Siebenbürgen (Rumänien)


Maria Orben, geborene Roth, geboren 1938 in Großkopisch (Siebenbürgen)

Frau Orben 1962

Kindergarten 1943

Vater von Frau Orben 1971

 

Übersicht Erzählwerkstatt

Arbeit und Fleiß, das sind die Flügel;
sie führen über Strom und Hügel.


Ausreise

Es war ein sonniger Märztag im Jahr 1990, als ich zum allerletzten Mal früh morgens von den vertrauten Geräuschen der Natur, die ich mein halbes Leben lang kannte und mir vertraut waren, wach wurde. Obwohl sich alles gleich anhörte, war alles anders, denn wir warteten auf unser Gefährt, das uns ins sehr ersehnte Land fahren sollte. Für diesen Moment hatte ich viele Jahre gekämpft. In regelmäßigen Zeitabständen war ich nach Bukarest gefahren, um einen Antrag auf Ausreise zu stellen.

Viele Nächte waren wir im Regen gestanden, um am nächsten Morgen in der rumänischen „Ausreise-Botschaft“ vorsprechen zu dürfen. Leider jedes Mal ohne Erfolg.

Einmal gelang es mir sogar, in einen nicht öffentlichen Bereich vorzudringen. Wir wurden aber sehr schnell verhaftet und sollten gerade abgeführt werden. Da kam uns, Gott sei Dank, ein Angestellter der Botschaft entgegen, ein ehemaliger Ingenieur, mit dem ich einige Jahre zusammengearbeitet hatte. Er rettete uns das Leben. Sonst hätten wir unsere Familie vielleicht nie wieder gesehen.

Wir warteten also in unserem Haus, das in einer Sackgasse am Stadtrand unterhalb eines Waldes lag. Die Straße war uneben und nicht asphaltiert. Es gab lediglich links und rechts der Straße jeweils drei Häuser mit den dazugehörigen Grundstücken. Jedes Auto, das in die Sackgasse einbog, wurde sofort wahrgenommen, denn Autos schafften es selten unter solchen Straßenbedingungen so weit hinaus.

Nun aber hatte das Warten ein Ende und gegen 10:00 Uhr morgens fuhr ein weißer VW-Bus vor.

Meine Kinder samt Schwiegertöchtern und Enkelkindern waren versammelt und bereit, die Reise in den Westen anzutreten. Die Motorgeräusche des VW-Busses machten die Nachbarschaft aufmerksam, und mit jeder Minute, die verstrich, kamen immer mehr Nachbarn und Freunde in die Straße, um sich von uns zu verabschieden. Als die paar Koffer eingeladen waren, wurde auch meine 81-jährige Mutter von meinen Söhnen ins Auto getragen. Nun konnte die Reise in ein neues, ersehntes besseres Leben losgehen.

Ich war glücklich, dass meine ganze Familie beisammen war und wir nicht getrennt wurden. Meine Schwester, die schon 1986 das Land verlassen durfte, lebte in Heilbronn. Sie hatte es uns ermöglicht, in dem von ihr angemieteten Bus samt Fahrer auszureisen. Eine andere Möglichkeit wäre auch schwierig geworden, da meine Mutter  in einem schlechten gesundheitlichen Zustand war, so dass dies die einzige Möglichkeit war, die für mich in Betracht kam.

Wir waren den ganzen Tag unterwegs, und als wir die rumänische Grenze hinter uns gelassen hatten, verspürte ich ein tiefes Gefühl von Freiheit.

In Ungarn, auf einem Rasthof, wartete ein weiterer VW-Bus mit deutschem Kennzeichen der Reisegesellschaft König. Die Koffer wurden umgeladen, und so konnte die Reise weitergehen. Wir kamen unserem Ziel immer näher. Alle hatten ihre Einreisebescheinigung bis auf meine Schwiegertochter mit meiner Enkeltochter.

Diese mussten wir schweren Herzens in Ungarn zurücklassen. Es fiel meinem Sohn besonders schwer, seine Frau und seine 1-jährige Tochter in einem fremden Land  auf einem Rasthofplatz stehen zu lassen. Schnell wurde eine Unterkunft organisiert, wo beide bleiben konnten. Von den Ersparnissen wurde etwas abgezwackt und ihnen dagelassen, sodass sie für ein Woche Unterkunft und das Essen bezahlen konnten, bis auch sie ihre Reisepapiere bekamen.

Mit gemischten Gefühlen ging die Reise weiter. Etwa 15 Stunden später war ich mit meiner fast kompletten Familie in dem ersehnten Land, wofür ich viele Jahre gekämpft hatte, angekommen.

Alle Ankömmlinge waren verpflichtet, wegen der Papiere in Nürnberg als erste Station Halt zu machen. Uns wurden zwei Zimmer zugeteilt mit Stockbetten. Meine Mutter und ich kamen in ein Zimmer des Roten Kreuzes wegen ihres schlechten gesundheitlichen Zustandes.

Müde, erschöpft und mit gemischten Gefühlen ließ ich mein bisheriges Leben Revue passieren…

 

Meine Kindheit und Jugend

Am 19. Februar 1938 brachte mich meine Mutter, Maria Roth, geb. Windt, als jüngste Tochter von drei Kindern zur Welt.

Wir lebten in Großkopisch, einem Dorf in Siebenbürgen, in dem mehr als zwei Drittel der Bevölkerung deutschstämmig war. Zu Hause sprachen wir siebenbürgisch Sächsisch. Das ist eine der ältesten noch erhaltenen deutschen Siedlersprachen, die ab dem 12. Jahrhundert als Ausgleichsdialekt verschiedener Mundarten entstand. Wir hatten deutsche Kindergärten und deutsche Schulen.

Das Dorf Großkopisch, in dem ich aufwuchs, war sehr landwirtschaftlich geprägt. Obwohl meine Mutter Kindergärtnerin war, besaßen wir zwei Schafe, eine Ziege, ein Schwein und eine Menge Hühner. Um diese Tiere mussten sich meine ältere Schwester und ich kümmern. Mit den Schafen gingen wir auf die Weide, für das Schwein sammelten wir Brennnesseln und Unkraut. Die Brennnesseln wurden mit heißem Wasser überbrüht und dann mit ein wenig Mehl und Kartoffeln vermischt. Dem Schwein hat’s geschmeckt.

Beim Fischen mussten wir den Jungen im Dorf helfen. Sie stauten das Wasser des Dorfbachs mit einem Damm, höhlten ihn so weit aus, dass ein Kartoffelkorb dahinter Platz fand, und wir Mädchen mussten ihn gegen die offene Stelle drücken. Die Jungen stocherten derweil mit ihren Stecken an den Rändern des Baches ins Erdreich, wo sich die Fische aufhielten. Aufgescheucht schwammen sie direkt in den Korb. Mit dem Fang begaben wir uns auf die Wiese, wo wir den Fang brieten, der uns herrlich schmeckte.

Im nahe gelegenen Tannenwald sammelten wir Tannenzapfen, damit uns unsere Mutter abends schnell ein warmes Essen auf dem Tannenzapfenfeuer zubereiten konnte, wenn sie von der Arbeit kam. Besonders schön war Weihnachten für uns Dorfkinder. Wir sangen in der Kirche Weihnachtslieder und sagten Gedichte auf. Dann gab es Geschenke vom Weihnachtsbaum. Jedes Kind bekam ein Päckchen mit einem gebackenen Stern, dazu Nüsse, Äpfel, einen Bleistift und einen Radiergummi.

Kurz danach träumten wir von Ostern, denn da erhielten wir von unseren Eltern rot gefärbte Eier. Mit diesen Eiern gingen wir auf die Wiese und warfen sie in die Luft. Wer am höchsten warf, erhielt zur Belohnung ein Ei. Die zerbrochenen Eier am Boden wurden trotzdem gegessen, denn es waren ja harte Eier und der Boden war weich.

Kriegswirren

1941 erklangen in den Straßen die Trommler der rumänischen Armee und forderten alle Männer, Frauen, junge Burschen und Mädchen ab 18 Jahren auf, sich für den Krieg rekrutieren zu lassen. Autos standen für den Abtransport bereit, so dass kaum einer umkehren konnte. Wenige Erwachsene blieben im Dorf zurück, auch nur deshalb, weil sich diese tage oder sogar wochenlang versteckt gehalten hatten samt schwangeren Frauen, Greisen und kleinen Kindern. Mein Bruder Hans, dreizehn Jahre, meine Schwester Anna, acht Jahre, und ich mit meinen vier Jahren waren mit meiner Mutter zurückgeblieben. Wir hatten einen Hof mit fruchtbarem Boden zu bebauen und genügend Vieh im Stall, um über die Runden zu kommen.

1944, als die Deutschen gegen die Russen den Krieg verloren hatten, besetzten dieRussen unser Dorf. So kam es, dass eines Tages einige russische Soldaten urplötzlich  mitten in unserer Stube standen. Diese war voller Kinder, eigene und fremde, die sich gerne in der Gegenwart meiner Mutter aufhielten, die von Beruf Kindergärtnerin war. Einer der Soldaten fragte meine Mutter, wem die Kinder gehörten. Diese, in Angst um ihr Leben, gab an, dass all diese Kinder ihre eigenen seien. Der Soldat fasste sich nur an den Kopf und machte mit seinen Kumpanen kehrt, sodass wir unversehrt bei der Mutter bleiben konnten.

1945 und 1947 gab es zwei Enteignungswellen, in der die deutschstämmige Bevölkerung ihren gesamten Grundbesitz, ihr Vieh, ihre Vorräte  und ihre Häuser verlor Dennoch hatten wir das Glück, dass wir in unserem Haus weiterhin wohnen durften. Andere Familien sollte es schlimmer treffen. Diese mussten sogar ihre Häuser räumen, damit rumänische Familien aus dem Dorf in deren Häuser einziehen konnten.

Allerdings kam eine rumänische Familie mit fünf Kindern aus den Bergen mit ins Haus, die ab diesem Zeitpunkt das Sagen hatte. Wir gaben unsere besten Zimmer ab und teilten uns gemeinsam die Küche.

Dazu fällt mir ein lustiges Erlebnis ein:

Die wundersame Auferstehung der Gänse

Die rumänische Familie hatte eine Schar von Gänsen. Meine Mutter baute in unserm Garten Mohn an. Eines Tages, als meine Mutter einige der Mohnpflanzen ausgerissen und auf dem Misthaufen entsorgt hatte, wurden diese am Abend von den Gänsen gefressen. Das führte dazu, dass die Gänse in einen sehr langen Schlaf fielen und nicht, wie gewohnt, am nächsten Morgen wach wurden. Der Hausherr stellte mit Entsetzen am nächsten Morgen fest, dass seine Gänse nicht mehr lebten.

Um den Schaden in Grenzen zu halten, wurden den Gänsen die Federn gerupft. Die Gänse wurden beiseite gelegt, um sie zu entsorgen. Am nächsten Morgen wollte der Besitzer die Gänse auf dem Acker vergraben. Doch diese waren in der Zwischenzeit von ihrem langen Schlaf erwacht und watschelten dem Besitzer entgegen, nur eben federlos. Die rumänische Familie und deren Verwandte strickten und nähten nun Kleider für die armen Tiere, damit sie nicht froren. Alle Leute, die an dem Ort vorbeikamen, wo sich die Tiere aufhielten, blieben stehen und lachten.

1945 wurde ich eingeschult. Ich besuchte zusammen mit meinen Freundinnen vier Jahre lang die deutsche Schule im Dorf. Mein Bruder und meine Schwester, die inzwischen 18 und 14 Jahre alt waren, konnten nicht mehr zu Hause bleiben. Unsere Vorräte waren schon lange aufgebraucht, und so mussten sie nun auch etwas dazuverdienen. Sie zogen in die nächst größere Stadt Mediasch, wo meine Schwester als Dienstmagd und mein Bruder ebenfalls als Dienstknecht eine Stelle fand.

Ich war inzwischen elf Jahre alt und sollte auf die weiterführende Schule nach Birthelm gehen. Doch meine Mutter war damit nicht einverstanden, da in der Zwischenzeit ja meine Geschwister und mein Vater weg waren und sie nicht alleine bleiben wollte. Meine Freundinnen gingen weiter in die Schule, nur ich blieb zu Hause und arbeitete mit meiner Mutter auf dem Acker, um unser tägliches Brot zu verdienen.

Diesen Zustand hielt ich nicht lange aus. Im darauffolgenden Jahr meldete ich mich selbst an der weiterführenden Schule im Nachbardorf an, und somit konnte ich die fünfte und sechste Klasse absolvieren. Ich blieb im Internat. Dort wurde mit Essen, Trinken und Schlafen für uns gesorgt.  

1956, als ich 16 Jahre alt war, zog ich zu meiner Schwester in die Stadt, in der ich dann 36 Jahre lebte. Aber bevor es so weit war, gab es noch manches, was ich nachtragen möchte. Ich arbeitete zuerst in einer Bürstenfabrik, was für mich einen Fußweg von drei Kilometern bedeutete, vorbei an Wiesen, Weinbergen und einem Wald. Einmal, an einem frühen Morgen, als meine Freundinnen und ich unterwegs zur Arbeit waren, sahen wir in einer Waldlichtung ein Licht. Es rührte von einem Fallschirm her, der da vom Himmel herabgeschwebt war. Das Licht erlosch. Voller Angst liefen wir schnell weg und meldeten das seltsame Geschehen in der Fabrik. Die Polizei nahm sich der Sache an und sagte, dass in dieser Nacht viele Flugzeuge am Himmel gesehen worden seien und dass es sich bei den Menschen am Fallschirm um Spione gehandelt habe. Das einzig Gute an dem Ereignis war, dass wir an diesem Tag nach der Befragung nicht mehr arbeiten mussten.

Mein Leben in der Fabrik

Zwei Jahre später verdiente ich mein Geld in Mediasch in einer Fabrik, in der ich als Maschinistin ausgebildet wurde. Die Arbeit an der Stanze war gefährlich. Viele wurden bei dieser Arbeit an den Händen schwer verletzt. In dieser Fabrik gab es auch einen Frauenhandballverein, dem ich beitrat. Wer Mitglied in diesem Verein war, wurde zum Training von der Arbeit freigestellt. Ich war Torwart. Wir waren eine sehr gute Mannschaft; deshalb kamen wir durch die Auswärtsspiele viel im Land herum.

Wir bauen uns ein Haus

In der Fabrik lernte ich meinen späteren Mann kennen und nach zwei Jahren heirateten wir. Anschließend musste mein Mann drei Jahre lang zum rumänischen Militär. Als er zurückkam, bezogen wir zunächst eine Mitwohnung. Wir wohnten in einem winzigen Zimmer. Wir besaßen nur ein Bett, einen Schrank und einen Hocker, den mein Mann selbst geschreinert hatte. Die Wände in der Wohnung hatten so breite Risse, dass man die Nachbarn in der Wohnung daneben sehen konnte. 

Als unser erster Sohn 1961 geboren wurde, ging mein Mann zum Bürgermeister und bat um eine bessere Wohnung. Doch der Bürgermeister wies ihn ab. Damals bekamen nur Rumänen eine Wohnung oder solche Menschen, die skrupellos genug waren, die Beamten zu schmieren, die für die Wohnungsvergabe zuständig waren. Da entschlossen wir uns, ein Haus zu bauen. Durch äußerste Sparsamkeit, durch Zuwendungen meiner Schwester und meiner Eltern (mein Mann war Waise) konnten wir zusammen mit meiner Cousine ein Grundstück erwerben, auf dem wir mit Hilfe von Zigeunern ein Doppelhaus erstellten. Die Zigeuner formten und brannten die Ziegelsteine für die Mauern. Mit den Ziegeln einer alten Scheune, die wir zu diesem Zweck gekauft hatten, deckten wir das Dach. Unser Haus war höchst einfach ausgestattet. Wir hatten zu Beginn weder Wasser noch Strom. Mit einem Handwagen schafften wir das Wasser von einer etwa 1 km entfernten Quelle heran. Zum Kochen und Heizen holten wir Holz aus dem nahegelegenen Wald. Als das Haus fertig war, bewohnten wir zunächst nur ein Zimmer. 1966 kam unser zweiter Sohn zur Welt. Als das zweite Zimmer fertig war, nahmen wir meinen Bruder mit seiner Familie auf, die vier Jahre bei uns wohnte. Wir gaben ihnen dann einen Gartenanteil ab, damit auch sie bauen konnten. Dann zogen meine Eltern bei uns ein. Mit der Zeit bekamen wir auch Strom und Gas. Einen Brunnen im Hof bohrten wir uns selbst.

Inzwischen hatten auch unsere Söhne geheiratet, die mit ihren Familien bei uns wohnten.

Dieses Haus verkauften wir vor der Ausreise nach Deutschland. In derselben Nacht kam die Inflation und so bekamen wir für das Haus, das wir unter sehr harten Bedingungen gebaut hatten, den Gegenwert eines Monatslohns. 

Dies bringt mich zurück zu der Zeit unserer Einreise nach Deutschland:

Übergangswohnheim

Mit der Ankunft im Übergangswohnheim in Nürnberg waren wir alle sehr erleichtert, „angekommen“ zu sein. Dies war aber nicht unbedingt der Fall, denn erst jetzt ging die richtige Reise erst los. Wir wurden von einem Übergangswohnheim zum nächsten Übergangswohnheim mit Bussen transportiert. Wir wussten nicht genau, wie  lange wir an einem Ort verweilen konnten und wie schnell die Behörden ein anderes Wohnheim für uns und viele andere Aussiedler finden würden. Zu Beginn war es sehr spannend, aber mit der Zeit wurden wir immer müder, so dass wir uns sehr sehnten, endlich nach Heilbronn gebracht zu werden, wo meine Schwester ein Haus für uns angemietet hatte.

Ich wurde überall gesondert von meiner restlichen Familie untergebracht, da ich mich zusätzlich um meine 81-jährige Mutter kümmern musste. Es war sehr beeindruckend, mit welcher Selbstverständlichkeit, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft wir in Empfang genommen wurden.

Wie schon erwähnt, war unser erster Halt Nürnberg. Von hier aus kamen wir nach Bad Neuenahr-Ahrweiler, das im Bundesland Rheinland-Pfalz liegt. Hier verbrachten wir zwei Tage. Da dieses Übergangswohnheim sehr überfüllt war, wurden wir bei der ersten Gelegenheit in ein Wohnheim nach Hamm in Nordrhein-Westfalen transportiert. Hier verbrachten wir die längste Zeit.

Zwei Monate dauerte es, bis unsere Einreisegenehmigungen überprüft und unsere Akten angelegt worden waren. In dieser Zeit wurde geprüft, ob wir der deutschen Sprache in Wort und Schrift mächtig waren.

Als der gesamte Papierkram erledigt war, durften wir unsere Reise fortsetzen und die Stadt Tübingen in Baden-Württemberg kennen lernen, wo wir, zusammen mit dreißig weiteren Aussiedlern, in einer Schule in einem provisorisch umgestalteten Klassenzimmer untergebracht wurden. Die Freude war bei allen sehr groß, als nach zwei Tagen wieder ein Reisebus bereitstand und wir weiterreisen durften, dieses Mal nach Heilbronn in unser zukünftiges Haus.

In Heilbronn erwartete uns meine Schwester mit den Schlüsseln einer Drei-ZimmerWohnung. Die Wohnung war voll eingerichtet, sogar Bettwäsche und Handtücher befanden  sich in den Schränken. Auch die Küche war voll ausgestattet. Es machte den Anschein, als ob wir von einer weiten Reise wieder zu Hause angekommen wären.

Die Zimmer müssten nur gelüftet werden, um diese mit unseren vertrauten Gerüchen zu erfüllen. Nun, 26 Jahre später, leben wir zwar nicht mehr in dieser Wohnung,  wir haben uns ein Eigenheim gekauft und Heilbronn ist nun mein Zuhause.

Leben in Deutschland

Mein Mann, der in Rumänien als Flaschner und später als Mechaniker gearbeitet hatte, fand in Heilbronn schnell eine Anstellung. 15 Jahre arbeitete er in derselben Firma. Auch unsere Söhne fanden in kurzer Zeit eine gute Arbeit und besitzen nun jeweils ein Haus.

2007 verstarb mein Mann bei einem Herzinfarkt. Ein Jahr davor war meine Tochter mit ihrem Sohn aus Berlin zurückgekehrt. Somit konnte ich den Verlust meines Mannes besser verkraften, da ich von meiner Tochter und deren Sohn gebraucht wurde. Ich habe einen fest strukturierten Tagesplan, bringe meinen Enkel zum Sport, begleite ihn auf Turnieren und fühle mich jünger als ich bin.

Auch Heimweh habe ich keins. Ich habe inzwischen bei einer Rundreise in Rumänien unser altes Haus von außen gesehen, wollte aber mit den neuen Besitzern nicht in Kontakt treten.

Ich bin zufrieden. Mir geht es gut. Dass aber im letzten Jahr mein Bruder und meine Schwester gestorben sind, macht mich sehr traurig.

Weitererzählt von Rudolf Holzwarth und Grete Orben







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