Tschechien


Peschka Oswald (geb. 1912) im heutigen Tschechien (Nordmähren), gest. 2007

 

 

Übersicht Erzählwerkstatt

Kriegsblind und aus der Heimat vertrieben-ein tapferes Leben


Oswald Peschka hat seine Lebensgeschichte auf einer Blindenschreibmaschine und nur mit der linken Hand abgefasst.
(Stark gekürzte Fassung!)

„1912 wurde ich — Oswald Peschka — in Ölhütten (Nalet genannt) geboren. Zwei Weltkriege habe ich überlebt. Den ersten unbewusst, den zweiten hautnah und in voller Härte. Vom Ersten Weltkrieg habe ich nur eine Erinnerung. In unserer Wohnstube hingen zwei Bilder. Auf einem Bild Kaiser Franz Josef mit der gesamten Generalität, auf dem zweiten Bild der deutsche Kaiser mit allen Generälen. Nach dem Krieg wurden die beiden Bilder entfernt.

Eingeschult wurde ich 1918 in die einklassige Volksschule in Ölhütten. Schüler vom 5. bis zum 8. Schuljahr hatten vormittags von 8 Uhr bis 12 Uhr Unterricht, Schüler vom 1. bis 4. Schuljahr hatten nachmittags von 1 Uhr bis 4 oder 5 Uhr Unterricht. ....Disziplin stand oben an. Stillsitzen, Hände auf dem Schreibpult und über die Finger wurde ein Bleistift gelegt. Wehe dem, dem der Bleistift hinunter fiel.... Nach dem Unterricht mussten wir in Reih und Glied die Klasse verlassen. Draußen vor der Schultür stand die Lehrerin, Frau Schnabel. Wir mussten laut und deutlich grüßen: „Gott strafe England!" Die Lehrerin antwortete: „Und auch Frankreich!" ...Nach dem Krieg bekamen wir für kurze Zeit den Lehrer Baier. Er kam mit Reithose und Stiefeln sowie mit Rohrstock in die Klasse. Ein Lehrer, vor dem wir zitterten. Er prügelte nahezu täglich. Auch ich bekam mein Fett ab.

Unsere deutsche Sprachinsel war ein Dorn im tschechischen Fleisch. Wir Deutschen wurden wirtschaftlich isoliert. Der größte Teil der Menschen lebte vom Ertrag der steinigen Äckerchen und von der Kuh oder der Ziege im Stall. Der einzige Beruf, den die Kinder lernen konnten, war Schneider. Als Heimarbeiter waren sie auf Glück und Verderb auf die Textilindustrie in Proßnitz angewiesen, wo sie alle 14 Tage Heimarbeit abholten und ablieferten. Die Arbeit war schlecht bezahlt. Zu Hause wurde Tag und Nacht bei einer Petroleumlampe genäht, um die Familie zu ernähren. Wer aus diesen Zwängen heraus wollte, musste eine bessere Schulbildung anstreben. Aber wie, wenn das Geld fehlte? Frau Kertsch aus Runarz war Sozialarbeiterin im Auftrag des Deutschen Kulturverbandes. Sie kümmerte sich um viele Schüler, die für eine weiterführende Schule in Betracht kamen. Viele Schüler brachte sie in Reichenau bei Bauern unter, damit sie die Bürgerschule besuchen konnten. Auch ich war einer davon. Viele hatten Glück und kamen bei warmherzigen Bauersleuten unter. Einige wurden ausgenutzt und mussten neben der Schule noch als kleine Knechte auf den Feldern oder im Kuhstall arbeiten. Ich gehörte nicht zu den Glücklichen. Ich litt sehr an Heimweh und sollte über die Ferien nicht nach Hause, sondern auf den Feldern bei der Ernte helfen. Weil ich aber doch über die Ferien heimfuhr, stand ich zu Schulbeginn vor verschlossener Tür. Ich stand als 14-Jähriger mit einem Persilkarton in der Hand weinend auf der Straße. Nun ging ich auf eigene Faust von Bauer zu Bauer und bat um Aufnahme. Ich fand Bauersleute, die mir eine Schlafstelle  neben dem Kuhstall anboten. Auf diese Weise konnte ich die Bürgerschule abschließen. Für die weitere schulische Ausbildung sorgte Frau Kertsch: Sie vermittelte mich in eine zweijährige Fachschule für Weberei in Sternberg. Die Lehrer kannten die wirtschaftliche Lage der Sprachinselkinder. Sie suchten uns Freitische bei wohlhabenden Bürgern. Für Mittagessen war gesorgt. Nach Beendigung der Fachschule sorgten gut betuchte Sprachinsler dafür, dass ich in Brünn die Höhere Lehranstalt für Textilindustrie besuchen konnte. Als Techniker wurde ich entlassen. Weil die Wirtschaftskrise begann, war ich arbeitslos. Als Taglöhner, als Hilfsarbeiter verdiente ich mir ein paar Kronen. Ich war als junger Mensch sehr unglücklich. Nach längerer Zeit bot mir die Firma Fischer, Seilerwarenfabrik, eine Außendienststelle an. 1934 wurde ich für zwei Jahre zum tschechischen Militärdienst, zur schweren Artillerie, eingezogen. Bald wurde ich zur Unteroffizierschule kommandiert und als Geschützführer zum Korporal befördert. Ich war für die Ausbildung der neuen Rekruten zuständig. 1936 wurde ich aus dem tschechischen Militärdienst entlassen. 1937 erhielt ich endlich eine Anstellung in meinem erlernten Beruf als Textiltechniker in der Seidenweberei Birle in Glasdörfl bei Grulich. Ich war glücklich, ich sollte ein Zweitwerk übernehmen. Der Krieg machte meine Pläne zunichte. 1940 wurde ich zum Wehrdienst eingezogen, zum Artillerieregiment 150, zur schweren Abteilung."

(In den folgenden vier eng beschriebenen Seiten beschreibt Oswald Peschka seine Kriegserlebnisse. Weil so viele Seiten nicht gedruckt werden können, werden im Folgenden nur besondere Erlebnisse wörtlich zitiert.)

…. 1941 Heiliger Abend in einem Bunker vor Sewastopol. „Wir saßen vor einem eisernen Ofen und wärmten uns die Hände. Es war Feuerpause, auch die Russen verhielten sich ruhig. Mit unseren Gedanken waren wir alle zu Hause. Ich war mittlerweile Unteroffizier, die Kameraden suchten bei mir Halt. Auf einmal hörten wir draußen vor dem Bunker Stimmen, die Decke wurde weggezogen, draußen standen vier gut gekleidete Soldaten und baten um Einlass. Ich fragte nach dem Grund, die Antwort war Truppenbetreuung. Die Soldaten traten ein und begannen mit Gitarrenbegleitung. Eine wunderschöne Tenorstimme sang „Stille Nacht, heilige Nacht". Gänsehaut lief über unseren Rücken. Meine acht Mann Geschützbedienung waren alte Haudegen, die den Frankreich-, den Balkanfeldzug und ein halbes Jahr in Russland eingesetzt waren. Aber als das Lied — „Stille Nacht" - erklang, gab es keinen, dem nicht die Tränen herunter rannen. Auch ich konnte mich der Tränen nicht erwehren. Als ich mich nach dem Namen des Sängers erkundigte, kam die Überraschung, Rudolf Schock stand vor mir, er befand sich auf Truppenbetreuung. Diese Überraschung hat sich tief in mein Herz eingegraben.

Ein Geschütz nach dem anderen ging verloren. Durch Rohrkrepierer, durch Feindbeschuss, wir standen ohne da. Die Einheit wurde aufgelöst, die Mannschaft der Infanterie zugeteilt. Wenige Wochen später wurden alle zurückgerufen, die Batterie sollte neu aufgestellt werden. Wir erhielten neue Geschütze, nämlich ausrangierte alte tschechische Geschütze. Kein Mensch konnte mit diesen Geschützen umgehen. Ich war der Einzige, der bei den Tschechen dafür ausgebildet worden war. Ich war nun Ausbilder für Offiziere und Unteroffiziere. Für mich brach eine Welt zusammen, schon Anfang 1942 war für mich der Krieg verloren. Diese alten Geschütze hatten keine Feuerkraft. Die russische Artillerie war uns haushoch überlegen, wir konnten unsere Infanterie nicht mehr unterstützen."

.....1943 lag Oswald Peschkas Einheit auf der Krim. Sie wurde nur aus der Luft versorgt. ... „Hl. Abend 1943 auf der Krim. Schlechte Nachricht am Abend. Der vorgeschobene Artilleriebeobachter ist durch einen Kopfschuss gefallen. Ersatz wurde angefordert. Wer ist dazu fähig? Die Wahl fiel sofort auf mich, auf Oberwachtmeister Peschka. ... Am Abend des 23. April 1944 griffen wir an. Der Angriff ging zügig voran. Ich musste die Stellung nach vorn wechseln. Starkes MG-Feuer hinderte mich daran. Ich kroch förmlich mit meinem Funker bis zu einer Straße, dort setzten wir zu einem Sprung über den Straßengraben an. Aufgesprungen, ein fürchterlicher Knall und Explosion. Ich flog hoch in die Luft, verlor das Bewusstsein, und als ich zu mir kam, war dunkle Nacht um mich, und ich hörte Schmerzensschreie von meinem Funker. Ich rief nach dem Sanitäter um Hilfe. Als Antwort kam: „Wir können euch nicht helfen, Ihr seid in einem Minenfeld.“ Ich selbst litt noch unter einem Schock, hatte selbst keine großen Schmerzen. Nach den Rufen der Sanitäter versuchte ich mich zu orientieren. Wo ist der Straßengraben? Was ist mit dir geschehen? Ich befühlte meinen Körper. Es fehlte der linke Stiefel, das linke Hosenbein, der linke Ärmel, der linke Fuß fühlte sich wie gehacktes Fleisch mit Blut an. Ich kroch mit meinem Funker zentimeterweise zurück, wo die Sanitäter uns Erste Hilfe leisteten. Mit meinem Verbandspäckchen wurden wir notdürftig verbunden, auf Zeltbahnen gelegt und den Straßengraben entlang gezogen. Als wir eine Stelle erreichten, wo wir nicht mehr einsehbar waren, legte ein Arzt uns Druckverbände an. Auf Tragbaren wurden wir in einen Sanker gesteckt und in schneller Fahrt ging es auf den Hauptverbandsplatz mitten in Sewastopol. Es war ein bombensicherer Bunker. Ich verspürte Einschläge, der Bunker wackelte. Drinnen im Bunker Jammer und Schreie, alles Schwerverwundete, die versorgt werden mussten. Mein Freund Karl wurde schnell versorgt, ich sah ihn nie mehr. Ich musste bis nach Mitternacht warten. Ich erhielt eine Narkose, man amputierte meinen linken Vorderfuß und als ich aufwachte, war es für mich immer noch Nacht. Ich hatte das Augenlicht verloren."...Im Laufe des Tages wurde er auf einen Feldflugplatz gefahren und mit einer JU 52 in eine rumänische Stadt ausgeflogen. ….. „Ich bekam Fieber, verlor das Gehör, ich war nicht transportfähig. Ein Priester gab mir die letzte Ölung. Über drei Wochen kämpfte ich in Rumänien um mein bisschen Leben, wurde mehrmals ohne Narkose operiert, notdürftig bekleidet wurde ich nach Prag geflogen, ins Einser Lazarett in die Augenabteilung. Ein Leidensweg begann. Eine Operation jagt die andere, leider ohne Erfolg. Am nächsten Tag bat ich einen sehenden Kameraden, einen Brief an meine Verlobte Friedl in Mährisch Trübau zu schreiben. Sie fuhr mit dem Brief nach Ölhütten. Drei Tage später standen Friedl und meine Schwester am Krankenbett in Prag. Sie erkannten mich nur an den Haaren, denn der ganze Körper war in Watte und Müll eingewickelt."

Oswald Peschka machte sich Sorgen, wie es ohne Augenlicht weitergehen sollte. Seine Verlobte Friedl, die jede Woche an seinem Krankenbett saß, sagte ich ihm immer: „Wir beide schaffen es." Dieser Trost tat ihm gut. ,,Dann kam der 8. Mai 1945, Aufstand in Prag. Wir wurden Freiwild für die tschechische Soldateska. Deutsche Soldaten wurden am Wenzelsplatz auf den Laternen verkehrt aufgehängt und angezündet. Wir mussten die Klinik räumen. In Leichenwagen wurden wir abtransportiert, heraus gestoßen und geschlagen. Ich war besonders übel dran. Mein Fußstumpf war noch nicht verheilt, ich musste mit zwei Holzkrücken laufen. Ich wurde umgestoßen, mit den Holzkrücken geschlagen, mit den Füßen getreten, schwer zugerichtet. Wir Schwerverwundeten wurden durch die Stadt gejagt, bespuckt, mit Steinen beworfen und ich wurde wiederholt zu Boden gestoßen und misshandelt. Wir wurden nach Motol, Vorort von Prag, getrieben, in einer Holzbaracke untergebracht. Essen gab es selten. Wir rupften das Unkraut am Zaun und wurden dabei beschossen. Am 25. Mai 1945 verladen in Viehwaggon. Wir waren im Waggon 17 Kriegsblinde. Vor Dresden standen wir fünf Wochen. Die Soldaten bettelten in der Umgebung. Dann ging es weiter nach Sagan und Sorau, von Polen besetztes Gebiet, also in Gefangenschaft. Als wir nahezu verhungert waren, schickte man uns Mitte Oktober nach Hause. Sehende Kameraden zogen mich auf einen Kohlewagen über die deutsche Grenze nach Dresden. Ein 10-jähriger Bub, am Bein verletzt und in Gefangenschaft führte mich. Ich war seine Vaterfigur und er hatte einen Führer. Wir wollten in das Aufnahmelager für heimatlose Soldaten. Der Junge drückte mich in das überfüllte Abteil der Straßenbahn, die Tür ging zu, die Bahn fuhr ab. Der Junge stand weinend draußen. Er hatte die Vaterfigur und ich den Führer verloren. Ich wurde in eine Klinik eingewiesen, zweimal operiert und entlassen. Auf Umwegen kam ich in die Blindenanstalt nach Halle an der Saale. Hier begann die Umschulung fürs Leben. Ein Vierteljahr Grundausbildung, Blindenschrift und Schreibmaschine. Nach einem Vierteljahr konnte ich mein erstes Buch in Blindenschrift lesen: Der Schimmelreiter. Die Blindenlehrerin sah meine Fähigkeiten und gliederte mich in einen Kurs für Stenotypisten ein, der schon ein Jahr lief. Es waren alles Mädchen, von klein auf erblindet. Ich musste viel aufholen. Die Lehrerin schickte Nachhilfe, jeden Tag eine Stunde. Eines Tages rief mich der Direktor zu sich. „Herr Peschka, wo werden Sie nach der Ausbildung bleiben?“ Die Frage konnte ich nicht beantworten, denn ich hatte zu diesem Zeitpunkt keinen Kontakt mit der Heimat. Wir hörten nur, dass im Sudetenland gemordet und die Leute vertrieben werden. Ich bekam über das österreichische Konsulat Kontakt mit dem Ölhüttner Theo Waldstätten, Polizeikommissär des 14. Bezirks in Wien. Ich erfuhr, dass meine Verlobte Friedl von den Tschechen zwangsverschleppt war und mein Bruder Karl im Konzentrationslager in Littau war. Meine Eltern erfuhren, dass ich noch lebte. Ich wusste nicht, wo ich einmal bleiben werde. Ich konnte daher die Frage nicht beantworten. Er sagte mir: „Herr Peschka, wenn Sie in der DDR bleiben müssen, werden Sie als Kriegsblinder niemals eine Anstellung als Stenotypist erhalten. Ich rate Ihnen, erlernen Sie das Bürstenmachen, dann haben Sie ein kleines Zubrot fürs Leben.“ Ich folgte den Rat und erlernte widerwillig das Bürsten- und Besenmachen.

1946 wurden meine Verlobte Friedl und meine Eltern vertrieben. Die Eltern fanden in Obertshausen (bei Frankfurt am Main) und Friedl in Schorndorf eine neue Heimat. Ich wollte zu meiner Familie. Im Herbst führte mich nachts eine Frau über die grüne Grenze. Und so traf ich überraschend eines Tages in Obertshausen ein. Die Flucht war gefährlich, Friedl holte mich nach Schorndorf. Ich versuchte, auf Masseur umzuschulen, aber niemand übernahm die Umschulungskosten, weil ich schon zum Bürstenmacher umgeschult war. Ich hätte die erste Umschulung verschweigen sollen, dann wäre mein Leben anders verlaufen. Ehrlichkeit zahlt sich nicht immer aus. Mühselig begann ich als Bürstenmacher mein Leben. Von Haus zu Haus baten wir um Abnahme. Nicht überall wurde ich freundlich empfangen, oftmals wurde uns die Tür vor der Nase zugemacht. Bei Friedl sind oftmals Tränen geflossen. Wir blieben beide stark und stellten durch Fleiß und Sparsamkeit die Familie auf eine feste Grundlage. Was ich und Friedl geschaffen haben, darauf können wir wahrlich stolz sein.

Friedl, geboren am 21.5.1921, liegt schon seit 24.12.2002 auf dem Friedhof, und ich kann ihr nur danken für den mühevollen Weg, den sie mit mir gegangen ist."

Das Ehepaar Peschka hat ein Reihenhaus gebaut und abgezahlt, es hat seinen beiden Kindern beim Bauen ihrer Häuser nicht nur finanziell geholfen, sondern auch bei den Bauarbeiten. Dafür hat Oswald Peschka an vielen Tagen 14, auch 16 Stunden täglich gearbeitet. Sie haben 1997 Goldene Hochzeit mit vier Enkeln und drei Urenkeln gefeiert. Am 17.3.2007 starb der bewunderungswürdige Mann Oswald Peschka , mit 95 Jahren Dorfältester Ölhüttner, kriegsblind, mit amputiertem linken Vorderfuß, mit funktionsunfähiger rechter Hand und gefühllosem rechten Bein. Trotz seines Alters hat er seine Heimat nie wieder gesehen bzw. besucht.

 

Zusammengestellt von Otmar Fischer

Esperantostr. 39

60598 Frankfurt







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