Emad der Syrer  (geb.1979) in Syrien

 

Der Künstler bei der Arbeit

emad

Schritt ins Ungewisse

Schritt ins Ungewisse

Schritt ins Ungewisse

Schritt ins Ungewisse

 

Lilo Klug
Emad und Lilo Klug 2014

 

Übersicht Erzählwerkstatt

Ich, der Andere in Deutschland


Ich heiße Emad. Ich bin 35 Jahre alt, Innenarchitekt von Beruf. Zur Zeit versuche ich als freiberuflicher Künstler zu  überleben. Perspektivlos. Hoffnungsvoll.

Aufgewachsen bin ich in Syrien, in einer kleinen Großstadt. Die Stadt sieht ganz anders aus als die Städte in Deutschland. Es gibt keinen Vergleich.

Die Häuser sind flach. Fenster und Türen sind meist offen. Du kannst den Horizont immer sehen, die Landschaft ist klar und weit. Keine Berge. Die Sonne scheint immer. Es gibt nur wenig Grün. Die Farben sind karg. Braun und beige überwiegen, und immer ist da diese deutliche Trennung zwischen Himmel und Erde. Es ist heiß und hell, aber angenehm. Wir vermissen jedoch den Geruch der Vereinigung von Himmel und Erde. Wir vermissen den Regen.

Das Zusammenleben der Menschen und die Eigenschaften der Menschen sind ähnlich wie hier. In Syrien gibt es nicht viele Regeln. Hier in Deutschland gibt es zu viele Regeln. Trotzdem gibt es eine gemeinsame Eigenschaft: sowohl die Syrer als auch die Deutschen sind überfordert. Die Deutschen durch zu viel Regulierung, die Syrer durch zu viel Freiheit, die Abwesenheit von Regeln.

Die Gesichter der Menschen in Syrien sehen anders aus als in Deutschland, aber die Menschen selber sind gleich. Liebe und Hass, Freundschaft und Korruption sind überall auf der Welt gleich.

Bedingt durch das Wetter spielt sich das Leben in Syrien viel mehr im Freien ab. Die Menschen sind leichter zugänglich. Nicht wie im grauen Deutschland, wo man hinter verschlossenen Türen lebt.

Ich bin der einzige Sohn meiner Eltern. Aber ich habe vier Schwestern.

Der größte Teil meiner Familie ist noch in Syrien. Wenn es die Situation in Syrien erlaubt, telefoniere ich mit meiner Familie.

 

Kindheit und Jugend
Die Schule war sehr anstrengend, weil wir sehr viele Materialien hatten. In der dritten Klasse wollte ich nach Europa. Ich wollte die Leute am Strand in Europa malen. Meine Mama, mein Papa, die Lehrerinnen und die Verwandten, alle haben mich immer wieder gefragt, willst du nicht Arzt werden oder Ingenieur?

Ich habe nie geantwortet. Doch in meiner Fantasie habe ich den Strand und die Gesichter der Leute an dem Strand gesehen, den ich malen wollte.

In der neunten Klasse, mit 14, wollte ich eine Ausstellung machen in Belgien, weil ich van Gogh bewunderte. Ich hatte meinen Koffer schon gepackt. Aber ich hatte keinen Pass. Meine Eltern haben nur über mich gelacht. Ich hatte jedoch gemeint, ich habe Bilder gemalt, ich verkaufe sie, und dann fliege ich nach Europa...

Bis zur 6. Klasse waren wir mit den Mädchen zusammen. Ab der siebten waren wir getrennt. Es war hart für mich. Ich hatte vier Freundinnen.

Die Trennung in Realschule und Gymnasium kam erst nach der 9.Klasse. Die Fächer waren gleich wie in allen Ländern, Mathe, Physik, Englisch...Aber es war viel Stoff.

Ich habe mich in meine Lehrerin verliebt und habe ihr Liebesbriefe geschrieben.

Eines Tages habe ich bei ihr geklingelt. Ihr Mann kam zu Tür. Ich bat ihn, meinen Liebesbrief seiner Frau zu geben. Er sollte ihr sagen, dass ich sie liebe. Er sagte, ich solle verschwinden.

In der Schule gab es große Aufregung. Die Schulleitung hat meine Eltern angerufen. Sie fanden es gar nicht gut, dass ich so mutig war. 

Sowohl in der Schule als auch in der Nachbarschaft wurde das Thema diskutiert. Ich habe weiter Liebesbriefe geschrieben, aber nur für mich selber. Alle Männer in der Nachbarschaft haben plötzlich auf ihre Frauen aufgepasst. Ich war damals 9 Jahre alt.

 

Wir spielten im Schulhof viel Fußball und andere Spiele, die man hier nicht kennt. Weil ich vier Schwestern hatte, habe in meiner Freizeit immer die Gesellschaft von Jungen gesucht.

Wir durften während der Unterrichtszeit das Schulgelände nicht verlassen. Tat es doch jemand, wurden die Eltern benachrichtigt.

Ich habe die Schule gehasst. Ich hasste den Zwang zu lernen und ich hasste die vielen Bücher. Es war für mich eine graue Zeit.

Mit 19 habe ich die Schule abgeschlossen. Danach ging ich nach Damaskus.

 

Damaskus
Ich bekam einen Studienplatz an der Akademie der Schönen Künste. Ich habe dort fünf Jahre studiert.

An der Uni habe ich freiwillig und mit Freude gelernt.

Jetzt kam die Zeit der Entdeckungen in der großen Stadt Damaskus. Der Unterschied zu meiner Heimatstadt war groß, größer als zwischen Damaskus und Deutschland.

 

Ich habe meinen Freund 'verkauft'

Eine Erinnerung werde ich nie vergessen.

Ich war damals ungefähr 22 Jahre alt. Mein Freund und ich hatten am Anfang des Monats kein Geld mehr. Aber wir wollten uns amüsieren oder wir wollten reisen und ein halbes Jahr lang einfach Spaß haben. Was tun?

Unsere Nachbarin, eine 47-jährige Frau machte meinem Freund immer wieder ganz offen schöne Augen. Ich wusste, dass auch er sie mochte. Da hatte ich die Idee, meinen Freund und diese reiche Nachbarin zusammenzubringen. Ich übernahm die Aufgabe, Details dieser Treffen auszuhandeln, um uns zu etwas Geld zu verhelfen. Der ausgehandelte Vertrag sah eine Dauer von sechs Monaten vor. Mein Freund war einverstanden und mit Eifer bei der Sache. Wir haben alles gehabt, was wir sonst nie hätten haben können, allen Luxus, den man sich als Student wünschen kann. Am Ende hatten alle, mein Freund, die schöne Nachbarin und ich unseren Spass dabei.

In Damaskus gab es viele alte Gassen, und jede Ecke erzählte eine Geschichte. Ich tauchte ein in all diese Geschichten. Das Leben der Großstadt war voller Möglichkeiten. Man sah die Lebenfreude in den Gesichtern. Die Menschen kannten keine Hektik und keinen Stress.

Die Themen an der Hochschule waren sehr interessant. Ich lernte viel über andere Länder. Die Fächerauswahl war sehr umfangreich. Von Mythologie bis zu Licht- und Tontechnik.

Jeden Mittwoch mussten wir die Gassen des alten Damaskus mit den Cafés und den alten Häusern zeichnen. Das war für mich der schönste Tag der Uni-Woche.

In den Cafés saßen viele Touristen, auch Deutsche. Die meisten Touristen kamen wegen des reichen kulturellen Erbes der Stadt, dessen Spuren bis weit ins Altertum zurück vefolgt werden konnten.

In meiner Freizeit habe ich Museen und Ausstellungen in der alten Stadt besucht. Manchmal bin ich ins Theater gegangen.

Viele verschiedene Völker haben im Laufe der Jahrhunderte Damaskus geprägt, und alle haben Spuren ihrer Kultur hinterlassen.

Immer wieder fragte ich mich, wieso mein Nachname grieschich ist? Woher kommt dieser Name? Mein Urgroßvater hieß Azri. Der eine Name ist grieschich und der andere jüdisch.

 

Zurück in die Heimat
Nach dem Studium bin ich zurück in meine Heimatstadt. Ich brauchte die Hitze und die Sonne.

Dort habe ich mein eigenes Büro für Innenarchitektur aufgemacht. Ich hatte immer viele Kunden. Sie haben mich beauftragt, die Innenräume ihrer Wohnungen zu modernisieren und ich hatte dabei alle Freiheit. Ich fand es toll, dass aus meinen Kunden fast immer Freunde wurden, und am Ende wollten alle ein von mir gemaltes Bild. Zwei Jahre lang habe ich so gearbeitet und ein schönes Leben gehabt. Zwar wurde ich immer wieder von der Polizei zu Befragungen abgeholt , aber ich hatte eine Aufgabe und mein Leben hatte einen Sinn. Zur Zeit genieße  ich die 'Freiheit' der Bürokratie - ohne Sinn.

Im Juni 2004 war ich im Haus meiner Eltern. Meine Eltern waren jedoch nicht da. Sie waren auf Urlaub in Deutschland. Ich wurde zu einer Befragung geladen. Ein Offizier unterhielt sich mit mir. Er bot mir Kaffee an und erklärte mir, dass er mich leider an die politische Sicherheitsabteilung übergeben müsse.

Ich wurde in eine Zelle gesteckt unter der Erde. Die Zelle war nur 1qm groß, kein Fenster, eine schwere undurchsichtige Metalltür. Zwei Tage lang erhielt ich nichts zu essen und nichts zu trinken. Absolute schwarze Dunkelheit. Das Gefühl, als liege ich schon im Sarg. Mein Herz klopfte laut. Ich konnte es hören. Ich fing an mit meinem Körper zu reden. "Wir müssen kämpfen. Wir müssen überleben." Ich versuchte, mir etwas Schönes vorzustellen. In meiner Fantasie ließ ich die Wände verschwinden und wunderschöne Landschaften entstehen. So bekam ich wieder Luft und Licht, und machte mir selbst wieder Hoffnung. Dass ich nichts zu essen bekam, machte mir nichts aus. Aber ohne Hoffnung kann ein Mensch nicht leben.

Ich kann mich bis heute nicht erinnern, wie ich in diese Zelle hineinkam und wieder heraus. Der Weg ist aus meinem Gedächtnis gelöscht. Extreme Angst am Anfang und extreme Erleichterung am Schluss haben die Erinnerung gelöscht.

Als ich aus dem Gefängnis ins Freie trat, standen da meine Freunde, um mich abzuholen. Aber ich habe sie kaum wahrgenommen. Ich bin nur gerannt, dem Licht entgegen gerannt. Ich wollte nur weg.

Wenn ich hier in Deutschland auf Schwierigkeiten treffe, versuche anzuwenden, was ich damals in der dunklen Zelle gelernt habe. Ich versuche mich wegzudenken in eine andere Welt. Die Zelle hat sich in meine Seele eingebrannt. Sie ist in mir. Sie begleitet mich durchs Leben.

Der offizielle Grund für meine Verhaftung war eine CD mit Liedern von Chris de Burgh. Seine Musik war verboten. Erst in den stundenlangen Verhören durch die politische Polizei erfuhren die, dass ich Kontakt zur Opposition hatte. Während der Verhöre wurde ich immer wieder mit einem dicken Stromkabel geschlagen.

 

Flucht
Für viel Geld wurde ich von meiner Familie freigekauft. Aber auch danach wurde ich immer wieder zur Befragung geladen. Ich wurde in einen Raum gesperrt und sie ließen mich sechs oder acht Stunden lang warten. Die ganze Zeit hatte ich Angst. dass ich vielleicht nicht mehr herauskomme.

Nach ungefähr einer Stunde Verhör schickten sie mich nach Hause. Jedesmal  drohten sie mir, dass ich das nächste Mal vielleicht nicht mehr herauskomme.

So ging das ungefähr drei Jahre lang. Eines Tages kamen sie zu meinen Eltern und fragten nach mir. Sie wollten mich wieder verhaften. Zum Glück war ich nicht da.

Ich ging nicht mehr nach Hause, sondern tauchte unter in einem kleinen Dorf. Zwei Monate blieb ich da. In dieser Zeit hat mein Vater meine Flucht organisiert und einen Schlepper besorgt.

Eines Tages tauchte dieser Schlepper bei mir auf. Er sagte:

"Heute abend um 11 Ur musst du bereit sein."

Mehr wollte er mir nicht sagen. Um 11 Uhr kam er mit einem dicken Auto und

holte mich ab. Im Auto saßen bereits  ein "Beischlepper" und  ein jung vermähltes Paar.

Nach einer halben Stunde waren wir an der Grenze. Mehrere Soldaten kamen auf uns zu. Sie waren sehr freundlich. Offensichtlich kannten sie unseren 'Reiseleiter'. Wir stiegen aus. Der Mann fuhr mit dem Auto zurück.

Die Soldaten nahmen uns alles ab, Uhren, Schmuck, Brille, und sie gaben uns Uniformen,  braun wie die Erde. Sie zeigten uns die Richtung, in die wir gehen sollten. Ein hoher Zaun mit Stacheldraht markierte die Grenze. Entlang des Zauns war Erde hügelartig aufgefüllt. Unser Begleiter zeigte uns ein Loch. Es war ein enger Tunnel, durch den wir kriechen mussten. Auf der anderen Seite des Tunnnels war Niemandsland. Es war vermint. Dort wartete auf uns ein Esel. Der Schlepper meinte, wir sollten dem Esel folgen, aber 20 Meter  Abstand halten. Der Esel führte uns sicher zu einem anderen Zaun, der genauso aussah. Nocheinmal ein Tunnel und wir waren in der Türkei.

In der Türkei trafen wir wieder auf Soldaten. Ein neuer 'Reiseleiter' stand bei ihnen. Er hatte auf uns gewartet. Die Soldaten sind mit uns ungefähr 10 Minuten bis zu einem dicken Auto gegangen. Der Typ, der im Wagen saß, fuhr uns bis nach Istanbul, eine Fahrt von 8 Stunden. Für eine Woche wurden wir bei einer alten Frau untergebracht. Wir durften nicht aus dem Haus, nicht einmal ans Fenster.

Nach ein paar Tagen kam der Mann, der uns in Syrien an die Grenze gebracht hatte. Er führte uns in den Keller. Wir hatten Angst, er bringt uns um. Aber er brachte uns in ein Fotostudio. Dort wurden wir für unsere neuen Pässe fotografiert. Eine Woche später kam derselbe Mann mit den Pässen. Er sagte:

"Ihr habt noch vier Stunden Zeit. Dann fliegen wir."

Meinen 'türkischen' Pass habe ich nie in der Hand gehabt. Er blieb immer beim Schlepper. Er brachte uns Anzüge und ein Kleid für die Frau. Wir trafen uns mit einer anderen Gruppe. Wir waren jetzt sechs oder sieben Leute. Als Touristen flogen wir nach Deutschland.

 

Meine Initiation in die deutsche Gesellschaft
Ich bin kein Kriegsflüchtling. Als Kriegsflüchtling sucht man ein Leben in Sicherheit, ohne Angst und mit genug zu essen.

Ich kam hierher aus politischen Gründen, meine Sicht war anders. Ich musste mein Land verlassen. Aber ich suchte auch neue Lebenswelten und - unbewußt - 'die westliche Welt'. Es war ein Schritt ins Ungewisse. Manche Menschen haben das Bedürfnis, ins Ungewisse zu gehen.  Manchmal frage ich mich, wieso bin ich hier an diesem Ort, in  diesem Zipfel der Welt? War der Grund für mein Weggehen meine Situation oder war ich es selber? Vielleicht  bauen wir unser Leben selber mit unseren Gedanken.

Am Anfang war ich enttäuscht über die Verschlossenheit der Deutschen.

Ich habe Misstrauen gespürt, weil ich fremd war.

Ich fand keinen Zugang zu den Menschen. und fühlte mich ausgeschlossen.

Alles hier ist grau und viel zu perfekt. Viel große imposante Architektur. Aber die Menschen sind irgendwie fern. Ich habe mich gefragt, wo ist hier das Leben?

Dann kam ich in das Asylbewerberwohnheim in Heilbronn.  Das war immer

noch nicht das richtige Deutschland. Wir kamen aus vielen verschiedenen Ländern, und obwohl alle kaum Deutsch sprachen, waren wir eine Gemeinschaft. Wir haben mit Händen und Füßen geredet, wie in einem modernen Theater. Aber wir haben miteinander und nicht aneinander vorbei gesprochen.

Ich hatte den Mut und den Willen, die fremde Kultur für mich zu erobern.

Ich wollte raus aus dem Wohnheim und das richtige Leben finden. 

Ich habe jemandem ein Bild angeboten für die Nutzung eines Raumes in einem Keller in der Stadt. Er überließ mir den Raum für 6 Monate. Das war mein erstes - heimliches -  Atelier in Deutschland, eine erste Andeutung von Freiheit. Denn im Wohnheim durfte ich nicht malen.

Ich durfte nicht malen.

Meine Bilder und Farben wurden eingesammelt und weggeschlossen.

Ich durfte die Sprache nicht lernen.

Ich durfte nicht arbeiten.

Ich durfte HN nicht verlassen, obwohl ich über den Künstlerbund Heilbronn die Möglichkeit hatte, in anderen Städten auszustellen.

Die Residenzpflicht zwang mich, diese Einladungen abzulehnen.

Damals habe ich das alles akzeptiert.

Heute würde ich das nicht mehr ertragen. Es ist demütigend und verletzend.

 

Kommunikationsstörung
Nach dem Wohnheim fing mein Leben als Einzelwesen an. Dabei geht es in die Isolation, an die wir uns unbewusst, langsam, gegen unseren Willen gewöhnen. Ich spüre, die deutsche Gesellschaft bewegt sich in dem Raum zwischen Individualismus und Kapitalismus. Das führt zu Vereinzelung und Einsamkeit.

In Deutschland hört man oft den Ausdruck 'Vitamin B' und wie wichtig es ist. 'Vitamin B' bedeutet Beziehungen. Beziehungen, die man braucht, um etwas zu erreichen.  Auch im Beruf braucht man sie, wenn man vorwärts kommen will.

Wichtig ist doch eigntlich was jemand macht, wie er es macht, unabhängig von 'Vitamin B' und Werbung, meine ich zumindest.

In Deutschland fehlt die echte Kommunikation. Menschlichkeit und die Beziehungen zwischen den Menschen brauchen Kommunikation als Bindemittel. Internet und Zeitungen sind zwar manchmal aufregend aber nicht kommunikationsfähig. Ich merke wohl, die Menschen reden, aber sie reden mehr mit ihren Hunden, als miteinander.

Wenn ich durch die Stadt gehe, beobachte ich die Menschen. Sie nehmen die Welt um sich herum kaum wahr. Sie haben es eilig und immer das Handy am Ohr oder sie tippen drauf herum. Sie sehen mich nicht. Manchmal frage ich mich: wer bin ich? - wie bin ich? - Wo ist das Ich der Anderen? 

Heute habe ich ein dauerhaftes Bleiberecht. Ich habe mein Studium anerkennen lassen, spreche gut Deutsch und habe ein Netzwerk von Freunden. Trotzdem spüre ich hier keine Sicherheit. Bin ich heimatlos? Ich hänge zwischen diesen beiden Begriffen: Sicherheit und Heimatlosigkeit.

Ich bin wie die Palme, die aus der Wüste irgendwie hierher gekommen ist und drinnen in der Wärme weiterwächst. Aber ich werde draußen vermutlich nie stehen wie eine Eiche und den Winter überleben. Ob die Palme drinnen in der Wärme Früchte trägt, bleibt eine offene Frage.

 

Ich - der Andere
Ich weiß nicht worin das Problem des Zusammenlebens von Ausländern und Deutschen besteht. Liegt es an den Deutschen? Liegt es an den Ausländern? Aber es ist, wie wenn man Wasser und Öl zusammengießt. Da weiß man auch nicht, liegt es am Wasser oder am Öl. 

Wenn du in einer Gruppe lebst, definierst du dich über die Gruppe. Als Fremder In Deutschland ist es nicht einfach, in eine Gruppe hineinzukommen. Du musst darum kämpfen, und es dauert oft lang. Für lange Zeit bist du allein der, der dich definiert, und du bleibst immer der Andere.

Die Menschen in Deutschland haben ein großes Sicherheitsbedürfnis. Das Fremde verunsichert und macht Angst. Deshalb ist alles genau geregelt.

Ich habe den Eindruck, den Menschen hier kommt vor lauter Regeln das Leben abhanden. Viele Leute verwenden das Wort spontan. Aber was ist eigentlich spontan in einem Land im dem alles geregelt ist?

Deutschland ist ein freies Land, in dem ich in einem Gestrüpp von Vorschriften die Freiheit suche, Freiheit die ich nur auf der Flucht, auf dem Weg von einem Land in das andere wirklich fühlte.

Die Kultur, in der ich aufgewachsen bin, hat mich geformt. In dem neuen Land, in der neuen Kultur, werde ich neu geformt von Grund auf. Meine Sozialisation in Syrien und meine Muttersprache nützen mir hier nicht viel.

Als ich nach Deutschland kam, habe ich mich gefragt, warum die Farbe Weiß, weiß genannt wird. Eigentlich müsste man wieder ein Kind werden, wenn man einen Weg in eine andere Kultur finden will. Dann würde man nicht fragen, warum weiß, weiß heißt, und warum das Verb nicht am Anfang des Satzes sondern am Ende steht. Man muss bereit sein, die Signale der anderen Kultur aufzunehmen und anzunehmen wie ein Kind.

 

Umgang mit Ämtern
Um zu verstehen, wie man am besten mit Ämtern und Behörden in diesem Land umgeht, muss man als Ausländer immer Beweise in der Hand haben, schwarz auf weiß, z.B. dass der Mond kleiner ist als die Sonne, nur so kann man eine Genehmigung bekommen für den Umzug in eine andere Stadt zum Beispiel.

Man sollte die Nerven behalten, schnell einen Drucker und ein Paket DINA-4 Papier besorgen, googeln und ausdrucken, was immer die wissen wollen, z.B dass der Neckar zum Rhein fließt und nicht umgekehrt, oder dass das Rhein-Main-Gebiet größer ist als Widdern, wo ich zur Zeit wohne.

Widdern hat 1000 Einwohner, keinen Bahnhof, einen sehr kleinen Edekaladen und einen Bäcker zur Versorgung. Wenn ich zu Aldi oder Lidl möchte, muss ich

8 km mit dem Fahrrad fahren.

Nach meiner Erfahrung in Heilbronn und Widdern als arbeitsloser Innenarchitekt wollte ich aus beruflichen Gründen nach Wiesbaden umziehen. Die Chancen in Heilbronn eine Stelle zu finden sind gering. Im Jobcenter verlangten sie von mir den Beweis, dass es in Widdern und Heilbronn weniger Innenarchitekten gibt als im Rhein-Main-Gebiet. Der Angestellte im Jobcenter fragte mich: "Gibt es in Widdern keine Innenarchitekten?"

Ich bin mit 28 Jahren nach Deutschland gekommen, mit einer guten Ausbildung und voller Energie und kreativer Ideen. Heute bin ich 35. In Widdern fühle ich mich einsam und sehe keine Arbeits- oder Entwicklungsmöglichkeiten.

Ich habe in Deutschland die Freiheit gesucht. Gefunden habe ich Meinungsfreiheit und Freiheit des Denkens. Aber die Freiheit hinzugehen, wo ich will, und dort zu leben, wo ich will, habe ich nicht. Ich fühle mich wie in einem Käfig..

Ich vermisse die Wärme, die zwischen den Menschen schwebt, und das Licht, das bei Sonnenschein immer präsent ist. Ich warte immer auf die Sonne. Wenn sie da ist, merke ich, wie die Gesichter sich verwandeln, sich öffnen.

Aber die Wärme zwischen den Menschen hier bleibt nicht. Sie sagt ganz schnell Auf Wiedersehn.

 

Integration - eine schwierige Aufgabe
Ich frage mich, ist Integration nur meine Aufgabe oder ist es auch eine Aufgabe für die Einheimischen?  Viele Deutsche denken, dass sie die Aufgabe haben,  Ausländer zur Integration zu bewegen. Ausländer denken, dass sie sich integrieren müssen. Und keiner weiß, wie es geht.

Oft wird Integration verstanden als Einpassen des Fremden in das vorhandene System. Aber das System mit seinen unzähligen Regeln erstickt jede Eigenart und jede Spontaneität im Keim.

Ich will mich nicht anpassen bis zur Selbstaufgabe und deutscher werden als die Deutschen. Ich möchte 'der Andere' bleiben und meine Wurzeln nicht verleugnen.

Integration ist eine Aufgabe für alle, die Deutschen und die Fremden. Sich einpassen in das System reicht nicht. Ohne die Bereitschaft der Einheimischen sich zu öffnen für das Anders-Sein des Fremden geht es nicht. 

Für mich ist Integration das Miteinander von Menschen unterschiedlicher Herkunft, nicht das Nebeneinander. Es bedeutet, offen aufeinander zuzugehen, mit Respekt vor dem Anderssein des Anderen und mit Neugier auf die Kultur des Anderen.

Viele Ausländer kommen hierher als Flüchtlinge, so wie ich. Wir kommen mit leeren Händen und voller Energie. Aber unsere Energie wird aufgefressen im Irrgarten des Systems.

Das einzige was uns bleibt, ist unsere Kultur. Sie ist unser Gastgeschenk für das Land, das uns aufnimmt.

Wenn die Regierung eine Dame wäre, würde ich ihr gerne sagen: Sehr geehrte Frau Regierung, können Sie nicht die Löcher im Sieb des Systems in bisschen größer machen? Ich habe viele Ideen, wie das gemacht werden könnte.  Ich verrate sie hier nicht. Ich warte, bis wir uns treffen.

Deutschland hat mir viel Neues gebracht. Manches war schlecht. Anderes war gut. Ich habe eine andere Sicht der Welt und andere Lebensweisen kennen gelernt. Mein Horizont hat sich erweitert, mein Blick für andere Menschen auch. Neue Visionen tauchten auf.

So kann das Pech, das dir im Leben widerfährt, manchmal unerwartete und interessante Früchte tragen.

Ich habe in Deutschland gute Freunde gefunden, die ich nie vergessen werde, auch wenn ich vielleicht in andere Länder weiterwandern werde.

Oft habe ich das Gefühl, sie sind so vertraut wie meine Freunde von zuhause, obwohl sie aus diesem rätselhaften Deutschland kommen.

Man braucht Freunde, mit denen man seine Interessen teilen kann, wenn man in einer fremden Gesellschaft heimisch werden will. Nur so  kann Integration gelingen.

Eine gute Möglichkeit für Ausländer, hier Kontakte zu knüpfen, sind Vereine. In südlichen Ländern ist das Leben und die Menschen offener, mehr nach außen orientiert, und viel leichter zugänglich.
In Deutschland, wo die Türen fast immer verschlossen sind, können Vereine Türöffner sein. Im Verein ist es als Ausländer leichter, Zugang zu finden zu den Menschen.

So erhielt ich in diesem Land die Möglichkeit mich an Ausstellungen und Kunstprojekten zu beteiligen, und ich lernte dabei viele interessante Menschen kennen. Das geht aber nur, wenn man von Anfang an die Möglichkeit erhält, die Sprache zu lernen. Das ist das Erste und Wichtigste. Sprache baut Brücken, Brücken, die man als Fremder braucht.

 

Deutschland - Welt voller Pünktlichkeit
Die Deutschen sind neugierig. Sie interessieren sich für meine Gedanken.

Auch sind sie sehr zuverlässig. Ich habe Pünktlichkeit gelernt in Deutschland. In meiner Heimat ist Zeit eher flexibel, nicht so starr wie hier. Dadurch sind die Menschen entspannter. Hier denke ich manchmal: Was ist wichtiger, die Pünktlichkeit oder der Mensch.

Es gibt einen Ausdruck in Deutschland, über den freue ich mich jedesmal. Wenn mir jemand sagt: 'Kommst du gegen 9 Uhr', ist das viel entspannter als wenn er sagen würde, 'um neun'. Es gibt mir einen kleinen Spielraum, eine kleine Freiheit. Nach einigen Jahren mit meinen Freunden hier in Deutschland, sehen diese selbst die Sache etwas lockerer. Mein Vorteil ist, ich kann heute beides, entspannt sein aber auch pünktlich, je nachdem.

In jeder Kultur gibt es Vor- und Nachteile, und überall gibt es auch Zwänge, die das Leben beeinflussen.

In dem Land meiner Herkunft hat mich stets geärgert, dass man sich auf allgemeine Regeln, Absprachen und Zeitvorgaben so wenig verlassen kann.

Hier in Deutschland ärgere ich mich eher darüber, dass vieles überorganisiert ist.

Es fällt mir schwer, mich an überzogene oder sogar unsinnige Regeln und den rechtwinkligen Perfektionismus in diesem Land zu gewöhnen. Ich finde es schrecklich, immer pünktlich sein zu müssen und ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn ich einmal zu spät komme.

In Syrien, wie vielleicht auch in anderen Ländern, gibt es überall, insbesondere bei den Verkehrsbetrieben und öffentlichen Einrichtungen Raum für Verspätungen, die von allen als wohltuend empfunden werden. Verspätungen machen dort das Leben erst richtig gemütlich. Obwohl Verspätungen nach außen hin negativ dargestellt werden, freut man sich innerlich über die zusätzlich gewonnene Zeit.

Dort wo das Leben perfekt geregelt zu sein scheint, wo die Betriebe hocheffizient organisiert sind und damit Pünktlichkeit ein Muss, werden alle Abläufe im Leben immer noch weiter beschleunigt. Ständig wird Zeitmangel beklagt, und alle machen sich auf die Suche nach der Zeit –  die sie niemals finden.

Zeit hier in Deutschland ist knapp wie der Regen in der Wüste.

Zeitmangel scheint ein Teil der Lebensart hier zu sein. Kann es sein, dass es hier zur Tradition gehört, dass man wenig Zeit hat? Stress und wenig Zeit zu haben, ist ansteckend. Je mehr Stress einer hat, umso bedeutender fühlt er sich.

Ich vermisse die freie Zeit, obwohl ich sie haben müsste.

Ein deutscher Freund, der öfter von Stress und Zeitmangel geplagt wurde, obwohl er Rentner ist, erzählte mir, was er von einem Afrikaner gelernt hat:

Der sagte einfach: - Setz dich hin, dann kommt immer mehr Zeit.

Die Antwort des Deutschen: Aber die Uhr läuft!

Darauf der Afrikaner lachend: You have the clock, we have the time.

Ich wusste, dass mir Jahre des Wartens bevorstanden. Doch ich konnte mir den Stress nicht vorstellen, der mich und jeden, der in diesem Land strandet und keine Ahnung hat, wie das Leben hier läuft, einfängt. 

Deutschland ist eine Welt voller Pünktlichkeiten.

Ich bewundere die Deutschen und habe Respekt davor, wie sie sich der immer fehlenden Zeit und dem Leben hier anpassen und Schritt halten mit der ständigen Beschleunigung.

Die Maschinen in den hochentwickelten Ländern steuern heute im wahrsten Sinne des Wortes den Menschen. Und ich, der Syrer, versuche seit Jahren, mich an das Leben im Steuerungssystem der Maschinen anzupassen.

Deswegen sage ich, es gibt keine Verbesserung der Lebensbedingungen, wenn man hierher kommt, sondern nur eine Veränderung, solange bis du dich an die neuen Bedingungen gewöhnt hast. Erst dann kann sich deine Situation langsam verbessern.

 

Hier leben?
Ob ich hier auf Dauer leben könnte? - Vielleicht, wenn ich eine Perspektive hätte.

Leider habe ich die bisher nicht. Ich habe einen Hochschulabschluss aus Syrien, der mir hier nichts nützt.

Ich kam auf die Idee, mich selbständig zu machen, um endlich von der staatlichen Unterstützung wegzukommen,

Ich wollte ganz klein anfangen. Aber ich wurde ausgebremst von all den gesetzlichen und steuerlichen Auflagen. Wie kann ich etwas Eigenes aufbauen, wenn ich nicht ausprobieren kann, ob es funktioniert? 

Ich möchte unabhängig sein, mein eigenes Geld verdienen. Ideen hätte ich genug. Trotzdem bin ich ratlos in dem Dschungel aus Gesetzen und Vorschriften.

Ich kann und will die Kultur meiner Heimat nicht verleugnen. Wenn ich viele Jahre, vielleicht mein ganzes Leben hier verbringe und die Sprache fehlerfrei beherrsche, werde ich auch lernen, 'den Deutschen' perfekt zu spielen. Vielleicht werde ich mich sogar in der deutschen Gesellschaft zuhause fühlen. Aber im Herzen bleibe ich immer Emad, der Syrer.

 

Emad der Syrer

aufgeschrieben von Lilo Klug





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