es hatte sich bei allen Nachbarn herumgesprochen, dass mein späterer Mann und ich ein Paar waren. Sie haben sich aber nicht getraut, es meinen Eltern zu erzählen, aus Angst vor einer Katastrophe.

Wessen Freund ist mein Freund?
1989 verbrachte die Familie –wie jedes Jahr- den Sommerurlaub in der Türkei bei unserer Familie. Marcel wollte unbedingt mit mir zusammen den Urlaub verbringen, weshalb ihn mein Bruder nach langem Hin-und-Her als seinen Freund ausgegeben hat. Als wir in Ankara ankamen, war die Mutter schon wieder abgereist. Vater, der bereits sehr krank war, blieb meist einige Monate länger, weil ihm das Klima in Ankara gut bekam. Mein Freund wurde mit großer Herzlichkeit von meiner türkischen Familie aufgenommen. Niemand bemerkte anfänglich die Täuschung. Nach einigen Tagen fragte mein Vater: „Junger Mann, gefällt dir die Türkei?“ Mein Freund, der von den vielen neuen Eindrücken überwältigt war, hielt mit Lob nicht zurück. „Dann muss ich dir ein türkisches Mädchen suchen“, spornte mein Vater ihn begeistert an. Mein Bruder und ich schauten uns nur an. Oma und deren Schwägerin  hatten jedoch sehr schnell Lunte gerochen: „Wir sind nicht dumm. Er guckt dich immer so mit anderen Augen an. Er liebt dich!  “,  sagte meine Oma eines Abends, als ich mit ihr alleine auf  unserem großen Balkon saß. „Glaubst du, dass Vater mich hergibt?“, fragte ich sie bange. „Lass uns das machen! Der Junge kommt aus gutem Hause“, beruhigte sie mich. Ganz überzeugen konnten sie Vater nicht, aber das ist eine andere Geschichte.

Nun war es meine Aufgabe, das Geheimnis zu lüften.
Als ich wieder in Heilbronn war, habe ich Mutter über unser Verhältnis berichtet. Sie hätten ihr Gesicht sehen sollen: „Tickst du nicht richtig! Das wird nicht funktionieren. Was glaubst du, was dein Vater sagt?“ Meine schüchterne Antwort: „Wir leben doch hier“, hat sie leider nicht beeindruckt. So richtig heftig wurde es aber erst, als mein Bruder kam: „ Guck mal, was deine Schwester macht! Schämst du dich nicht? Ist das Dankbarkeit?“ Ein bisschen gekränkt antwortete er: „ Mein Gott, was soll ich machen? Soll ich sie fesseln? Ich habe den Jungen überprüft. Er ist in Ordnung. Wenn deine Tochter einen Halunken heiratet, der ein Scherenschleifer ist, ist dir das recht?“ „Das sage ich eurem Vater“, empörte sich Mutter. „Das ist nicht mein Problem. Das ist dein Kind, nicht mein Kind. Es ist meine Schwester. Ich habe meine Pflicht getan. Ich habe auf meine Schwester immer aufgepasst. Meine Schwester war immer anständig, sie hat mit Jungs nicht das und das gemacht.“

Der spannendste Moment war aber, als Papa vom Urlaub zurückkam. Ich ging sofort ins Zimmer und rauchte eine Zigarette. Meine Hände zitterten. Mutter überraschte Vater umgehend mit unseren Heiratsabsichten. „Gül, komm sofort heraus“, drohte die Stimme meines Vaters. „Herr hilf mir, jetzt bist du dran“, habe ich gebetet. Dann bin ich gekommen. Meine Eltern sitzen auf der Couch, ich im Sessel, ganz alleine. Ich fühl mich schuldig: „Ja, Papa!“ „Ich habe keine guten Sachen über dich gehört“, begann er seine Anklage. „Was meinst du damit, Papa. Ich weiß nicht, was ich angestellt habe. Ich bin immer deine brave Tochter gewesen. Ich habe doch alles für euch getan“, mit dieser Tour versuchte ich ihn zu beruhigen. „ Ja, ja, aber die Vögel haben in mein Ohr ganz andere Sachen gezwitschert. Ist das wahr?“ Ich war nun darauf vorbereitet, dass die Eltern mich schlagen und rauswerfen würden. „Du hast 24 Stunden Zeit. Pack dein Zeug, alles, was dir gehört. Bitte geh!“, drohte Vater und setzte seine Schimpfkanonade noch lange fort. „So Papa, bist du fertig? Wenn ich schon gehe, darf ich dann ein paar Wörtchen sagen?“ „Ja, aber sei bitte nicht so frech und respektlos“, was ich bestimmt nie gewesen bin. Jetzt legte ich los: „ Ihr habt mir Liebe gegeben. Ihr habt mich erzogen und ich habe immer alles gemacht, was ihr wollt. Kein Vogel bleibt in seinem Nest, alle Jungvögel fliegen fort. So werde auch ich dieses Haus verlassen, aber nicht nur mit meinem Koffer, sondern mit meinem weißen Kleid. Und deine Aufgabe, Papa, ist es, mich  in der Hochzeit zu begleiten, auch wenn du kein Wort mit mir redest.“ Papa schimpfte noch eine ganze Zeitlang, brachte er es dann doch  nicht übers Herz, mich zu verstoßen. Da ich seine Prinzessin war, willigte er schweren Herzens in die Hochzeit ein.

Hochzeit unter schlechtem Stern
Bei den Hochzeitsvorbereitungen und der Hochzeit lief alles schief.

 

Es begann damit, dass es viele Wochen dauerte, bis aus der Türkei die notwendigen Papiere für das Standesamt kamen.

Wenn Türken heiraten, werden alle Freunde und Verwandte eingeladen. Es wird gesungen und getanzt, man feiert ausgelassen und fröhlich. Oft kommen bis zu 1000 Menschen zusammen. Ich wünschte mir eine Hochzeitsgesellschaft mit mindestens 500 Gästen. Das war  meinen Schwiegereltern aber zu viel und so einigten wir uns auf 200, was viele Freunde und Verwandte beleidigte.

Ich war total überfordert, da ich die Hochzeit alleine vorbereiten musste und die Ereignisse sich überschlugen. Unser Trauzeuge, ein Freund meines Bruders, war ohne unser Wissen in den Skiurlaub gefahren. Nur mit großer Überredungskunst gelang es mir, ihn dazu zu bringen, seinen Urlaub zu unterbrechen und seiner Pflicht nachzukommen.

In der Nacht vor unserer Trauung hatte mein Bruder einen Unfall mit seinem großen Mercedes, der als Auto für das Brautpaar vorgesehen war. Woher sollte ich Ersatz bekommen? Ich benötigte genau diesen Autotyp, weil der Blumenschmuck für dieses Auto bereits gerichtet und mein Kleid so voluminös war, dass ich in kein kleineres Auto gepasst hätte. Ein türkischer Autohändler war in letzter Sekunde der Retter in Not.

Mein Bräutigam und ich waren bereits Tage vor unserer Hochzeit krank. Der Hausarzt musste Marcel vor unserer Trauung eine Spritze geben, damit sein  Fieber gesunken ist und er das Fest durchstehen konnte. Ich selbst erlebte alles wie im Nebel. So richtig aufgeschreckt bin ich aber, als der Koch die riesige Hochzeitstorte fallen ließ, die meine Schwiegermutter so liebevoll gestaltet hatte. Traurig blickte ich auf das Häufchen Matsch. War das ein böses Omen?  Unsere Flitterwochen verbrachten wir weitgehend krank und elend  im Bett eines Hotels im Schwarzwald. Ich hatte mir dieses Hotel ausgesucht, da ich den Schnee so liebe.

 

Zu viele Schicksalsschläge
In den kommenden Jahren ist in meiner Familie und meiner Ehe vieles passiert, was ich nicht verkraftet habe. 2007 wurde meine Ehe nach 17 Jahren geschieden. Nicht unsere unterschiedlichen Kulturen oder der Glaube waren die Ursache des Scheiterns unserer Ehe, sondern die katastrophale finanzielle Situation, in die uns mein Mann gebracht hatte. Meine Wohnung und alles habe ich verloren. Auch mein sehnlichster Wunsch, ein eigenes Kind, konnte nicht erfüllt werden. Es wäre einfach  unverantwortlich gewesen, in diesem  Desaster ein Kind zu bekommen. Wie mein eigenes Baby habe ich jedoch Gwenda, meine Rottweiler-Hündin, geliebt. Immer wieder hat sie mir durch ihre grenzenlose Treue Kraft gegeben, meine Schicksalsschläge zu verkraften. Nach unserer Trennung lebte Gwenda aus Platzgründen bei Marcel.  Zwei Monate später ist Gwenda gestorben. Sie konnte ohne mich einfach nicht leben.

Heute zwingen mich schwere Krankheiten immer wieder in die Knie.

Halt habe ich in meinem Glauben gefunden
Schon als Kind hatte ich ein inniges Verhältnis zu meinem Herrn. Wenn ich Probleme hatte oder einfach nur dankbar war, redete ich in Gedanken mit ihm. Die Kraft des Gebetes habe ich aber erst kennengelernt, als meine Freundin mir auf meine Bitten hin ein kleines Gebetsbuch aus der Türkei mitgebracht hat. Fast magisch hat mich die 36. Sure „Das Herz des Korans“  angezogen. Sobald ich diesen Text gebetet hatte, ging es mir besser. Heute ist dieses kleine Gebetsbuch durch seinen häufigen Gebrauch ganz zerfleddert. Ich bete fünfmal am Tag und halte die Fastengebote ein, so wurde mein Leben leichter. Ich bin froh, dass ich den Weg zu Gott gefunden habe.

Weitererzählt von Christel Banghard-Jöst 





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