Maria Schuster, geb. Lienerth, geboren 1939 in Siebenbürgen, Rumänien

Eltern von Maria Schutser

Eltern von Frau Schuster als Brautpaar (1938)

Maria Schuster

Maria Lienerth mit ihrer Mutter (1941)

Maria Lienerth mit Bruder (1943)

Maria Lienerth mit ihren Eitern und ihrem Bruder (1943)

 

 

Übersicht Erzählwerkstatt

Heimat ist auch dort, wo die Gräber der Ahnen sind


Werden wir diese schönen Tage nicht irgendwann einmal bezahlen?“, soll meine Tante Sofia gefragt haben, als deutsche Soldaten 1941 in Rumänien eingerückt sind und von den Siebenbürger Sachsen mit großem Jubel und Blumen empfangen wurden. Unter dem Ministerpräsidenten Antonescu war Rumänien einer der wichtigsten Kriegsverbündeten Hitlers gegen den „Bolschewismus“. Antonescu erklärte den Feldzug gegen Stalin zum „heiligen Krieg“. Als jedoch die Russen 1944 als Sieger in Rumänien einrückten, wurde Antonescu von der Opposition gestürzt, die sich nach der Niederlage der Deutschen bei Stalingrad gebildet hatte. Es kam in Bukarest zu bürgerkriegsähnlichen Gefechten zwischen den deutschen Truppen und den Anhängern der neuen Stalin freundlichen Regierung, bei denen die Deutschen unterlagen. Umgehend wechselten die Rumänen nun die Front und erklärten Hitler und Ungarn den Krieg. Da viele Siebenbürgener Sachsen Hitler bis zum Ende des Krieges treu geblieben sind und die Mehrzahl der deutsch-rumänischen Männer im waffenfähigen Alter in der Wehrmacht oder der Waffen-SS kämpften, wurde wahr, was meine Tante Sofia prophezeit haben soll: Die Sachsen musste für ihre Schuld „ bezahlen“. Die Auswirkungen dieser Koalition mit Hitlerdeutschland hat mein ganzes Leben dramatisch verändert, obwohl ich bei Kriegsende erst sechs Jahre alt war.

 

Der allzu frühe Tod der Eltern


Mutter wurde 1945 als Zwangsarbeiterin in die UdSSR deportiert

Meine Mutter wurde im Rahmen der Reparationsforderungen von Stalin zusammen mit über 30 000 Sachsen , das waren ungefähr 15% der deutschen Einwohner Siebenbürgens, in die Sowjetunion verschleppt und musste dort unter äußerst harten Bedingungen in einem Kohlebergwerk arbeiten, wo sie sich bei einem Grubenunglück so schwere Verletzungen an der Wirbelsäule und anderen Knochen zuzog, dass sie 1946 entlassen wurde und nach Siebenbürgen zurückkehren durfte. Ich stand als sechsjähriges Kind am Bahnhof und wartete auf sie. Eine mir fremde, stark traumatisierte und verkrüppelte Frau wurde aus dem Zug getragen und anschließend mit dem Ochsenkarren nach Hause gefahren. Bis zu ihrem Tod bekam ich keinen Bezug mehr zu ihr. Todkrank war Mutter natürlich nicht in der Lage, ihre beiden Kinder zu betreuen. So wurde mein Bruder in die Familie des ältesten Bruders meines Vaters integriert und ich von der Tante väterlicherseits an Kindesstatt angenommen.

 

An den Folgen der Verschleppung starb Mutter (1947)

Immer wenn ich meine Mutter besuchte, weinte sie bitterlich und bettelte: „Maria, warum kommst du nicht zu mir?“, weil sie ihre beiden Kinder schmerzlich vermisste. Unter großen Qualen ist meine Mutter dann nach einem langen Todeskampf mit 27 Jahren gestorben. Über ihre schrecklichen Erlebnisse als Zwangsarbeiterin hat sie mir nie etwas erzählt. Ich erinnere mich noch, dass ich die Beerdigung der Mutter an der Hand der Tante erlebt habe. Leider habe ich viele Ereignisse der Kriegs- und Nachkriegszeit vergessen oder verdrängt, da sie vermutlich so schrecklich waren, dass sie meine Kinderseele überfordert hätten.

 

Vater überlebte seine Inhaftierung in dem ehemaligen KZ- Majdanek nicht

Meinen Vater kenne ich nur von Fotos. Er hat sich nach dem sog. “Waffen-SS-Abkommen“, das 1943 zwischen dem rumänischen Staat und Hitlerdeutschland abgeschlossen wurde, zu dieser Einheit gemeldet. Ganz legal konnten die „rumänischen Staatsbürger volksdeutscher Zugehörigkeit“ sich unter Beibehaltung ihrer rumänischen Staatsangehörigkeit freiwillig in die Waffen-SS einreihen. Nach Kriegsende wurde er wegen seiner Mitgliedschaft in dieser Heeresabteilung in einem Arbeitslager, das die Russen in dem ehemaligen KZ – Majdanek in Lublin (Polen) eingerichtet hatten, inhaftiert. Die letzte Nachricht erhielten wir von ihm kurz nach dem Tod der Mutter. Er schrieb, dass er zu uns kommen würde, sobald er seine Strafe verbüßt hätte. Dieser Wunsch ging aber nicht in Erfüllung. Er starb wenige Monate nach dem Tod der Mutter. Mein ganzes Leben lang verspürte ich in meinem Herzen große Sehnsucht nach meinen Eltern. Immer wieder habe ich ihr Hochzeitsbild angeschaut und davon geträumt, wie schön ein Leben doch mit diesen beiden gewesen wäre.

 

Die Erwachsenen schwiegen

Über das Kriegsgeschehen, und wie sich die Deutschen in Rumänien während der Hitlerzeit verhalten haben, wollten die Erwachsenen nicht mit mir sprechen. Wenn ich Fragen stellte, bekam ich meist ausweichende Antworten. Als ich selbst erwachsen war, erkannte ich aber, dass man traumatische Erlebnisse nicht verdrängen darf, sondern darüber sprechen muss, weil man sonst an ihnen erstickt.

 

Burgberg, meine transsilvanische Heimat

Aufgewachsen bin ich in Burgberg, einem Dorf ca. 30 km von Herrmannstadt entfernt. Es war bäuerlich geprägt , so wie es unsere Ahnen errichtet hatten. Eine zentrale Rolle spielte bei uns die evangelische Glaubensgemeinschaft, die uns in schweren Zeiten Halt gegeben hat. Den Krieg und die dramatische Nachkriegszeit konnten wir nur überleben, weil die Dorfgemeinschaft in Freund und Leid zusammengehalten hat

 

Enteignung des deutschen Grundbesitzes und der Häuser

Die Siebenbürgener Sachsen wurden von den alliierten Gremien und der neuen rumänischen Regierung pauschal als Kriegsverbrecher eingestuft, und deshalb wurden 1946 als Strafe ihr Grundbesitz, 1947 ihre Häuser enteignet. Die meisten Sachsen mussten ihr Haus aufgeben, einige durften ihr Leben in einem minderwertigen Zimmer oder auf dem Dachboden ihres Hauses fristen, ohne eigene Rechte. Die neuen Eigentümer waren in unserem Dorf meist Roma, die zuvor am Ausgang von Burgberg in heruntergekommenen Häusern wohnten

 

Leben mit einer Roma-Familie (1947-1953)

Meine Tante hatte mit unserer Familie Glück im Unglück. Da mein Onkel schon jahrelang bettlägerig war und sich weigerte, das Haus zu verlassen, erlaubten uns die Behörden, dass wir weiterhin in unserem Haus wohnen durften, allerdings alle zusammen in zwei Zimmern. In die schönen und geräumigen Räume zog eine Roma-Familie mit einem Baby ein. Ein weiteres Kind wurde in unserem Haus geboren. Die Küche war zum gemeinsamen Gebrauch vorgesehen. Wir litten Hunger, da wir nicht auf unsere Vorräte zurückgreifen konnten und die Roma-Frau es meiner Tante verboten hat, unseren Garten zu betreten und etwas von dem Gemüse zu ernten, das die Tante selbst angebaut hatte. „ Geht zum Hitler“, war die stereotype Antwort, wenn wir etwas aus unserm eigenen Haus wollten. Über die Religion bekamen Tante Sophia Kontakt zur Roma-Frau. „Der liebe Gott lässt nicht zu, dass ihr uns verhungern lasst“, sagte sie bei jeder Gelegenheit zu der Frau und appellierte an die gemeinsamen christlichen Werte. Das Verhältnis zwischen den beiden Familien wurde dadurch besser. Noch heute haben wir Kontakt zu dem Roma- Mann, der in unserem Haus geboren wurde.

 

Überleben in dieser schweren Zeit

Hunger und Angst waren unsere ständigen Begleiter in dieser schweren Zeit. Wir wussten nicht, ob wir auch verschleppt oder vertrieben werden würden, wie viele Sachsen. Rechte hatten wir jedenfalls keine, wir waren „vogelfrei“. Erst 1949 wurden uns von der kommunistischen Partei die Staatsbürgerrechte wieder gewährt. Wie wir es geschafft haben zu überleben, erscheint mir heute rätselhaft. Mit Ährenlesen, Tagelöhnerarbeit bei den Rumänen und Roma, die acht Hektar Land und einen Ochsen und Pflug zugesprochen bekommen haben, haben es die Erwachsenen versucht. Auch wurde von dem enteigneten Land Staatsfarmen und LPG’s gegründet, in denen wir später mit sehr geringem Lohn arbeiten durften. 1953 bekamen wir von der Regierung unsere Häuser zurück, allerdings meist in völlig zerstörtem Zustand. Wir hatten Glück, da unsere Roma-Familie keinen Hass auf uns hatte und deshalb unser Eigentum verschonte.

 

Tante Sofia

Tante Sofia rettete ein bessarabisches Kind vor dem Hungertod

Meine Tante war eine liebevolle, intelligente und umsichtige Frau, ohne eigene Kinder. Vor dem zweiten Weltkrieg und vor der Enteignung waren sie und ihr Mann wohlhabende Bauern, die immer einen Knecht und eine Magd beschäftigten. Schon vor meiner Geburt hat meine Tante einem Kind das Leben gerettet: In Bessarabien, das damals zu Rumänien gehörte, herrschte 1933 bis 1937 eine so große Dürre, dass viele Menschen verhungerten. Um das Leben von Kindern zu retten, haben Familien in Siebenbürgen bessarabische, deutschstämmige Kinder aufgenommen. Auch Tante Sofia und ihr Mann Peter erklärten sich bereit, ein Mädchen, Alma, in ihre Familie zu holen. Tante Sofia erzählte oft mit Tränen in den Augen, wie sie Alma vom Bahnhof abgeholt habe. Dieses arme, dürre, verlauste Geschöpf habe nur eine Wasserflasche und ein leeres Glas mit Marmelade bei sich gehabt. Fürchterliches Heimweh hätte abends das vierjährige Kind überfallen, das nicht zu trösten war. Erst als Tante Sofia die Kleine in den Stall geführt und ihr das Fohlen gezeigt habe, hätte sich das Kind beruhigt. Bald liebten Tante Sofia und Onkel Peter Alma wie ihr eigenes Kind. Es brach ihnen fast das Herz, als sie Alma nach vier Jahren (1937) wieder in den Zug Richtung Heimat setzen mussten.

 

Tante Sofia, meine geliebte Ersatzmutter

Neun Jahre später(1946), mitten in einer Zeit, in der wir die schlimmsten Entbehrungen und Verfolgungen auf uns nehmen mussten, gab meine Tante meiner sterbenden Mutter das Versprechen, dass sie mich großziehen und zu einem anständigen Menschen erziehen würde. Dieses Versprechen hat Tante Sofia mehr als erfüllt. Sie hat mich wie ihr eigenes Kind geliebt und behandelt. Die Tante war der Mittelpunkt unserer Familie. Sie hatte klare Erziehungsziele und Wertvorstellungen. So sollte ich immer die Wahrheit sagen, freundlich sein, alle älteren Menschen grüßen, mich ordentlich anziehen und in der Schule lernen. Da sie eine außerordentlich gute Köchin und Wirtschafterin war, konnte ich von ihr viel lernen. Singen und Musik war das Lebenselixier unserer Tante und unserer ganzen Familie. Wir kannten unzählige Volkslieder und Melodien, die wir bei Freud und Leid, bei Wind und Wetter gesungen haben.

 

Die „russische Krätze“

Wenn ich an die Nachkriegsjahre denke, fällt mir immer ein, wie sehr ich unter der Krätze gelitten habe, die die Russlandheimkehrer in unser Dorf mitgebracht hatten. Wir nannten sie deshalb die „russische Krätze“. Es war eine hochinfektiöse Hautkrankheit, die durch Milben hervorgerufen wurde. Vor allem an den Händen bildeten sich nässende Ekzeme, die fürchterlich juckten und ein schmerzhaft, brennendes Gefühl hervorriefen. Mit Kleiebad und Schwefelsalbe erlöste Tante mich von meinen Schmerzen.

 

Schule

Ich bin gerne zur Schule gegangen und war auch eine gute Schülerin. Da die meisten meiner 16 Mitschüler und Mitschülerinnen durch die Kriegsereignisse zu Waisen oder Halbwaisen wurden und jeder von uns menschliche Tragödien erlebt hatte, mobbten wir uns nicht gegenseitig, sondern behüteten und bewachten einander. Niemandem von uns sollte ein Leid geschehen, darüber waren wir uns alle einig.

Marx, Engels, Lenin, Stalin, die kommunistische Widerstandskämpferin Ana Pauker und das Staatsoberhaupt Petru Groza blickten auf uns Schüler herab und sollten uns Vorbild sein. Die Fotografien ihrer Köpfe waren in den Amtszimmern omnipräsent. In der Schule wurden wir zweisprachig unterrichtet: in Deutsch und Rumänisch. Rumänisch, die Amtssprache, lernten wir nur eine Stunde pro Tag, fast wie eine Fremdsprache. Deutsch war unsere Muttersprache, Sächsisch unser Dialekt, den wir in der Schule aber nicht sprechen durften. Hier war hochdeutsch angesagt. Die Schulpflicht betrug sieben Jahre, dann konnte man eine Aufnahmeprüfung für das Gymnasium in Herrmannstadt ablegen. Leider haben alle meine Klassenkameraden, die sich zu dieser Prüfung angemeldet haben, diese Prüfung nicht bestanden, weil wir in unserer Dorfschule nicht genügend vorbereitet worden waren. Mein Wunsch war es, Pädagogik zu studieren, um Erzieherin oder Grundschullehrerin zu werden. Das Schicksal wollte es aber anders.

 

Arbeit in der Staatsfarm

Als ich die Schule mit 14 Jahren beendet hatte, gab es für mich nur die Option, als Arbeiterin in der Staatsfarm zu arbeiten. In Burgberg war es nicht möglich, eine Ausbildung zu absolvieren, da keine Industrieansiedlung vorhanden war. Das Gelände der Staatsfarm gehörte vor Kriegsende einer rumänischen Großgrundbesitzerfamilie, die wie fast alle Großgrundbesitzer im Ostblock enteignet wurde. Im Sommer wurde Getreide, Kartoffeln und Gemüse angebaut. Mit dem Gemüse belieferten wir die Schulen in Herrmannstadt. Dienstantritt acht Uhr, um 12 Uhr bekamen wir ein warmes Mittagessen, um 16 Uhr ein Vesper und um 18 Uhr war unser Job beendet. Meist wurden die Jüngsten von unserem Brigadeführer bei der Arbeitszuteilung bevorzugt, da wir ja fast noch Kinder waren. Gemütlicher war es im Winter. In dieser Jahreszeit sangen wir viele Lieder für einige ältere Herren, die uns besuchten, weil es für sie zuhause zu langweilig war.

 

Nach Dienstende lockte bei warmer Witterung die Straße

Bis 22 Uhr durften wir uns im Sommer auf der Straße aufhalten. Oft saßen wir auf den Bänken, die vor jedem Haus standen. Hier wurden Lieder gesungen, Spiele gespielt, Neuigkeiten erzählt und nach den Jungs geschaut. Wenn wir etwas geschenkt bekamen, waren wir dankbar. Nicht wie die heutige Welt, die oft für nichts mehr dankbar ist. Obwohl ich viele Entbehrungen auf mich nehmen musste, war ich damals nicht traurig, sondern sah hoffnungsvoll in die Zukunft. Traurig bin ich oft heute, weil die alten Narben wieder aufbrechen.

 

Spinnstube- Treffpunkt der Jugend im Winter

Im Schein von Gas- und Petroleumlampen haben wir uns abends in der kalten Jahreszeit in der sog. „Spinnstube“ getroffen. Eine „Spinnstube“ war ein geräumiges beheizbares Zimmer in einem Bauernhaus, in dem sich eine Gruppe von ca. acht bis zehn unverheiratete Mädchen mit meist der gleichen Anzahl junger Männer versammeln konnte. Die Mädchen fertigten Handarbeiten an und die jungen Männer trieben ihre Scherze mit den Mädchen. Mit einem Kuss konnte z.B. eine heruntergefallene Nadel, die ein junger Mann flink aufhob, wieder ausgelöst werden. Auch gehörten Stuhl-Spiele zum Repertoire, bei denen viel getobt und gelacht wurden. Die Spinnstube war für die ältere Generation tabu, da sich hier die jungen Leute ungestört kennen lernen sollten.

 

Heirat

Mit 17 Jahren habe ich meinen Mann, Johann Schuster , der gerade seine Militärzeit abgeleistet hatte, geheiratet. Alle Brautpaare trugen stolz unsere Tracht, die von Generation zu Generation weitervererbt wurde. Der Chor sang uns ein Ständchen und Tante Sofie hat Hühner und ein Schwein geschlachtet, um allen Gästen ein reichliches Hochzeitsessen servieren zu können. Ich weinte, weil ich meine geliebte Familie verlassen musste, und lachte, weil ich endlich mit meinem Johann zusammen sein konnte, den ich von Herzen liebte.

 

Familiengründung

Das Elternhaus meines Mannes war ziemlich heruntergekommen und musste abgerissen werden. Bald nach unserer Hochzeit haben wir zusammen mit unseren Familien und Nachbarn ein neues Haus gebaut. „Johann, pflanz dir einen Baum oder mach dir ein Kind“, sagte ein Nachbar zu meinem Mann, nachdem das Haus fertiggestellt war. Johann hat diese Aufforderung ernstgenommen und so kam 1959 unser erster Sohn auf die Welt, drei weitere Kinder sollten folgen. 

 

Unsere Haustiere waren unsere Existenzgrundlage

Ziegen, Schafe, Kühe, Schweine, Hühner, sogar ein Büffelkalb hielten wir im Laufe der Jahre in unserem Stall, der von einem sehr großen Garten umgeben war. Die Hühner durften frei im Hof herumlaufen. Am Ende des Winters , wenn die Glucken sich Federn herausrissen und aufgeregt ein Nest bauen wollten, tauschte ich befruchtete Eier mit meinen Nachbarn, um Inzucht zu vermeiden, und legte sie in das Nest der Glucken. So gegen Ostern spazierten die ersten Küken unter strenger Bewachung ihrer Mütter im Hof herum. Unsere Ziegen wurden von den Rumänen spöttisch „Hitlerkühe“ genannt, weil wir 1946 nach der Enteignung unseres Hab und Gutes jahrelang keine Kühe, sondern lediglich bedürfnislose Ziegen halten konnten, die in den schlimmen Hungerjahren für unser Überleben wichtig waren

 

Hirten bewachten tagsüber unsere Tiere.

Am frühen Morgen holten die Hirten die Schweine, Schafe, Ziegen, Kühe, Büffel ab und trieben sie auf die Allmende. Jede Tierart wurde von ihren Hirten durch einen anderen Ortsausgang zu ihrer speziellen artgerechten Weide geführt. Die Tiere ließen sich nicht lange bitten. Sobald das Pfeifen ihrer Hüter ertönte, waren sie verschwunden. Mit derselben Energie lösten sie sich am Abend wieder von der Herde. Jedes Tier eilte zu seinem Stall, da es wusste, dass dort das Futter wartete. Lediglich die Schafe blieben bis zum Einbruch der kalten Jahreszeit auf der Weide. Die Hirten haben die Schafe versorgt, gemolken und den leckeren Ricotta Käse hergestellt, den jeder Schafsbesitzer gerecht zugeteilt bekam. In unserer Dorfgemeinschaft war genau festgelegt, welche Familie zu welchem Zeitpunkt den Hirten ein warmes Essen zu ihrer kleinen Molkerei bringen musste. Auch die Hütehunde durften nicht vergessen werden. Sie bekamen täglich eine große Schüssel mit Maisbrei, was ihnen sehr mundete.

 

Die Büffel , eigensinnige und schwierige Gesellen

Die Büffel liebten es, in einem Quellabfluss zu baden, in den auch das Abwasser floss. Wenn sie in das schlammige Wasser eintauchten, sah man oft nur noch ihre Nasenlöcher und ihre Hörnerspitzen aus dem Wasser herausragen. Im Gegensatz zu den Kühen, die sehr gutmütig sind, waren die Büffel äußerst eigenwillig und hatten nicht immer Lust, auf die Kommandos ihrer Besitzer zu hören. Ich erinnere mich daran, dass ein Büffel Wagen und Bauer in ein kühles Nass gezogen hat, da er es satt hatte, schwere Arbeit zu verrichten, während die anderen Artgenossen faul im Wasser suhlten. Auch das Melken war nicht einfach, jeder Büffel hatte so seine Marotten. Eines dieser Tiere gab nur Mich, wenn der Bauer beim Melken seine Schildmütze verkehrt herum aufsetzte, eine andere Büffelfrau wollte ihre köstliche Milch nur dann spenden, wenn ihr jemand zärtlich den Rücken kraulte. Ich hatte so großen Respekt vor diesen Tieren, dass ich keine in unserem Stall haben wollte.

 

Umzug nach Herrmannstadt (1977)

Mein Mann arbeitete als Kapo in der Maschinenbaufirma Independenta, die vor der Enteignung der deutschen Familie Rieger gehörte, deren Namen sie bis dahin auch trug. Als Vorarbeiter in einer Elektroabteilung dieser renommierten Firma war er so gefordert, dass ihm das tägliche stundenlange Pendeln von Burgberg nach Herrmannstadt und zurück einfach zu viel wurde. Da sich auch die Ausbildungsplätze unserer Kinder in Herrmannstadt befanden, stellte mein Mann bei seiner Firma einen Antrag auf eine Wohnung für unsere Familie. Bald wurde uns eine Wohnung in einem Mehrfamilienhaus in Herrmannstadt zugeteilt, wohin wir zusammen mit Tante Sofia alsbald zogen. Ich selbst fand Arbeit als Haushaltsgehilfin und zeitweise in einem Kindergarten.

 

Nur raus aus diesem Land

Ceausescu (1967-1989) hatte Rumänen tief verschuldet, um es zu modernisieren. Ab Beginn der 80er Jahre wollte er durch drakonische Sparmaßnahmen diese Schuldenlast zurückzahlen, was eine enorme Verknappung aller Güter hervorrief, die die Menschen zum Leben brauchten. Die Folge war, dass die Läden wie leergefegt waren und die Menschen manchmal fast die ganze Nacht über Schlange stehen mussten, um z. B. ein Stück Fleisch zu bekommen. Das Elend verschlimmerte sich von Jahr zu Jahr, die Korruption wuchs. Es war einfach zu entbehrungsreich, in Rumänien zu leben. Vor allem für unsere Kinder sahen wir in dieser Situation keine Zukunft mehr, obwohl die Siebenbürgener Sachsen in Rumänien ein hohes Sozialprestige hatten, da die meisten von ihnen gut ausgebildete Fachkräfte waren. Unser fester Wille war es, nach Deutschland, in das das Land unserer Ahnen, auszuwandern. Wir stellten deshalb einen Ausreiseantrag, der von den rumänischen Behörden aber erst 1988 bewilligt wurde. Zwei unserer Kinder konnten Rumänien bereits verlassen und hatten sich in Heilbronn niedergelassen.

 

Maria, du ziehst nicht nach Deutschland, bis ich beerdigt bin.“

Diese dringliche Bitte, die Tante Sofia oft wiederholte, sollte sich erfüllen. Kurz nach der Bewilligung unseres Ausreiseantrages bekam Tante Sofia, die bei uns wohnte, einen Schlaganfall und verstarb im gesegneten Alter von 90 Jahren innerhalb von drei Wochen. Ich dankte Gott, dass ich nicht wortbrüchig gegenüber Tante Sofia werden musste und sie in der Heimaterde beerdigen konnte.

 

Die Ausreise

Im April 1989 war es soweit. Von unserem Hab und Gut durften wir pro Person 100 kg mitnehmen, jeweils eine große Kiste verpackt. Im Zollamt von Bukarest wurde der Inhalt der Kisten überprüft und zur Ausfuhr freigegeben. Ein frisch geschlachtetes Zicklein in zwei Hälften geteilt, eine für den Chef der Abteilung, die andere für den kontrollierenden Beamten, Zigaretten, Schnaps und Bakschisch für die übrigen Beamten sorgten dafür, dass die Kisten die Kontrollen passieren konnten, ohne durchwühlt zu werden. Bald darauf saßen wir im Zug nach Deutschland, einem Land, von dem wir keine konkreten Vorstellungen hatten, aber von dem wir dachten, dass Milch und Honig in ihm fließe. Allerdings glaubten wir nicht, dass gebratene Tauben uns in den Mund fliegen würden.

 

In der neuen Heimat

Dank unserer Kinder konnten wir uns schnell in unserer neuen Heimat eingewöhnen. Nach 18 Tagen Übergangswohnheim in Nürnberg und drei Tagen in Raststatt, wo wir viele Formulare ausfüllen mussten und auf den Arbeitsmarkt vorbereitet wurden, durften wir sieben Monate lang bei unserer Tochter wohnen, sieben Personen in drei Zimmern. Es dauerte nicht lange, bis wir alle eine Arbeitsstelle gefunden hatten. Mein Mann arbeitete wieder als Elektriker, ich als Haushaltsgehilfin.

 

Sehnsucht nach den Gräbern der Ahnen

Obwohl ich in meiner neuen Heimat gute Freunde gefunden habe und meine ganze Familie hier wohnt, überfällt mich zuweilen die Sehnsucht nach Siebenbürgen, und vor allem die Sehnsucht nach den Gräbern die Ahnen. Wir fahren deshalb alle zwei Jahre zurück in unsere alte Heimat und besuchen vertraute Menschen und Orte, die mit vielen Erinnerungen verbunden sind. Es beruhigt mich, dass ich in Heilbronn nun auch die Gräber von drei alten Damen besuchen kann, mit denen ich sehr verbunden war, denn Heimat ist auch dort, wo die Gräber vertrauter Menschen sind.

 

Die Geschichte wurde von Christel Banghard-Jöst weitererzählt.







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