Tschechien


 

Anna Tomaschko, geboren 1927  in Tschechien



Übersicht Erzählwerkstatt

Erinnerungen an die Schicksalsjahre 1945 - 1946


Jahrhundertelang lebten Deutsche in den Randgebieten von Böhmen, Mähren und Schlesien sowie in einigen Sprachinseln im Landesinneren. Nach dem Ende des 2. Weltkrieges wurden ungefähr drei Millionen Deutsche aus ihrer Heimat nach Deutschland und Österreich vertrieben. Auf dem Gebiet von Tschechien und der Slowakei blieben nur etwa 200 000 Deutsche übrig.

Die damalige deutsche kleine Sprachinsel in Mähren  „Wachtl - Deutsch Brodek“ bestand aus fünf deutschen Dörfern inmitten tschechisch-sprachiger Umgebung.

Erinnerungen an die Schicksalsjahre 1945 - 1946

Wenn im Frühjahr die warmen Maitage kommen, gehen die Gedanken oft zurück in das Jahr 1945, als unsere heile, dörfliche Welt verloren ging und nie mehr zurückkehrte. Die Front rückte näher, schon hörten wir fernen Ka­nonendonner, Angst und Unsicherheit breiteten sich aus. Auch wir hatten schon erfahren, was Mädchen und Frauen von den russischen Soldaten an­getan wird. Wie sollten wir versuchen, uns zu schützen? Niemand wusste Rat. In den Nowak-Fabriken war es mit dem geregelten Arbeitsalltag vorbei. Als alles still stand, lag eines Morgens ein Haufen Arbeitsschuhe im Hinter­hof. Aber als ehrliche Leute trauten sich nur wenige, ein Paar zu nehmen. Auch in der Hutfabrik herrschte Chaos. Die Türen standen offen, die schönen Damenhüte lagen überall verstreut. Wir jungen Mädchen schauten neugierig in die Zimmer, setzten auch den einen oder anderen Hut auf, aber der Spaß blieb auf der Strecke.

Am 8. Mai 1945 trat die bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht in Kraft, der Krieg in Europa war damit offiziell beendet. An diesem Tag kamen deutsche Soldaten auf dem Rückzug in den Ort und machten kurze Rast. Als sie am Morgen weiterzogen, schlossen sich ihnen etliche junge Mädchen an, in der Hoffnung auf Sicherheit. Diese war jedoch trügerisch, denn bald hol­ten sie die Besatzer ein und sie waren ihnen ausgeliefert.

Der 9. Mai 1945 war ein wunderschöner Frühlingstag, doch niemand konnte sich an der Natur erfreuen. Zu groß war die Ungewissheit, was wir an diesem Tag noch fürchten müssen. Nachmittags um drei Uhr waren schon die ersten russischen Pferdewagen durch das Dorf gerollt. Als aber alles ru­hig blieb, schöpften wir Hoffnung. Die Nachbarn versammelten sich, um mehr Schutz in der Gemeinschaft zu haben. Als wir uns abends warme Sachen holen wollten, war der Weg versperrt. 15 Soldaten drängten in unsere Stube. Wir mussten Kartoffeln braten, dann schleppten sie eine große Kanne voll Wodka herein, von dem sie sich reichlich bedienten. Dies hatte zur Folge, dass sie meine Schwester und mich immer mehr bedrängten. Gerettet hat uns ein russischer Offizier, der plötzlich in der Tür stand. Die Mutter musste Stroh holen und er befahl den Soldaten, sich hinzulegen. Zur Mit­tagszeit des nächsten Tages stolperte ein betrunkener Mongole zur Tür her­ein und bedrohte die Mutter mit dem Gewehr. Wir flüchteten, seine Schüsse verfehlten uns. Wir wussten aber nun, dass wir nicht zu Hause bleiben konnten. Bei der Familie in Ölhütten, wo ich das Pflichtjahr gemacht hatte, fanden wir mit anderen Mädchen im Hohlraum des Schüttbodens Schutz und überstanden so die ärgsten Tage. Viele Frauen haben Schlimmes erlebt. Auch Kinder wurden durch die Vergewaltigungen gezeugt. In Panik ver­suchten mehrere Frauen, sich das Leben zu nehmen. Jeder Tag brachte neue Schrecken. Bürgerschuldirektor Gustav Schmid wurde in seiner Woh­nung erschossen. Elf deutsche Fernmeldesoldaten wurden brutal ermordet und verstümmelt vor dem Friedhof abgelegt. Die ganze Bevölkerung musste vom Marktplatz aus an ihnen vorbei laufen.

Bürgermeister Eugen Nowak und der Fabrikant Walter schlossen sich bereits am 7. Mai 1945 einer Wehrmachtsabteilung an, um zu ihren schon geflüchteten Frauen zu kommen.

Seitdem hat niemand mehr etwas von ihnen gehört. Nach einem Gerücht sollen sie in einem Wald bei Stefanau von Parti­sanen überfallen worden sein. Welche Tragik für die Eltern Nowak. Sie hat­ten ihren letzten Sohn verloren. Sohn Josef war als Kradfahrer in Polen ge­fallen, Otto in Stalingrad vermisst.

Im Sommer 1945 wurden viele Männer aus der Sprachinsel nach Littau ins Lager gebracht, wo sie schwer arbeiten und Hunger und Misshandlungen ertragen mussten. Sie wurden zum Teil zu längeren Haftstrafen verurteilt und konnten erst spät zu ihren Frauen aussiedeln. Noch gefürchteter war ein Lager bei Olmütz, als „Hölle von Hodolein" berüchtigt. 900 Menschen, auch Kinder, wurden dort ermordet. Eine Tafel am Altvaterturm erinnert an die Opfer.

Der erst 14-jährige Oswald Kopal und der alte Herr Nowak sollten das Kriegerdenkmal in Brodek zerstören, für die beiden ein hartes Stück Arbeit. Trotz der schadenfrohen tschechischen Gaffer gelang es dem jungen Oswald, die Gedenkschrift aus dem Jahre 1903, die im Sockel deponiert war, mit einer List in Sicherheit zu bringen. Ein wertvolles Dokument war gerettet.

Schon bald begann auch die Enteignung der Bauern. Josef Gröpl aus Dös­chna erzählt: „Im tschechischen Nachbarort wohnte eine Familie mit sechs Söhnen, die auch schon Familie hatten. Im Herbst 45 kam der älteste, Bonifatius, und suchte sich den schönsten Bauernhof aus, zwang kurz vor Weihnachten die Bewohner binnen weniger Stunden das Haus zu verlassen, ohne sich um deren Unterkunft zu kümmern. Kurze Zeit später suchte er für seinen Bruder einen Besitz. Am 20. Februar, einem stürmisch kalten Tag, stand er um sieben Uhr vor unserer Tür und forderte uns auf, das Haus binnen drei Stunden zu räumen. In Eile packten wir ein paar Sachen und brachten sie zu meiner Großtante. Um 10 Uhr verwehrte er uns den Zutritt ins Haus. So standen wir draußen in der Kälte und mussten uns eine Bleibe suchen." Auf diese Weise ergaunerten sich auch die anderen Brüder einen Hof.

Die jungen Mädchen wurden von den Bauern aus den umliegenden tschechischen Dörfern zur Arbeit geholt. Ich durfte erst einen Tag vor der Aussie­delung heim. Täglich zogen die Plünderer durch das Dorf. Alles, was mehr oder minder wertvoll erschien, wurde mitgenommen. Die meisten Bewohner hatten aber ihre Sachen gut versteckt, eingemauert oder vergraben. Mit den anderen Schikanen hatte man sich abgefunden. Das weiße „N" (steht für Deutscher/Deutsche) zu tragen und mit der Sperrstunde um 21 Uhr. Die Gerüchte über die Vertreibung aus der Heimat breiteten sich aus, aber niemand wollte sie glauben.

Im Juli 1946 war unser Schicksal besiegelt. Der erste Transport verließ Deutsch-Brodek. Erst mit dem Lastauto in das Lager Lutein, wo nochmal kontrolliert und man­ches liebe Erinnerungsstück weggenommen wurde. Dann, 30 Personen mit je 70 kg Gepäck in Güterwaggons gepfercht, ging es nach langer Fahrt über die Grenze Richtung Württemberg. Vier weitere Transporte folgten. Nach Hessen, Ober- und Unterfranken. Lehrer Kuba erreichte bei den Behör­den, dass Familien, Freunde und Nachbarn auf Wunsch zusammen ausgesie­delt wurden. Am schmerzlichsten war die Vertreibung für die alten Leute. Manche hofften bis an ihr Lebensende auf die Heimkehr.

Der Anfang in der neuen Heimat war schwer. Hunger und Wohnungsnot entmutig­ten die Menschen. Doch nach ein paar schwierigen Jahren wurden die neuen Mit­bürger, auch unsere tüchtigen, fleißigen Sprachinsler in ihrer Leistung anerkannt. Sie hatten die erlernten Fähigkeiten gleich wieder eingesetzt, sich eine neue Existenz geschaffen und Häuser gebaut. Ihre Kinder besuchten zum Teil die höhere Schule und studierten. So konnten sich viele ein erfolgreiches Leben sichern.

Dass die Landsleute sich nicht ganz aus den Augen verloren, dafür sorgte wiederum Familie Kuba. Schon 1947 wurden Adressen gesammelt und mit Bleistift auf Post­karten die Einladungen zu einem Treffen der „Sprachinsler“  nach Limburg/ Lahn ge­schrieben und verschickt. Allmählich wurden alle Aufenthaltsorte bekannt und aus aller Welt strömten die Landsleute zusammen, um alljährlich während unserer „Foahrt“ an Peter und Paul (um den 29.Juni) ein fröhliches Wiedersehen zu feiern. Pfarrer Ma­dea, der alle ehemaligen Pfarrkinder noch mit Namen kannte, hielt mit Pfarrer Pollak den Gottesdienst in der Stadtkirche. Gesungen wurde die vertraute Schubert-Messe.

In diesem Jahr 2014 trafen wir uns nun zum 68. Mal, das 70. ist fest im Blick. Die Liebe zur alten Heimat und die Freude am Treffen sind ungebrochen, wenn auch die Teilnehmerzahl schon sehr bescheiden geworden ist.                 

Anna Tomaschko







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