Ioan Lungu (* 1949) in Rumänien

Ioan Lungu
1976 in Bukarest

Übersicht Erzählwerkstatt

Kulturpolitik à la Ceausescu


Ein Himmel voller Geigen
Ich war 5 Jahre alt, als ich über dem Bett meiner Großeltern die Geige entdeckte. Mit den Schuhen an den Füßen stieg ich unter dem Protest meiner Großmutter auf das Bett und nahm die Geige von der Wand. Keine 10 Minuten später konnte ich eine kleine Melodie auf der Geige spielen, und man beschloss, mir Unterricht geben zu lassen. Im Siebenbürger Land der Nachkriegszeit, wo ich am 9. Juli 1949 in Gilgau, einem kleinen Städtchen in Rumänien, geboren wurde, gab es keine Musiklehrer. Mein Großvater, der Klarinette und Geige spielen konnte und Dirigent eines  Blasorchesters in Bistrita war, hatte eine Idee. Die 10 oder 12 ortsansässigen Romafamilien spielten in einer eigenen hervorragenden Kapelle bei Festen und Hochzeiten auf. Der erste Geiger dieser Kapelle nun wurde engagiert, mich zu unterrichten. Das tat er 4 Jahre lang. Ich bekam Unterricht, aber nicht etwa nach Noten, sondern allein nach dem Gehör. Als ich in die dritte Klasse kam, beschlossen mein Vater, damals Polizist, und meine Mutter, eine ausgezeichnete Schneiderin, mich nach Klausenberg in ein Musikschulinternat zu geben. Ich war nicht immer unbedingt ein Musterknabe: kletterte heimlich über den Internatszaun, klaute dem Pförtner Zigaretten und wurde vom Lehrer beim Rauchen erwischt. Zur Strafe schor man mir dann jedes Mal eine Glatze. Ich habe in 10 Jahren Internatszeit nicht weniger als 33 mal die Haare geschoren bekommen. Für mich stand eines fest: hier bleibst du nicht, du gehst nach Bukarest! Ich begann wie besessen zu üben und nach dem Abitur habe ich die Aufnahmeprüfungen für das Musikstudium an der Universität für Musik „Ciprian Porumbescu“ in Bukarest bestanden und studierte dort ab 1969. Schnell bekam ich die Gelegenheit, mir in einem populären Gesangssextett mit zahlreichen Fernsehauftritten ein kleines Zubrot zu verdienen. Das verschaffte mir die Möglichkeit, neben den Fächern Pädagogik und Gesang auch noch die Fächer Komposition und Viola zu belegen, die ich privat finanzieren musste. 1975 trat ich dann meinen Militärdienst an und hatte dort ein paar Monate Wehrdienst zu leisten. Ein Jahr später heiratete ich meine Frau Maria Alexandra und blieb mit ihr in ihrem Elternhaus in Bukarest.

Karrierekick
Nach dem Studium war ich verpflichtet, 3 Jahre als Berufsmusiker für den Staat zu arbeiten, und so trat ich meine erste Stelle als Bassist im Chor der Philharmonie George Enescu an, dem ich von 1976 bis 1979 angehörte. In dieser Zeit entwickelte sich auch die Freundschaft zu Ion Voicu, dem Direktor der Philharmonie, der mir half, mich sowohl musikalisch als auch bezüglich meiner Karriere zu entwickeln. Seine Worte waren: “Junge, wenn du woanders mehr verdienen kannst mit deinem Talent, dann nimm die Chancen, die du bekommst, auch wenn diese nicht in der KlassikBranche sind.“ Von 1972 bis 1982 durfte ich mit einer Band durch Länder wie Libyen, Syrien und die ehemalige DDR touren. Rumänische Staatsbürger genossen nämlich keine allgemeine Reisefreiheit, lediglich Russland, Bulgarien und die DDR konnte man, nach Beantragung eines Visums, bereisen. Aber wir waren in dieser Zeit sehr populär, von überall kamen Anfragen, und der rumänische Staat gewährte uns die Auslandstourneen. Die Probleme fingen dann eigentlich erst in Bukarest an, als wir unser internationales Repertoire spielten und die Leute vom rumänischen Geheimdienst, der Securitate, nicht damit einverstanden waren. In ihren Augen brachten wir westlichen Einfluss ins Land. Aber für uns war es Kultur, und wir wollten natürlich auch die Freiheit, als Künstler gute Musik zu interpretieren. Von 1983 bis 1988 hatten wir deshalb viele gefährliche und risikoreiche Erlebnisse zu bestehen, die im Auftrag des rumänischen Staates und seines damaligen Präsidenten Ceausescu als Repräsentanten des Landes ausgeführt wurden.

Schlechte Gesellschaft
Im März 1983 bekam die Band eine Anfrage, für ein paar Monaten auf der Insel Henya in Griechenland zu spielen. Der rumänische Staat hatte uns aber diesmal die Reise nicht genehmigen wollen und uns das Visum verweigert. Wir waren sehr enttäuscht und furchtbar verärgert darüber. Glücklicherweise kam im Juni 1983 eine andere positive Nachricht, dass nämlich der Inhaber eines Restaurants uns nach Damaskus einlud und uns von dort aus ein Visum für die Insel Henya ermöglichte. Für diesen Auftrag wünschte sich der Inhaber eine in Rumänien bekannte Sängerin, die zufälligerweise auch die Freundin von Nicu, dem Sohn Ceausescus, war. Diese Zusammenarbeit hat mir ganz besonders viele Probleme eingebracht, da es immer Eifersuchtsgeschichten zwischen ihr und Nicu gab und sie auch von Elena, der Präsidentengattin und Mutter von Nicu, aufgrund ihres Künstlerlebens, nicht akzeptiert wurde. Im Endergebnis hatte man uns im Juni die Pässe entzogen, um eine Reise mit der Freundin von Nicu Ceausescu zu verhindern. Wir wussten nicht weiter und waren noch mehr verärgert, es mit solchen Idioten zu tun haben zu müssen. Wir wollten nur Musik machen, und nicht mal das konnte man, ohne Probleme mit den Politikern zu bekommen. Meine Schwiegermutter hatte mich damals so enttäuscht gesehen und meinte, nachdem sie mir im Kaffeesatz gelesen hatte: „Kopf hoch, du musst dich auf eine weite Reise vorbereiten.“ Ich glaubte ihr nicht, da so viel Negatives passiert war, um uns von dieser Reise abzuhalten. Nach unserem Vertrag hätten wir eigentlich schon am 1. Juli dort spielen müssen, statt dessen saßen wir im Land fest und warteten.

Machtworte
Am 13. Juli um 11:30 Uhr kam ein Anruf, der alles veränderte. Ich hatte am nächsten Morgen um 7:30 Uhr im Bildungsministerium zu erscheinen. Ich wusste nicht, was mich dort erwarten würde. Im Ministerium wurde ich von einem Zimmer zum anderen gebracht, immer in Begleitung von Männern der Securitate, bis ich endlich zu einer Dame mittleren Alters kam, die mir sagte: „Herr Lungu, packen Sie ihre Koffer und fahren Sie nach Damaskus.“ Für diese Reise hatte man uns einen Minibus zur Verfügung gestellt, der erst einmal repariert werden musste. Wir waren 7 Bandmitglieder, dann noch ein Mann der Securitate und ein Fahrer. Unsere Instrumente wurden auf den Bus gepackt, und los ging es. Wir nahmen die Route über Bulgarien, die Türkei und Syrien, die 6 Tage dauerte. Der Auftraggeber, ein sehr reicher Juwelier, hatte uns in einem 5SterneHotel mit „all inclusive“ untergebracht und uns am zweiten Tag erzählt, wieso wir am Ende doch noch unsere Papiere bekommen hatten, um in Damaskus aufzutreten zu können. Er war ein sehr guter Freund des syrischen Präsidenten Assad und hatte ihn gebeten, einen parlamentarischen Vertrag für meine Band Accord zu erstellen. Assad rief Ceausescu an, machte ihm diesen Vorschlag und der wurde dann umgehend genehmigt. Daran konnte man erkennen, wie viel in dieser Zeit nur über Macht und Stellung ging. Wir blieben dort mit einem ersten Vertrag bis Oktober, und sehr viele neue Folgeaufträge kamen, so dass wir bis Feburar 1984 in Damaskus mit meiner Band Accord zu spielen hatten. In dieser Zeit traten wir nur für die Elite Syriens auf: Abgeordnete, Senatoren und Reiche. Ab Oktober bis Februar hatten wir unsere Unterkunft in einem der schönsten 7SterneHotels, das ich in meinem Leben gesehen hatte. Dort im Show Room „Nadi Schark“ spielten wir jeden Abend. Ende Februar ging unser Vertrag zu Ende, und der Schwiegersohn von Assad kaufte uns Flugtickets, damit wir nach Bukarest zurückfliegen konnten. Mir hatte er aber ein Ticket nach Berlin besorgt. Am Flughafen jedoch traf ich auf Polizisten von der rumänischen Botschaft, die mich aufhielten und mich hindern wollten, meinen Flug anzutreten. Ich wurde drei Stunden in einem Zimmer verhört, um herauszufinden, warum ich ein Ticket nach Deutschland hätte. Ich antwortete ihnen, dass ich mir Instrumente kaufen wollte und dann zurück nach Rumänien fliegen würde, wo meine Familie lebte. Leider brachten sie mich mit Gewalt in das Flugzeug nach Bukarest. Am nächsten Tag in Bukarest musste ich zur Polizei und erfuhr, dass mich ein Bandkollege verraten hatte. Von dem Zeitpunkt an musste ich mich ein Jahr lang jeden Tag um 10 Uhr bei der Polizei sehen lassen und berichten, was ich mache oder plane.


Rationierung und Zensur
Ab Mitte der 80iger Jahre verschärfte sich die politische Lage in Rumänien, da Ceausescus machthungrige Frau Elena und die Partei PCR immer enger zusammenarbeiteten. Die Partei nutzte die Möglichkeit der Securitate, ohne die Zustimmung des Präsidenten Aufträge zu erteilen. Auch die Versorgung mit Lebensmitteln wurde immer schwieriger. Man hatte zwar Geld, aber keine Märkte und keine Lebensmittel. Damals unterlagen die Grundnahrungsmittel einer Rationierung: 2 kg Mehl, 1 kg Zucker und 1 Liter Öl pro Person und Monat. Man musste zu einer bestimmten Zeit in der Schlange stehen, um dann seine Ration zu erhalten. Mein Großvater stellte sich für seine Enkelin nachts um 3 Uhr in die Schlage um Milch zu ergattern. Ab 1984 spielten wir dann viel am Schwarzen Meer, zwischen Bukarest und Constanta, das bedeutete jedesmal 250 km Landstraße. Aber unsere Band war erfolgreich, unsere Familien gut versorgt, wir hatten gelernt, Beziehungen zu nutzen und Geschäfte zu machen, bei denen jeder Beteiligte seinen Vorteil hatte. Am 21. März 1985 kam meine kleine Prinzessin Amy zur Welt, und wir wurden seitdem umso intensiver von der Securitate beschattet und kontrolliert. Es gab eine Situation, in der ich einen Mann der Securitate mit dem Mikrofon geschlagen hatte aus Wut darüber, dass er mitten in unserem Konzert auf die Bühne kam, um anzusagen, dass westliche Songs verboten seien, die das Publikum aber natürlich hören wollte. Ausschließlich rumänische Musik war zugelassen. Dieser Mann der Securitate hatte andere Kollegen draußen, die mich dann mitnahmen und gemeinsam verprügelten. Sechs gegen einen war nicht fair, aber Realität und auch obwohl ich es gelernt hatte, hätte ich mich hier nicht herausboxen können.

Politisches Asyl
Das war die Situation: man konnte sich nicht mehr frei und unabhängig bewegen. 1987 kam dann das Angebot, in Belgien mit einer anderen Band zu proben und aufzutreten. Was ich nicht wusste, war, dass es sich um einen Scheinvertrag handelte, um zwei Mitglieder aus der Band nach Deutschland zu holen. Das Transitvisum hatten wir somit für Deutschland bekommen, um nach Belgien zu gelangen. Auf diese Weise geriet ich in die Pläne dieser Band hinein, ohne etwas darüber zu wissen, und nützte so auch meine Chance, in Deutschland zu bleiben. Erst zwei Jahre später hat mir ein Mitglied der Band erzählt, sie dachten, ich wäre einer von der Securitate, und dass sie mir deshalb nicht getraut hätten. Solche Reisemöglichkeiten waren in jener Zeit noch schwieriger zu bekommen als 1983. Innerhalb des Landes wurden wir zunehmend schlimmer beschattet. Ich musste viele wichtige Angestellte aus dem Ministerium mit Geschenken bestechen, um mir Freiheit und Unabhängigkeit zu erkaufen. Die Partei hatte die Oberhand über alles, was im Land passierte, und die Menschen wurden immer unzufriedener mit der Staatsführung. Leider war vielen nicht klar, dass Ceausescu selbst nur die Rolle eines Repräsentanten des Landes einnahm. Für mich wurde es mit dieser ständigen Beschattung unmöglich, meinem Beruf nachzugehen und zu leben. In dieser Situation bekam ich am 9. April 1987 ein Visum für Belgien. Ich konnte schon vor Vertragsbeginn allein fliegen, da ich noch alles vor Ort mit dem Restaurant Besitzer absprechen musste.

Meine BandMitglieder
sollten mit dem Bus und den Instrumenten nachkommen. Am 10. April rief ich an der rumänischen Grenze an, ob unser Bus mit den Instrumenten schon durch die Kontrolle gekommen sei. Man konnte mir nichts sagen nur dass ich es am nächsten Tag nochmals versuchen sollte. Das ging so drei Tage lang, bis ich es endlich geschafft hatte, eine brauchbare Information zu erhalten. Nach dem Engagement in Belgien reiste ich dann nach Leipzig, ohne dass jemand aus meiner Familie etwas davon wusste, und von dort aus weiter nach Frankfurt. Ich hatte die Frau eines Freundes aus Bukarest kontaktiert, die mir dort helfen konnte. Aus Frankfurt dann rief ich meine Frau an und informierte sie über alles. Ich fragte sie, was ich tun solle, und sie bestätigte meine Entscheidung, in Deutschland zu bleiben. Aber alles war so unsicher, denn ich wusste nicht, was mit meiner Familie passieren würde. Ich wusste nur, dass mich in Rumänien eine siebenjährige Gefängnisstrafe erwarten würde, falls ich nicht sofort zurückkehren würde. Um weiterhin in Freiheit zu bleiben, war für mich ein politisches Asyl in Deutschland erforderlich. Mein Schwiegervater hatte mir die Telefonnummer seines Bruders aus Heilbronn gegeben und mir geraten, ihn bei Bedarf anzurufen, damit er mir helfen könnte. Das habe ich getan, und am 13. April fuhr ich mit dem Zug nach Heilbronn. Am 15. April ging ich zum Heilbronner Rathaus, um Asyl zu beantragen, da ich nur ein Transitvisum für 7 Tage hatte. Ich gab meinen Pass ab und bekam ein Papier dafür. An dem Wochenende kamen Leute von der rumänischen Securitate zu meinem Onkel und wollten mich nach Rumänien mitnehmen. Ich hatte das Glück, dass mein Onkel sich nicht einschüchtern ließ und ihnen mitteilte, sie hätten hier keine Macht und er würde sofort die Polizei anrufen. Daraufhin verließen sie das Haus und wir gingen am Montag zur Polizei, um das Ereignis zu melden. Der Polizist war sehr nett und nahm meine Fingerabdrücke, um den Antrag für politisches Asyl wegen Lebensgefährdung schneller beantragen zu können. Mich beeindruckte, dass mich ein Polizist fragte, ob ich etwas studiert hätte. Ich sagte ihm, dass ich Musik studiert hätte, und er meinte: „Dann müssen Sie sich keine Sorgen machen, Sie werden in Deutschland damit gut leben können.“ Das war für mich damals eine riesige Erleichterung, frei meinem Beruf nachgehen zu können. 

Neustart
Die Stadt gab mir eine kleine EinZimmerWohnung und 375 Deutsche Mark pro Monat sowie Kleidergeld. In der Region Heilbronn bin ich, wie man sieht, auch geblieben und habe mir seit 1988 ein neues Leben aufgebaut. Von 1988 bis Mai 1993 hatte ich die Ehre, mit Ivan Rebroff zu spielen und an seiner Stelle auch ein paar Songs als Solist zu singen, da er Probleme mit seiner Stimme bekam. Aus dieser Zeit rührt auch mein Künstlername „Ivan Romanoff“. Ab 1990 hatte ich zusätzlich verschiedene Stellen auf Honorarbasis an Musikschulen als Violinlehrer bekommen. So konnte ich im Mai 1990, nach der rumänischen Revolution im Dezember 1989, endlich mit Hilfe eines deutschen Freundes und durch seine Einladung meine Familie, Frau und Tochter, nach Deutschland holen. Ich konnte es kaum glauben, dass wir es geschafft hatten, aus dem Regime lebend und gesund herausgekommen zu sein. Uns wurde leider alles, was meine Frau besaß, vom rumänischen Staat genommen, so dass wir jeder eigentlich nur einen Koffer hatten, mit dem wir in Deutschland ganz von vorne begonnen haben. Ich bin immer noch sehr glücklich über die Entscheidung, nach Deutschland gegangen zu sein. Es war schwer, sich hier alles neu aufzubauen, da die Mentalität und der Umgang miteinander anders sind als in Rumänien, aber ich glaube, wir konnten uns gut integrieren und in diese Region einbringen, sowie Menschen mit unserem Talent beglücken. Heute lebe ich in einem wunderschönen Haus mit Blick auf die Weinberge und danke Gott dafür, dass ich eine neue Chance bekommen habe, um mein Leben in Freiheit weiterzuführen und unsere Tochter Amy hier beschützen zu können. Danke an alle, die uns das ermöglicht haben. Danke an Deutschland!

AnaMaria Lungu (2016)
(Redigiert von Angelika Hart)





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