Bettina Harnischfeger (* 1941)  im heutigen Polen

Schlesischer Bumerang


Es war einmal

Es war einmal... Lang ist es her und begann hinter sieben Bergen, sieben Tälern und sieben Wäldern, weit, weit fort......
Stimmt ja gar nicht! Es begann nämlich hier -- nur ein paar Kilometer entfernt von meinem Schreibtisch, in Sulau, im Bartschtal, in Niederschlesien. Da begann mein Lebensweg, dahin kehrte er zurück. Und so furchtbar lang ist es auch noch nicht her. Denn immerhin lebe ich noch, während ich schreibe und erzähle. Ein Menschenleben - das ist eigentlich eine kleine Zeitspanne in der großen Menschengeschichte.

Ich bin 1941 geboren, als der zweite Weltkrieg die Welt verwüstete. Und das hatte zur Folge, dass hinterher sogar die Landkarte verändert war. Teile von Polen gehörten plötzlich zur Ukraine und Teile von Deutschland zu Polen. Millionen Polen, Deutsche und viele andere, mussten umherziehen und sich eine neue Bleibe suchen. Das war für alle, ob Polen, Deutsche, Ukrainer und all die anderen sehr schwer. Alles, was sie hatten, war verloren. Vor allem war es schwer für die Eltern, die in all dem Durcheinander, der Armut und der Gefahr ihre Kinder großziehen mussten. Viele Familien hatten keine Väter mehr. Sie waren im Krieg „gefallen“, wie das heißt, im Klartext: sie waren getötet worden. So war das auch bei uns. Mein Vater war im Krieg umgekommen und meine Mutter ist mit uns Kindern von Schlesien in den Westen Deutschlands geflohen.
Wir waren 4 Kinder: Annemone war damals 9 Jahre alt, Cornelius fast 5, ich (Bettina) zwischen 3 und 4 und der kleine Matthias war gerade mal anderthalb Jahre alt.

Immer weiter fort
Meine Mutter weiß schon lange vor unserer Flucht, dass wir fortmüssen von Sulau. Sie kennt aus unerlaubten Nachrichten die Landkarte für die Zeit nach dem Krieg. Die Oder, die Elbe, das sind meine ersten geografischen Begriffe. Ich weiß natürlich nicht, wo das ist. Wir müssen über die Oder, das ist unser erstes Ziel. Danach: über die Elbe.
Schlussstimmung in Sulau. Kaltes Schneewetter. Ich darf nicht raus, weil ich gerade vorher sehr krank war. Ich stehe auf einem Fußbänkchen am Fenster, schaue die Straße hinunter. Ein Stück weiter unten schaufeln Männer aus Pferdewagen Erde, Steine, Abfall auf die Straße. Obendrauf stülpen sie ein paar Kastenwagen mit den Rädern nach oben, so dass ein merkwürdiger Wall entsteht, eine Grenze durch unsere Straße.
Die Mutter steht hinter mir, schaut auch zu. Ich frage sie, was das soll. Sie lacht kräftig und höhnisch: Jetzt bauen sie hier einen Wall, damit die Russen nicht weiterkommen.
Ich bin erleichtert, dass das komisch ist und lache mit ihr.

Ein Bild ist von der Wand gefallen. Zwei Häschen waren auf dem Bild. Ich kann mich gut an sie erinnern.
Cornelius tritt mitten hinein in das Glas des Bildes, dass es splittert und kracht. Es macht ihm offensichtlich Spaß. Ich sehe ihn entsetzt an. Das darf man doch nicht. Das schöne Bild!
Das brauchen wir jetzt nicht mehr, hierher kommen wir nicht zurück. Nie mehr. - sagt er ganz ruhig.
Das verstehe ich nicht. Die Mutter kommt angelaufen, sie hat alles mitbekommen und hält jetzt Cornelius erschrocken den Mund zu.
Aber Du hast es doch selbst zur Tante gesagt, dass wir nicht mehr zurückkommen, ich habe es genau gehört.
Trotzdem redest Du nicht darüber, hast du verstanden. Nie und zu niemandem. Haaast Du verstaaaanden??!!
Und dabei blickt die Mutter ihm ganz ernst in die Augen. Ich wundere mich, dass sie darüber schimpft und gar nicht über das zertretene Bild. Jetzt habe auch ich verstanden. Wir würden nie zurückkommen, aber darüber durfte man nie und mit niemandem reden.

Später einmal hat uns die Mutter erklärt, warum es damals so gefährlich war, so etwas zu sagen. Die Regierung wollte nicht, dass die Leute schon vor Kriegsende wussten, dass der Krieg für die Deutschen verloren ging. Es war unter Todesstrafe verboten, darüber zu reden. Alle sollten an den Sieg der Deutschen glauben.
Alle Bewohner mussten unser Städtchen Sulau und die ganze Umgebung weit und breit verlassen. Die russische Armee mit ihren Soldaten, Panzern und schweren Waffen kam näher und näher.
Es war höchste Zeit. Es war tiefer Winter. Der Schnee lag hoch und es war schon früh dunkel, wie immer im Januar.
Die Mutter und die Tante, die immer bei uns lebte, packten die wichtigsten Sachen zusammen. Viel konnte man nicht mitnehmen auf der Reise ins Ungewisse. Der Befehl, dass wir Sulau verlassen müssen, kam am Abend, als es schon dunkel war, und schon am nächsten Morgen -wieder bei Dunkelheit - musste es losgehen. Es blieb kaum Zeit, und die Erwachsenen mussten sich beeilen.
Am Morgen bekommen wir Kinder alle ein breites Pflaster auf die Brust geklebt, darauf steht unser Name, Mutters Name und die Adresse der Oma bei Hamburg. Dort wollen wir hin nach Mutters Plan, auf die westliche Seite der Elbe. Dann ein Brustbeutelchen mit Papieren um den Hals. Darüber drei Schichten Kleider, einen kleinen alten Ranzen auf den Rücken. Eine Puppe darf mitgenommen werden, was sonst noch, weiß ich nicht mehr genau.

Zusammen mit einer anderen Familie steht uns ein Pferdekastenwagen zur Verfügung vom benachbarten Landgut, mit einem Kutscher sogar. Ich erinnere mich an die goldenen Knöpfe an seinem dicken, blauen Mantel.
Die Mutter und die Tante haben alle Matratzen und Federbetten aus den Betten geholt und den Wagen damit weich und warm ausgepolstert. Ein kuscheliger Schlafwagen für uns. Das hat mir gleich gefallen.
Die guten Betten auf dem dreckigen Pferdewagen! - lamentieren die Nachbarinnen. Meine Mutter weiß aber: der Krieg ist verloren, wir kommen nicht zurück; so erfüllen die Federbetten wenigstens ihren letzten guten Zweck.
Sie konnte nicht wagen, das auch den Nachbarinnen vorzuschlagen. Man durfte ja nicht zugeben, dass man wusste, dass der Krieg verlorenging.
Sieben Tage lang durch die Winterlandschaft. An den Straßenrändern hohe Schneewälle, auf den Straßen endlose Karawanen von Pferdewagen. An Kreuzungen neue Karawanen aus anderen Richtungen. Alles geht langsam, sehr langsam; und doch spricht der panische Wunsch nach Eile aus den Gesichtern und Gesprächen der Erwachsenen.

Über die Oder, bevor die Brücke gesprengt wird, heißt die bedrohliche Parole. Es geht um Stunden. Uniformierte regeln den Verkehr an Treck-Kreuzungen, sie halten den einen Treck an, lassen einen anderen vor. Wir haben Glück, dürfen schnell passieren, kurz vor der Brücke noch. Stärker als die Angst vorher spüre ich die unbeschreibliche Erleichterung der Erwachsenen.
Wir schlafen unterwegs in Turnhallen und Schulen. Große Strohlager in großen Räumen. Viele fremde Menschen, Schimpfen, Jammern, schreiende Babies. Ich bin froh, wenn ich irgendwo zwischen der Mutter und der Tante liege. Ja nicht am Rand zu anderen Leuten hin. Vor dem Einschlafen versteckt die Mutter ihre Uhr und den goldenen Ehering.
Morgens heißt es wieder aufsteigen auf den Wagen im endlosen Treckgewühl. Meine Mutter hat auch hier wieder alles geregelt, damit niemand verlorengeht und alles zügig abläuft. Zuerst steigt die andere Familie auf, dann meine beiden älteren Geschwister, dann die Mutter mit dem eineinhalbjährigen Bruder und zum Schluss die Tante mit mir. Die Tante steigt immer vor mir auf den Wagen, um mich von dort aus hochzuheben.
Jedesmal bevor sie mich hochheben kann, stehe ich ein paar endlose Sekunden allein auf der Straße zwischen fremden Menschen, Wagen und Soldaten. Was jetzt, wenn die Pferde anziehen, der Wagen sich in Bewegung setzt? Die ganze Karawane von mir fort, an mir vorbei, über mich hinweg? In diesen Sekunden erlebte ich die tiefste Angst meines Lebens.
Ich habe während der Flucht nicht gejammert, geweint oder mich an die Mutter geklammert, um diesem immer wiederkehrenden angstvollen Erlebnis zu entgehen. Ich glaube, ich hatte damals nicht das Gefühl, dass mir als kleinem Kind eine besondere Schonung vor der allgemeinen Angst und dem allgemeinen Schrecken zustand. Noch nicht einmal eine besondere Aufmerksamkeit schien mir dieses Erlebnis wert zu sein. Erst viel später habe ich in meiner Familie davon erzählt. Die Fahrt im weichen, warmen Wagen tröstet mich. Ich liege gern da und lasse mich fahren. Die Schneeluft und der dunkle Abendhimmel gefallen mir besonders. Es gibt Momente in dieser Zeit, da spüre ich die Hand meiner Tante oder meiner Mutter auf meinen Augen. Dunkelheit über allzu Schrecklichem. Ich ahne nichts Gutes hinter der guten Hand und bin froh, dass ich es nur ahnen muss.

Eine Woche Pferdewagenreise für eine Strecke, die ich heute bequem in ein paar Stunden mit dem Auto fahre. Nach dieser Woche sind wir in Weißwasser, im Gebiet westlich der Neiße angelangt. Treffpunkt für die Verwandtschaft aus den verschiedenen Gegenden Schlesiens ist das möblierte Zimmer einer Tante, die dort Lehrerin ist. Das Zusammentreffen hat geklappt. Die Großmutter aus Breslau ist schon dort. Mutter und Großmutter liegen sich in den Armen. Freudentränen. Ich freue mich auch. Aber ein bisschen peinlich ist mir das Ganze doch. Dann sind noch andere Verwandte da mit Kindern in unserem Alter und jünger. Überall Menschen. In den Betten und auf dem Boden schlafen alle dicht an dicht. Ich fühle mich unbehaglich.

Dann geht die Flucht weiter zur Oma westlich der Elbe. Es gibt keinen Treck mehr, keinen Pferdewagen. Ich habe oft darüber nachgedacht, wohin wohl der Pferdewagen gekommen ist und der Kutscher Max mit den Goldknöpfen.
Wir fahren mit dem Zug weiter, wir und die ganze Verwandtschaft. Diese Bilder sind mir davon geblieben:
Maßloses Gedrängel auf kaputten Bahnhöfen, wir Kinder gepresst zwischen Erwachsenenbeinen. Züge ohne Fensterscheiben, Menschen auf Trittbrettern bei offenen Zugtüren, Kälte und eine höllische Aufregung. Wer kommt noch rein in den Zug? Folgt noch ein Zug? Auf jeden Fall an der Hand bleiben, sich nicht verlieren! Keifende, schreiende, schreckliche Erwachsene. Eine meiner Tanten mit einem Baby im klapprigen Kinderwagen und einem Kleinkind vorn auf der Wagenkante sitzend schiebt sich durch, boxt sich durch in ständiger Aufregung. Ein Nachtopf wird zum kaputten Zugfenster heraus ausgekippt. Stehen, stehen, stehen. Müde Beine, müde Augen. Wie lange dieser Teil der Flucht dauert, weiß ich nicht mehr. Für mich sehr, sehr lange.
„Hamburg-Harburg“ - heiter fast, erleichtert klingt dieser merkwürdige Ortsname aus dem Mund meiner Mutter. Nur noch einmal umsteigen. Es sieht furchtbar aus hier. Alles grau, kaputt, überfüllt. Ich bin froh, dass wir weiterfahren. Wieder ein Zug. Nicht mehr weit. Der Zug fährt in einen kleinen Dorfbahnhof ein, langsam an einer Hecke vorbei. Ich sehe die Hecke und höre die Mutter: Kinderle, wir sind da!
Dieser Satz hängt noch in meinem Ohr wie der erlösende Schlusssatz, wie das erleichternde Ende eines Romans.

Die Großmutter und das Rheinland
Tante Lusel und die Großmutter sind zusammen eine kleine Familie. Die Tante Lusel ist die Schwester von meiner Mutter und die Tochter von der Großmutter. Sie ist Lehrerin fürs Gymnasium und hat in Ratingen im Rheinland eine Stelle gefunden. Die Großmutter zieht natürlich mit der Tante Lusel nach Ratingen.
Wir freuen uns alle sehr, denn Ratingen ist gar nicht weit fort von Velbert, wo meine Mutter zwei Jahre nach Kriegsende eine Stelle gefunden hat.. Man kann mit der Staßenbahn von Velbert nach Heiligenhaus fahren und dann mit dem Bus nach Ratingen. Mir wird es zwar immer furchtbar schlecht dabei, aber ich freue mich doch jedesmal, wenn wir hinfahren. Die Großmutter sagt immer wieder, wie schön sie es findet , dass wir so in der Nähe sind. Sie sagt auch, dass sie froh ist, im Rheinland gelandet zu sein. Das Rheinland war schon ihr Traum, als sie ein ganz junges Mädchen war.
Wir sollen alle froh sein, dass wir im Rheinland sind, und noch froher sollen wir darüber sein, dass wir alle zusammen sind.
Gnade Gott! Es hätte anders kommen können! -
Die Großmuttter kennt in Ratingen bald schon sehr viele Leute. Sie geht immer ganz lange einkaufen, auf den Markt und in alle Geschäfte. Sie weiß, wo es was gibt, und wieviel was wo kostet. Sie geniert sich überhaupt nicht, laut über Preise zu schimpfen.
Aber ich geniere mich furchtbar, wenn ich dabei bin. Die anderen Leute gucken uns dann immer so komisch an.
Meine Großmutter ist dick und sehr energisch, und sie spricht in der Öffentlichkeit kein bißchen schlesisch. Dafür klingt das Überhauptnicht-Schlesische so scharf, daß die Leute immer einen Mordsrespekt vor ihr kriegen. Die Leute hier sprechen nämlich rheinisch, und das klingt kein bißchen scharf. Ich mag es, wenn die Leute rheinisch sprechen. Am besten klingt es auf dem Markt.
Einmal setzt eine Marktfrau wirklich den Preis für die Tomaten runter, weil meine Großmutter das verlangt. Die Großmutter ist nicht zufrieden damit, daß sie selber 10 Pfennige weniger zahlen muß, sie bleibt solange stehen, bis die Marktfrau den Preis auf dem Täfelchen mit Kreide verändert hat. Auf Großmutters Art versteht sie sich aber trotzdem gut mit der Frau. Am Schluß sind beide zufrieden und lachen.
Die Großmutter erklärt mir, dass die Rheinländer sehr freundlich sind, aber ein bißchen unzuverlässig. Unzuverlässig klingt schlecht. Es klingt aber nicht furchtbar schlecht. Wenn die Großmutter etwas wirklich ganz und gar ablehnt, dann sagt sie es anders. Dann sagt sie es mit ganz schmalen Lippen und mit scharfem S am Schluß, so daß man sich niemals traut, etwas dagegen zu sagen. Bei der Großmutter gefällt es mir immer sehr . Sie kocht so lecker und hat solche Besonderheiten wie echte schlesische Gurken im Faß auf dem Balkon. Sie macht die Nudeln selber. Dafür hängt sie die Teigfladen über Nacht in ihrer Schlafküche auf. Die hängen dann über einer Leine, die kreuz und quer durchs Zimmer gezogen ist. Manchmal darf ich bei ihr im Bett schlafen. Dann riecht es die ganze Nacht schon so schön nach der Nudelsuppe, die es am nächsten Mittag geben wird.
Beim Kochen macht der Großmutter das fremde Rheinland aber öfter mal zu schaffen: Es gibt zwar in einer Metzgerei ab und zu Knoblauchwurst zu kaufen. Aber woher soll man gemahlenen Mohn für den Mohnkuchen bekommen? Und warum gibt es im ganzen Rheinland keine Petersilienwurzeln zu kaufen, wo man die doch für ein richtiges Wurzelzeug braucht? Und die Weihnachtssoße ohne Petersilienwurzeln ist überhaupt nicht die Weihnachtssoße.
Es gibt Tage, an denen meine Großmutter nicht ganz so glücklich darüber ist, im Rheinland zu sein.
Soll ich Dir mal was sagen, -
sie bückt sich ein wenig, nähert ihren Mund meinem Ohr und zischt leise aber scharf:
Verschwenderisch sind die Rheinländer auch; sie kochen die Oberrüben ohne die guten Blätter. Die schmeißen sie einfach weg! Wo doch der liebe Gott die Oberrüben zusammen mit den Blättern für uns wachsen läßt! Mir schmecken die Oberrübenblätter auch, und ich finde, daß die Rheinländer wirklich was verpassen, wenn sie die Oberrüben ohne Blätter essen und sie Kohlrabi nennen. Aber so schlimm finde ich das auch wieder nicht.
Doch als die Großmutter mir erzählt, daß die Drecksträters aus dem Haus nebenan auf der Teppichstange im Hof am heiligen Karfreitag vormittag laut und vernehmlich Teppiche geklopft haben, da fällt es mir nicht schwer, mich aus tiefster Seele mit ihr zu empören. Das ist nun wirklich schlimmer als alle weggeworfenen Oberrübenblätter. Der Karfreitag ist für uns nämlich ein sehr ernster, heiliger Tag. Das weiß ich natürlich längst.
Die Tante Lusel meint zwar, dass die Drecksträters Katholiken seien, und dass sie das mit dem Karfreitag deshalb anders halten als wir. Aber das läßt meine Gromutter nicht gelten.
Es gibt Tage, an denen meine Großmutter nicht ganz so glücklich darüber ist, im Rheinland zu sein.

Sulau im fernen Osten
Eine Kinderperspektive
Sulau ist ganz weit weg. Klar, das weiß ich. Nach Sulau kann man niemals wieder zurück. Das weiß ich auch. Sulau ist schön, traumhaft schön - aber es liegt in einem anderen Land - ganz weit von hier. Und dieses Land ist bewacht von Soldaten. Ich habe, seit ich denken kann, eine panische Angst vor Soldaten. Also: man kann nicht dahin. Schluss.
Adam und Eva konnten auch nicht zurück ins Paradies. Schluss und vorbei!
Weit weg von hier, - das heißt weit weg vom Rhein, wo wir nach ein paar Jahren wohnen. Da ist es auch sehr schön. Besonders schön ist es in unserem alten Städtchen am Rhein, in Kaiserswerth, wo ich die meisten meiner Kinder- und Schuljahre verbringe. Aber hier ist es nicht traumhaft schön wie in Sulau, sondern wirklich schön- zum Gucken, zum Anfassen, zum Erleben. Ich kann die Schuhe ausziehen und mir die heranschwappenden Wellen vom großen breiten Rhein über die Füße spülen lassen und dabei die rundgeschliffenen Steinchen an der Fußsohle spüren. Die Wellen werden stärker, wenn ein Schleppkahn vorbeifährt. Schnell ein Stück zurückweichen, oder den Rock höher ziehen.
Das ist mein Zuhause in der Wirklichkeit.
Aber es gibt noch einen anderen Sinn für das Wort Zuhause. Die Mutter sagt es manchmal, die Großmutter und die Tante Frieda, manchmal auch meine ältere Schwester. Und wenn sie das so sagen, dann haben sie einen eigenartigen Ton in der Stimme, so eine Mischung aus traurig und glücklich.
Oder sie sagen gleich richtig, was sie meinen, nämlich einfach: Sulau. Früher - das ist auch so ein Wort; das kann man gnauso sagen, in diesem Sinne von Zuhause oder Sulau. Das heißt alles etwa das Gleiche, wenn es in diesem bestimmten Ton gesagt wird. Aber das Wort Sulau klingt von all diesen Wörtern am schönsten, hell, blau und grün.

Zuhause hatten wir so ein Bunzlauer Krügl, - früher haben wir im Sommer immer Blaubeeren mit Hefeklößen gegessen, - zu Hause waren die Semmeln viel größer, - früher sind wir immer mit der Kleinbahn nach Breslau gefahren, - im Sulauer Park war doch der Einsiedler, - guck mal, die kleine Mappe ist noch aus Sulau, - auf das Bilderbuch müsst Ihr gut aufpassen, es ist noch von Zuhause....

Sulau ist hell. Flimmerndes Hochsommerlicht auf der Straße vor dem Haus. Die große Kirche gleich da vorn mit ihren Fachwerkmauern ist weiß und hell. Gut dass die dunklen Balken und das rote Dach dem Bild Halt geben, sonst müsste das Bild ja zerfließen in der Helligkeit des Sommers.
Der Fußweg zur Kleinbahn ist endlos, vor allem, wenn es so heiß ist. Auf dem Kleinbahnhof riecht es nach Ruß und Kohle. Ich habe Durst nach dem langen, heißen Fußweg. Trotzdem freue ich mich, dass wir mit der Bahn fahren mitten durch den grünen Wald mit Russ und Dampf und Trompetenstößen aus der Lokomotive. Bald nach der Abfahrt muss der Zug nochmal halten, weil die Mutter mit dem Schaffner plötzlich ganz aufgeregt geredet hat. Die Mutter klemmt sich meinen Bruder unter den Arm und steigt mit ihm hastig aus. Am Waldrand zieht sie ihm die Hose runter und hält seinen nackten Popo etwas höher über das grüne Moos. Da kommt es lila-blau aus meinem Bruder heraus. Blaubeerdurchfall. Die Farbe des Blaubeerdurchfalls, dieses Dunkelblau-Lila auf saftig grünem Moos -- das gehört zu meinem Bild von Sulau.

Pferdewagen gehören auch dazu. Bauernkastenwagen auf denen wir manchmal mitfahren dürfen. Immer durch diese grünen Wälder, den Duft von Pferden, von Holz und von Kiefernnadeln in der Nase. Ein warmer, trockener Duft.
Es ist Sommer. Der Vater lebt zu der Zeit noch und ist eine zeitlang aus dem Krieg nach Hause gekommen. Ein schöner Vater mit einer guten Stimme und einem Hauch von herbem Duft, wie ich ihn von der Mutter und der Tante nicht kenne.
Der Vater frühstückt gern mit uns in der Veranda, der lichten Holzkonstruktion hinterm Haus. Licht und Schatten der Holzlatten zeichnen Muster aufs Wachstischtuch. Wir singen ein Morgenlied mit fröhlichen Worten und Tönen über die helle Sonne, und danach gibt es Honigbrötchen. Beides bleibt immer bei mir, in mir - die Honigbrötchen mit der Melodie des Morgenliedes von der hellen Sonne. Die helle Sonne zeichnet immer neue Muster auf das Wachstischtuch, die helle Sonne spielt mit den Mustern.
Und danach gibt es: Glockenläuten, Orgelspiel, der schöne große Vater noch größer im schwarzen, langen Talar ... und in der Kirche wieder ganz viel Helligkeit in Heiligkeit in Ewigkeit. Ganz viel Weißes, die Bänke, der Altar und feierliche goldne Muster und Figürchen an der Kanzel. Schön! Vaters Stimme auch - ernst, munter und heilig.

Heiterkeit und Traurigkeit. Von beidem sehr viel. So ist Sulau. Gegenüber von uns steht ein großes, dickes Ziegelhaus, bewachsen mit rankendem Dunkelgrün. Das Haus ist nicht hoch, aber sehr, sehr dick. Eigentlich liegt es da mehr, als dass es steht. Wie eine riesengroße Katze aus Ziegel und Rankenfell. Da wohnt die Küsterfamilie. Die haben viele Kinder. Ein Kind ist mal gestorben; das hat die Mutter erzählt. Als ich einmal in dem Haus bin, höre ich aus einem Zimmer ein kleines Kind weinen. Ich renne schnell wieder raus, weil ich nicht hören will, wie tote Kinder weinen. Wieso weinen tote Kinder? Ich habe mich nicht getraut, jemanden danach zu fragen.

Hell und dunkel. So ist Sulau. Diese Dunkelheit ist überall, auch wenn es hell ist. Da ist eine Angst bei den Großen, die ich spüre.
Immer kommen Briefe mit schwarzen Rändern. Und dann ist auch noch mein Vater tot. Es kommen noch mehr Briefe mit schwarzen Rändern. Die Mutter weint jetzt oft und gleichzeitig ist sie schrecklich energisch und streng und macht mir Angst. Die Mutter hört Radio unter einer Decke. Da ist es auch dunkel. Und niemand darf es wissen. Das ist sehr gefährlich und stockdunkel.
Dunkel ist auch der steinerne Einsiedler in seinem kleinen Steinhäuschen im Schlosspark, aber irgendwie auch schön dunkel, unheimlich und gruselig. Man möchte fort von diesem Standbild und doch zieht es einen immer wieder hin durch die schattigen Parkwege zum Einsiedler. Vielleicht kommt er doch mal raus? -- und wenn er aber kommt---dann laufen wir.....heißen ein paar Worte aus einem Kinderspiel, das ich kenne.

In meinem konkreten Zuhause in Kaiserswerth schwinden diese Bilder nicht aus meinen Träumen. Auch der Vater kommt manchmal wieder. Immer kommt er plötzlich aus dem Wald heraus. Das ist mein allerallerschönstes Traumbild. Es ist so schön, dass ich es auch am Tag manchmal träume.
Meine Erinnerungen vermischen sich mit den immer wiederholten Erzählungen der Erwachsenen, trennen sich dann aber auch wieder von ihnen. In mir bleibt einfach letztlich mein Sulau, so wie ich es ganz allein sehe, wie es mir niemand hätte genauso erzählen können, wie es mir auch niemand nehmen kann.

Ich spiele am Rheinufer, dunkel glänzendes Wasser an meinen Füßen, leicht schlammiger Rheinwassergeruch, weite grüne Wiesen, Pappeln und Weiden auf meiner Seite des Rheins und am fernen Ufer der anderen Seite. Der Himmel darüber ist blau und von hellen Wolken ein wenig bewegt. Alles sehr weit und grün-blau mit hellem Weiß, fast wie in meinem anderen Land. Das Wort Sulau berührt mich mit den kleinen Rheinwellen in blau und grün, Sulau mit Wasser und leuchtender Helle. Beides ist meins: Sulau und der Rhein.

Eine Klassenkameradin ist mit ihrer Familie weggezogen aus Kaiserswerth. In der Nacht träume ich, wir müssten auch ganz plötzlich, ganz schnell fort von Kaiserswerth. Als ich aufwache ist mein Gesicht nass von Tränen. Ich wundere mich, bin aber sehr froh, dass ich noch da bin, in meinem Bett im Kaiserswerther Haus.

Manchmal denke ich aber auch nach ohne zu träumen, z.B. darüber, was mit Sulau danach geschehen ist, mit dem Sulau von jetzt, dem Sulau ohne uns? Irgendjemand hat mir mal erzählt, dass in verlassenen Orten mit der Zeit ganz viel Grünes wächst und wuchert, dass mit der Zeit alles zuwächst wie bei Dornröschen, dass die Bäume aus den Dächern der Häuser hochwachsen und sie überragen. So erscheint mir jetzt manchmal unser Haus in den Bildern meiner Gedanken, unser von uns verlassenes Haus. Auch dieses grüne Bild gefällt mir irgendwie, es passt ganz gut zum Grün meiner Erinnerungen.
Und noch ein anderes Bild: fremde Kinder mit blauen Lippen, blauen Fingern und blauen Zähnen sammeln Blaubeeren am Waldrand gleich neben der Kleinbahnschiene, ihr abgestoßener Emaille-Becher ist schon fast voll. Sie kichern fröhlich, aber ich verstehe nicht, was sie sagen. Es ist eine fremde Sprache. Und wieder sind es doch nur Träume, Fantasiebilder -- es will sich keine Wirklichkeit einstellen.

Hier in Kaiserswerth verstehe ich alle Kinder, ich lerne schnell ihren rheinischen Tonfall und gehöre dazu. Vielleicht nicht völlig, aber doch fast richtig. Ich bin gern ein Kaiserswerther Kind und die meiste Zeit auch ganz und gar dort, hier und heute. Manchmal ist Sulau mit seinen Bildern einfach gar nicht bei mir, auch der Vater nicht und die Pferdewagen, die Honigbrötchen, die Blaubeeren und die Fahrten in Mutters Fahrradkörbchen durch die Weite des Bartschtals.
Meistens bin ich einfach ein rheinisches Kind.

Mit der Zeit begreife ich natürlich mehr von der ganzen Politik und der unheilvollen Geschichte. Meine Mutter achtet immer darauf, dass wir Zusammenhänge erkennen. Ich weiß jetzt natürlich auch, dass in Sulau andere Menschen die Häuser bewohnen, dass Sulau für einige Polen zum „Zuhause“ geworden ist, dass wir das akzeptieren müssen, wo doch die Deutschen anderen Völkern so viel Leid angetan haben.
Ich will das natürlich annehmen und anerkennen und gönne den anderen unser schönes Sulau von ganzem Herzen. Ich habe ja mein schönes Kaiserswerth, meine Freundinnen und den Rhein. Richtig vorstellen kann ich mir allerdings immer noch nicht, wie es wohl jetzt ganz konkret in Sulau aussehen könnte. Spielen dort wirklich andere Kinder mit unseren Spielsachen, essen Blaubeeren mit Hefeklößen an unserem Küchentisch? Oder gibt es unsere Häuser vielleicht gar nicht mehr? Viele Orte hatten sich ja in den Jahren nach dem Krieg total verändert. So kenne ich es aus den Städten bei uns in Westdeutschland. Ich kann nachdenken, so viel ich will, beim Klang des Worts Sulau kommt kaum etwas Neues, nichts Vorstellbares aus der Gegenwart. Es kommen immer nur meine alten Erinnerungsbilder - zart überwachsen vom Grün all der Jahre. Diese Bilder wollen bleiben.

Zweimal in der Woche gibt es in der Schule Erdkunde. Das interessiert mich zu der Zeit nicht besonders, nicht Peru mit Lima und nicht die Namen der Schweizer Berge mit ihren erschreckenden Höhen auf der schokoladenbraunen Gebirgsseite in meinem Atlas. Ich träume lieber vor mich hin und schlage im Atlas die Seite „Deutschland und Mitteleuropa“ auf, meine Lieblingsseite. Sie ist so breit, dass noch rechts ein Stück ausgeklappt werden muss, wenn man alles sehen will. Genau auf diesem ausgeklappten Stück ist das, was ich immer wieder suche: Breslau, 1-2 cm drüber ein paar blaue, winzig kleine Flecken für die Teichlandschaft an der Bartsch. Ich halte meine Daumenkuppe genau über Breslau; da ist es! Es steht nicht drin, aber da ist es, da ist Sulau, ganz weit rechts im Osten.
Ich bin daher, aus diesem fernen Osten. Willst Du mal gucken, wo ich herkomme? frage ich meine Freundin neben mir. Sie staunt höflich darüber, wie weit das weg ist. Sie weiß, dass ich das gern habe, ihr Staunen. Aber - ehrlich gesagt - ich weiß auch, dass der Ort meiner Herkunft genauso uninteressant für sie ist wie für mich Peru mit Lima.

Vor uns: Sulau
Ganz plötzlich war er da, der Plan, nach Sulau zu fahren. Ich hatte vorher nie darüber nachgedacht, ob ich selbst einmal dahin fahren könnte.
Ein paar Mutige aus der Verwandtschaft hatten es schon gemacht. Meine Schwester war mit meiner Tante in Breslau und hat von dort aus einen Tagesausflug nach Sulau gemacht. Sie hatte es bunt auf Fotos festgehalten, neu und glänzend und gestochen scharf, ganz real und sichtbar, die Kirche, das Pfarrhaus, der Garten hinter dem Haus, die Holzveranda. Die Fotos modern - was drauf war - altbekannt.
Ich erkannte sofort die Stelle vom Loch im Gartenzaun, durch das ich damals mit meinem Bruder gekrochen war. Es sah alles sehr vertraut und normal aus. Jetzt noch, nach mehr als 30 Jahren.

Auf den Gedanken, dass ich selbst dahin fahren könnte, kam ich immer noch nicht. Ich lebte jetzt in Heilbronn, war inzwischen 37 Jahhre alt. Ich hatte in diesen Jahren viel mit meinem gegenwärtigen Leben zu tun, mit familiären großen Veränderungen, mit Wohn- und Lebenssituation. Aber dann war ich aus dem Schwierigsten raus. Mit Hans war ich jetzt seit 2 Jahren zusammen. Die Welt sah mit ihm neu und interessant aus. Wir setzten zusammen um, was uns in den Sinn kam, auch Außergewöhnliches und das meiste davon wurde gut.
Meine beiden Töchter und eine Pflegetochter lebten mit uns zusammen.

Sylvester 1978/1979.
Wir feierten bei meiner Schwester in Frankfurt die Sylvesternacht. Ich schaute mir mit Hans einmal wieder die Sulauer Fotos meiner Schwester an. Da sagte er ganz einfach: Wir fahren jetzt auch mal nach Sulau. Und wenn Hans so etwas sagte, brauchte ich mir nur noch die Augen zu reiben, ein wenig zu zwinkern und zu denken: na klar, wieso eigentlich nicht?!

Mit diesem Plan begrüßten wir das Jahr 1979.
Noch in der Neujahrsnacht wuchs der Plan ins Konkrete. In den freien Tagen um Ostern herum sollte es sein. Die Kinder wären in den Osterferien bei ihrem Vater. Das war gut so, denn das erste Abenteuer in einem „Ostblockland“ wollten wir erst mal ohne Kinder bestehen. Hans und ich sind nie mit irgendwelchen Gruppen oder Reiseunternehmen gereist. Wir wollten alles selber planen und entdecken. Hans hatte einen kleines grünes Mazda-Auto, das würde für uns beide reichen.
Meine Tante Clara vermittelte uns eine Adresse von einem alten Freund in Sulau, sie hatte ihn dort kennengelernt und dann mit ihrer Familie besucht. Dieser Freund hatte ein Haus mit etwas Platz für Gäste. Sie schrieb ihm und wir erhielten die Nachricht, dass wir wilkommen seien. 5 Tage Sulau hatten wir vor uns. 5 Tage eintauchen in eine uralte und gleichzeitig ganz und gar neue Welt.
Etwas in mir zitterte ein wenig, bebte vor Aufregung, vor Ungeduld, vor Freude, vor Neugier, vor Ahnung.
Von Neujahr bis April ist eine lange Zeit, die musste noch überbrückt werden.
Dabei konnten wir die Zeit für alle möglichen Vorbereitungen gut gebrauchen. Wir mussten uns um die Einreisebestimmungen kümmern. Privatreisen gestalteten sich dabei etwas schwieriger als organisierte Gruppenreisen. Man sah es wohl nicht allzu gern, wenn Besucher nicht im Hotel wohnen wollten, sondern bei Privatpersonen. Zu viel persönlicher Kontakt unerwünscht?
Aber wir bestanden darauf und bestellten unsere Papiere bei der polnischen Botschaft in Köln. So viele Formulare, so viele Passbilder!
In jedem Formular stand die Frage nach dem Zweck der Reise. Was für einen Zweck hatte unsere Neugier, unser Interesse an der Welt der verlorenen Vergangenheit und der fremden Gegenwart? Wir schrieben Tourismus rein in die Formulare. Das war unverfänglich, drückte aber nur sehr unvollkommen aus, was uns wirklich zog.
Je mehr ich darüber nachdachte, desto spannender erschien mir die ganze Unternehmung. Und plötzliche bangte ich darum, ob auch wirklich alles klappen würde, als hinge von dieser Reise mein Leben ab. Ich konnte kaum mehr an etwas Anderes denken. Dass die Gestaltung meiner Zukunft wirklich von dieser Reise abhing, war mir ja damls noch längst nicht bewusst. Nicht bewusst, aber vielleicht schon erahnt?
Täglich der Blick in den Briefkasten. Wieder kein dicker Umschlag von der Botschaft mit den Einreisepapieren. Noch war ja Zeit,... aber wer weiß.....

Wir wollten ein wenig, nur ein ganz klein wenig polnisch lernen. Aber wir fanden in den Buchhandlungen kein einziges Lehrbuch für Polnisch. Offensichtlich wollte diese Sprache außer uns niemand lernen. Schließlich bestellte uns eine nette Buchhändlerin auf Umwegen ein Lehrbuch aus der DDR. Wenigstens etwas. Platten, Kasseten, oder CD´s mit polnischer Aussprache gab es zu der Zeit überhaupt nicht, auch keinen Kurs „Polnisch für Anfänger“ in der Volkshochschule.
Aber dann machte es doch Spaß, sich die einfachsten Grundlagen recht und schlecht selbst zu erobern. Zwei junge Männer aus Oberschlesien, die ich manchmal traf, konnte ich gelegentlich etwas fragen. Aber die beiden verstanden überhaupt nicht, was wir denn in Schlesien wollten. Wozu polnisch lernen? Sie waren erst kürzlich nach Deutschland übergesiedelt und meinten, es würde doch nicht lohnen, nach Polen zu reisen. Wir sollten doch lieber einen Ausflug nach Paris machen.
Paris? Ach, was war das schon? Nach Paris konnte doch jeder fahren. Sulau klang so viel aufregender.

Ich versuchte, kleine polnische Dialoge aus unserem Lehrbuch zu lesen und auszusprechen. Hans machte mit, manchmal auch die Töchter. Oft mussten wir gemeinsam lachen, wenn allzu schräge Geräusche aus uns herausstolperten. Ich schob die neuen polnischen Worte in meinem Mund hin und her, ließ die interessanten Laute über meine Zunge rollen und träumte von einer geheimnisvollen Welt mit alten Bildern und gänzlich neuen Klängen.

Hans hatte eine Spürnase für Informationen jeglicher Art. Fast täglich brachte er ein Buch oder eine Zeitschrift mit, irgendein Druckerzeugnis, in dem etwas über Polen zu finden war, politisch Informatives, Kulturelles, Atmosphärisches, Landschaftliches. Es machte großen Spaß, sich zusammen mit ihm hineinzudenken in diese andere Welt.

Wenn er etwas gefunden hatte über den innerpolnischen Widerstand, einen Aufsatz von Kuron oder Michnik, dann las er mir das begeistert vor. Wir gingen ins Kino, fuhren in allerhand Städte in der Umgebung, wo es gerade polnische Filme gab.
„Der Mann aus Marmor“ von Andrzej Wajda war gerade neu in die Kinos gekommen und berührte uns sehr tief. Ein Film voll von Traurigkeit, Hoffnung, Schönheit und starker Menschlichkeit. Unsere Seelen rückten Stück für Stück vor in das Land, das wir erst kennenlernen sollten. Und schon spürten wir, dass diese Reise mehr für uns werden würde als ein touristischer Ausflug, auch mehr als ein kurzer Trip in meine Kindheit.
Diese drei Monate im Frühjahr 1979 waren gezeichnet von Erwartung, von Aufbruch und der Gewissheit, dass etwas ganz Neues für uns beginnt.

Ostern rückte näher, die Papiere waren da. Auch die tschechoslowakischen Transitvisa. Eine ganze Mappe voll von Grenzpapieren.
Ich schmierte Brote, packte Kartoffelsalat in Schraubgläser, harte Eier in eine Plastikdose. Wer weiß, was wir unterwegs auf der Fahrt finden würden. Man hörte Widersprüchliches aus dem Alltag der kommunistischen „Ostblockländer“. Was stimmte wirklich? Lieber unabhängig sein!
An einem lauwarmen Frühlingsnachmittag fuhren wir los, gleich, als Hans von der Arbeit kam.
Bis in die Tschechoslowakei wollten wir kommen und dort erst mal übernachten. 48 Stunden galt so ein Transitvisum.
Wie unendlich lange ein Grenzübergang in den Osten dauern würde, wussten wir vorher nicht. Es war schon dunkel, als wir in die Tschechoslowakei kamen. Dunkel, wirklich stockdunkel war damals dieses Land, wenn es kein Tageslicht gab. Und weit und breit war kein Hotel zu finden, kein Gasthaus --- einfach nichts. Endlich ein Wegweiser von der Straße ab in ein waldiges Gebiet, ein verblasstes Schild mit einem Bett drauf und mit Messer und Gabel. Aha! Das heißt wohl: schlafen und essen. Und beides wollten wir. Dort konnte man es ja mal versuchen.
Es wurde noch dunkler bis wir an einen kleinen See kamen. Da war tatsächlich eine Herberge, eine Art Ausflugsgasthaus. Man versicherte uns, dass wir da übernachten könnten. Ich weiß nicht mehr, wie wir uns verständigt haben. Es gab dort ganz viele Angestellte, aber außer uns keinen einzigen Gast. Die Hotelangestellten standen um uns herum und staunten uns an, wie Wesen von einem anderen Stern. In einem riesigen Speisesaal wurden uns unendlich fette Würste serviert. Die gleichen Würste gab es dann zum Frühstück nochmal. Wenigstens waren wir damals noch keine konsequenten Vegetarier. Wir aßen die fetten Würste und nahmen in Kauf, dass uns hinterher ein wenig übel war.
Bezahlen mussten wir am Schluss fast nichts. So kam es uns mit unseren Maßstäben jedenfalls vor. Uns war ein bisschen nach Heulen, aber mehr noch zum Lachen zu Mute. Und Hans sagte seinen Lieblingssatz bei unerwarteten Vorkommnissen auf spannenden Reisen: Auch wieder eine Erfahrung!

Über Prag dann weiter und weiter in die Sudeten hinein, wieder eine endlos dauernde Grenze. Polen. Und da hörten wir endlich die polnischen Laute. Aha! So klingt also diese Sprache hier, ein wenig anders, als wir uns das nach unseren Lehrbuchanweisungen vorgestellte hatten.
Dann weiter nach Breslau. Ja, Breslau, die Oder! Sehr ehrfürchtig stimmte mich der Ort an diesem sonnigen Frühlingsabend. Die Oder -- so viele Geschichten aus meiner Familie spielen in Breslau an der Oder. Wie das schon klingt! Ich bin jetzt hier -- in Breslau an der Oder. Lebend- ich! - mitten in einer Legende.

Jetzt aber aufgepasst! Fremdartige Namen, Straßenschilder, Landkarte, Wegbeschreibung von Onkel Robert.... Aufgepasst! Wo finden wir Sulau/ Sułów? Durch Breslau durch, dann durch Trebnitz/ Trzebnica: Oh Gott, wie lange wir brauchten, um die Buchstaben zu Wörtern zusammenzusetzen und dann halbwegs zu identifizieren im Vergleich mit den uns bekannten Ortsnamen! Dann rechts ab, dann wieder links.
Da stehts doch tatsächlich schon dran: Sułów. Ja, da gehts nach Sulau zum richtigen Sulau!

Werde ich mich in Sulau noch ein bisschen auskennen? Gern würde ich hier die Ortskundige spielen als alte Sulauerin. Aber eigentlich weiß ich außer ein paar Bildern gar nichts mehr. Wie diese Bilder geografisch zusammenhängen, hat sich in meinem Kinderkopf damals nicht eingeprägt.

Da ist der Kleinbahnhof. Tatsächlich, den kenne ich noch. Weiter hier! Ach, die niedrigen Häuser. Irgendwie kenne ich die auch, die ganze Straße entlang diese niedrigen Häuser. Aber waren die damals auch schon dermaßen klein? Und da - dieser Platz. Ja, doch, das ist der Ring, Sulaus Centrum. Da wollen wir erstmal halten, um uns zu orientieren. Die Luft riecht vertraut, nach erdigem Frühlingsabend und Rauch aus den Schornsteinen. Plötzlich habe ich Angst. Wir sind Deutsche - und ich denke an den Krieg und all seine Konsequenzen. Hält man uns hier vielleicht für Feinde? Aber ich denke das nicht lange, nein nur einen kurzen Augenblick lang.

Wir öffnen die Autotür. Ein älterer Herr steht sofort daneben, strahlt, lacht, gibt mir einen Handkuss und sagt auf Deutsch: So, da sind Sie also, Frau Bettina und Herr Hans, ich erwarte Sie. Wir sind angekommen wir sind willkommen, ich habe den ersten Handkuss meines Lebens erhalten. Und jemand spricht in freundlichstem Ton und lustigem Akzent auf deutsch mit uns.
Wir sind in Sulau, wir werden empfangen und in das Haus dieses freundlichen Mannes begleitet. Es geht uns sehr gut.

Vorhang auf!
Wir waren zu Gast im Haus von Tadeusz Suchorowski.
Tadeuszs Haus, ein einfacher Bau mit Flachdach aus den sechziger Jahren, stand direkt neben der alten Schule. Vom Fenster aus konnte man von hinten auf unsere alte Kirche schauen.
Die Tatsache, dass Tadeusz deutsch sprach, stellte die Weichen für unser weiteres Leben. Verständnis beginnt mit dem Verstehen im ganz banalen , wörtlichen Sinn. Wir konnten zuhören, reden, uns gegenseitig kennenlernen und eintauchen in die gemeinsame und getrennte Geschichte. Das hatte Folgen!
Ein Abend, eine Nacht, ein Freund, Geschichte und Geschichten, furchtbare Geschichten, lustige Geschichten, alles aus erster Hand, sanfter polnischer Wodka dazu und gräucherter Karpfen. Entsetzen, Spaß, Fremdheit und Vertrautheit --- alles auf einmal. Wir saßen in einem kleinen Zimmer an einem provisorischen Tischchen, so einer Art Campingtisch, dazu ein paar niedrige, schon ziemlich abgeschabte bräunliche Sessel, und dabei unvorstellbar wärmende Behaglichkeit, wärmend von außen und innen.
Müde von der Reise waren wir jetzt überhaupt nicht mehr. Alle meine inneren Türen und Fenster waren geöffnet, offen für Bilder, für Worte, für Gerüche, für Geschehenes und Geschehendes.
Pani Maria, Tadeuszs Frau, schlief wohl schon; sie fühlte sich nicht wohl. Das war öfter so. So verbrachten wir zu dritt in diesen Tagen viel Zeit.

Tadeusz fühlte sich offensichtlich wohl ; er war in seinem Element, er erzählte. Und wir hörten ihm zu, hörten und hörten und konnten gar nicht genug hören. Und immer wieder zwischenrein ein Gläschen Wodka mit einem netten Trinkspruch: auf die Freundschaft, auf den Frieden, auf die Heimat, auf den Humor, auf unser liebes Sulau, das uns verband......
Tadeusz war pensionierter Schulleiter von Sulau, der erste polnische Schulleiter nach dem Krieg.
So viel hatten wir verstanden: Nach einer Deportation auf Umwegen waren er und seine Familie irgendwann im Mai oder Juni 1945 mit den anderen Zwangsumsiedlern aus dem polnischen Osten hier eingewiesen worden. Mit herzlichem Händedruck schickte er seinen Erzählungen einen Satz voraus, den ich nicht vergessen habe. Der Leitsatz für das beginnende gegenseitige Verstehen.
Ich freue mich so sehr für Sie, dass sie nach Sulau gekommen sind. Jetzt können Sie sich den Ort Ihrer Kindheit wieder anschauen. W i r können leider nicht mehr in unsere Heimat fahren.
Kein Neid, sondern herzliche Mitfreude sprach aus diesem Satz, vielleicht ein wenig Wehmut.
Er sprach wirklich ziemlich gut Deutsch. Das kannte er noch aus der Zeit, als seine Heimat, das ostpolnische Galizien von der Österreichisch-Ungarischen Monarchie geprägt war. Dieser Teil Polens hatte bis zum Ende des ersten Weltkriegs in dieses große Reich mit vielen Völkern, Sprachen und Kulturen gehört. Mit einem stolzen Lächeln bestätigte Tadeusz, dass er noch unter Kaiser Franz Josef geboren war. Mein Kaiser Franz Josef deklamierte er feierlich mit leichter Ironie in der Stimme; er stand auf und erhob sein Wodkagläschen auf seinen österreichischen Kaiser.
Aber, wie das so ist beim Erzählen in einer Fremdsprache... ein bisschen mühsam war es doch, alles richtig zu verfolgen. Er sprach ein sympathisches aber etwas eigenartiges Deutsch mit vielen für uns nicht so leicht verständlichen Wendungen. Je mehr Wodka, desto komplizierter wurden seine sprachlichen Umwege. Mit der deutschen Sprache muss ich manchmal über Tokio nach Berlin reisen, um zum Ziel zu kommen.
Uns fiel das Mitfahren bei seiner Reise über Tokio und das Zusammenreimen seiner Erzählungen mit der Zeit und den vielen Gläschen auch nicht mehr ganz so leicht. Aber der Wille zu verstehen war ja auf beiden Seiten groß. Da war Sympathie ohne Einschränkung, unwahrscheinliche Neugier aufeinander und Spaß an diesem denkwürdigen und merkwürdigen Zusammentreffen. Wenn es zu kompliziert wurde, dann lachten wir einfach zusammen. Lachend versteht man sich in jeder Sprache. Wir merkten zuerst gar nicht, dass dieser sanfte, wohlschmeckende polnische Wodka durchaus Alkoholanteile hatte. Das spürten wir erst bein Schlafengehen richtig.

Ich denke mit großer Wonne an diesen Abend. Aber ich bedaure ein wenig, dass mir durch all die Umstände nur ein Teil der Zusammenhänge genauer bewusst geworden und im Gedächtnis geblieben ist, jetzt hätte ich noch so viel nachzufragen. Aber lassen wir den Abend stehen, wie er war - mit dem leichten Wodkanebel hinter der Stirn und dem wohligen Gefühl, angekommen zu sein in einer alten und doch gänzlich neuen Welt. In diese Welt wurden wir von diesem lebensklugen und lebensfrohen Tadeusz an der Hand genommen und ins Herz geschlossen. Wir hatten das große Los gewonnen.
Es war aber keinesfalls alles lustig, was wir an diesem Abend erfuhren.
An Vieles erinnere ich mich auch mit Schaudern. Da waren die Erzählungen von Überfällen ukrainischer Banden auf Tadeuszs Dorf in seiner östlichen Heimat, von furchtbaren Gemetzeln dieser Banden einerseits, von bedrohlicher deutscher Besatzung andrerseits. Tadeusz hatte im Keller vor den Deutschen ein paar Juden versteckt und zitterte vor der möglichen Entdeckung. Dabei musste er sich aber gleichzeitig mit den Deutschen arrangieren, um für sein Dorf wenigstens ein bisschen Schutz vor den Bandenüberfällen zu bekommen. Äußerste Gefahr von allen Seiten. Man musste sehen, wie man durchkam in diesen und in nachfolgenden gefährlichen Situationen, mal mit falschem Namen, mal mit falschen Geburtsdatum auf gefälschten Papieren.
Ich rechnete nach und meinte, Tadeusz müsse wohl so alt sein, wie mein Vater jetzt wäre. Ich fragte deshalb nach seinem genauen Geburtsdatum. Da lächelte er nur verschmitzt, gab mir aber keine Antwort. Mir wurde klar, dass er ja immer noch in Zeiten und Verhältnissen lebte, wo man ein bisschen schummeln musste, um durchzukommen. Ich lernte ein wichtiges Wort für das Leben in der polnischen Wirklichkeit, das Wörtchen kombinieren. Kombinacja war wichtig zum nackten Überleben genauso wie dazu, sich ein paar zusätzliche Vorteile zu verschaffen. Wer kann schon sagen, wo die Überlebenskunst aufhört und wo die Gaunerei anfängt? Ein Phänomen, das die polnische Mentalität geprägt hat, entstanden durch die Härten ihrer Geschichte voll von Fremdherrschaft und Unterdrückung.
Ein Phänomen, das sich lange hielt und auch noch stellenweise hält, auch wenn die politischen Verhältnisse anders geworden sind. Wir lernten diese Mentalität von Anfang an zu verstehen; nicht immer kamen wir damit so gut zurecht wie in Tadeuszs Geschichten.
Dann konnten wir endlich auch unsere Fragen zur direkten Nachkriegszeit loswerden. Nein, Sulau war nicht im Dornröschenschlaf geblieben wie in meiner Kinderfantasie. Gleich nach unserer Flucht ist die Rote Armee dagewesen, dann kamen ein paar Leute aus dem benachbarten Großpolen, ganz wenige Deutsche hatten auch zuerst einmal versucht, wieder zurückzukommen. In dieser Zeit versuchte jeder irgendein Unterkommen zu finden, auch aus Deutschland zurückgekehrte Fremdarbeiter. Danach kamen die Umsiedler, die zwangsweise aus der Gegend um Lemberg hierher transportiert worden waren, oft unter todbringenden Bedingungen. Viele alte Leute starben durch die erlittenen Strapazen des Transports noch unmittelbar hinterher. Keiner wusste, wie es weiter gehen würde, keiner verstand die Pläne der großen Politik. Mancher saß noch viele Jahre sozusagen auf gepackten Koffern. Würden die Deutschen zurückkommen? Würden die neuen Herrscher, die der Sowjetunion gehorchten, die Landkarte noch einmal verändern? Konnte man sich in den Häusern und Ortschaften der deutschen Vorgänger wirklich sicher und heimisch fühlen, dort Neues aufbauen?

Es gab erstmal eine vorübergehende Organisation. Häuser und Wohnungen wurden an die Umsiedler verteilt. Es wurden gewisse Verteilungsschlüssel erarbeitet und Maßstäbe dafür, wer was bekommt. Streit war an der Tagesordnung. Es gab natürlich auch viel Schiebung, Begünstigung und Benachteiligung.
Die Häuser und Wohnungen waren unterschiedlich gut ausgestattet. Zum Teil war der Hausrat zerstört und von der roten Armee ausgeplündert, zum anderen gab es aber durchaus noch kleine Kostbarkeiten. Das konnte gar nicht alles unter Kontrolle gehalten werden. Aber irgendwie wurde trotzdem verhältnismäßig schnell ein neues Gemeinwesen aufgebaut.
Tadeusz hatte die Aufgabe, in der Schule eine neue Gemeinschaft zu formen, eine Gemeinschaft der Kinder, die aus den verschiedensten Richtungen Polens mit ihren Familien nach Sulau gekommen waren. Alle hatten andere Voraussetzungen, waren mal mehr und mal weniger von den Kriegsgeschehnissen geschädigt. Manche hatten schon viel Schlimmes erlebt und alles verloren.
Tadeusz und die Schulkinder - das war dann ein sehr freundliches Kapitel für uns Zuhörer nach all dem Schweren. Denn in Tadeuszs Art lag es ganz einfach, nach vorne zuschauen, Neues zu wagen. Und er liebte die Kinder und jungen Leute. Das hörte man sofort an dem warmen Ton in seiner Stimme.

Wir haben viel gesungen. Jedes Kind durfte ein Lied aus seiner Gegend vorsingen. Und danach haben wir alle diese verschiedenen Lieder zusammen gesungen. Ich wollte, dass sich die Kinder in Sulau gemeinsam zu Hause fühlten. Sie sollten ihre neue Umgebung lieben. Ich bin mit ihnen durch die Landschaft gewandert, habe mit ihnen Pflanzen und Pilze gesammelt und Bäume gepflanzt.
Eine Birkenallee, die er zwischen den Teichen bei Ruda-Sulowska mit seinen Schulkindern gepflanzt hatte, konnten wir uns am nächsten Tag mit ihm ansehen.
Tadeusz erdichtete neue Lieder für die neue Heimat, gefühlvoll, aber immer mit dem Gewürz der leichten Ironie. Später, als wir ein bisschen mehr Polnisch konnten, hatten wir viel Freude daran.
Über die jüngste Geschichte, über die Vertreibung der Deutschen und die Zwangsumsiedlung der Polen durfte nach Kriegsende offiziell nicht geredet werden. Die Regierenden wollten bei den Menschen auslöschen, was geschehen war und sie ohne diesen Hintergrund für das kommunistische System gewinnen. Alles, was an die alte Heimat im Osten erinnerte, war tabu. Aber Erinnerungsgefühle lassen sich nun mal im Menschen schlecht auslöschen. Was öffentlich verboten war, blühte im Privaten um so kräftiger auf. Wenn man gemeinsam Heimatlieder sang, dann schloss man Fenster und Türen, aber sang sie doch mit voller Inbrunst. Das durften wir in den kommenden Jahren einige Male miterleben.
Und wie war das mit dem Unterricht in neuerer Geschichte? Hat Tadeusz als Lehrer den Kindern so viel von der erlebten Wahrheit erzählt wie uns, oder durfte er ihnen nur das weitergeben, was in den streng linientreuen kommunistischen Schulbüchern stand? Wieder reagierte er mit diesem ganz eigenen Tadeuszlächeln, irgendetwas zwischen Scherz und Ernst, zwischen Fantasie und Wirklichkeit drückte es aus. Das war nicht so schwierig. Erst habe ich erzählt, was in den Büchern steht, dann habe ich den Sohn vom Polizisten und die Kinder vom Parteisekretär fortgeschickt, um Bonbons für alle zu kaufen. Und in der Zeit habe ich den anderen Kindern etwas von dem erzählt, was ich wirklich erlebt habe.

Augenzwinkern. Wir lernten sehr schnell, dass man zwischen seinen Lachfältchen rund um die Augen herum immer einen Kern der Wahrheit ablesen konnte, aber nicht immer die wortwörtliche Wahrheit. Die Zeiten für buchstabengetreue Wahrheiten waren noch längst nicht gekommen. Und doch erfuhren wir von Tadeusz so Vieles, was unseren Horizont weit machte, was uns dieses Europa jenseits des eisernen Vorhangs politisch und menschlich nahebrachte. So nachfühlbar konnte man es in keiner noch so genauen Dokumentation erfahren. Tadeusz wollte uns einbeziehen, glaube ich, ganz bewußt. Er fing gleich am ersten Abend an, uns auf humorvoll-ernste Weise zu Botschaftern der gegenwärtigen, der polnischen Wirklichkeit in Niederschlesien zu machen.

Und dann erhob er wieder sein Gläschen, stand auf, schon ein bisschen schwankend, und verabschiedete sich spät in der Nacht zum Schlafengehen: Zum Wohl, meine lieben Freunde! Das alles ist schon Geschichte. Aber wir dürfen jetzt zusammensein. Das ist gut. Eine neue Zeit kommt. Prost!

Wie wir in dieser Restnacht geschlafen haben, weiß ich nicht mehr. Am Morgen schauten wir zum Fenster raus auf die Sulauer Kirche und den etwas abseits stehenden Glockenturm in seiner niedrigen Behäbigkeit mit schützendem, rundem Mützendach. Irgendwo gackerten Hühner. Es roch nach Kohlerauch aus den Schornsteinen, nach Frühling vom Garten her und aus der Küche nach Salzgurken, Sauerkraut, Weißkäse und Knoblauch. Die Gerüche kamen aus der Nähe und doch von weit her, aus einer fernen Zeit, aus einer Sulau-Zeit.

Und doch war es tür uns auch der Beginn einer neuen Sulau-Zeit. Wir besuchten Sulau, Schlesien und auch das ganze schöne polnische Land ab jetzt zu allen freien Tagen, im Sommerurlaub und in den Weihnachtsferien. Wir erlebten bei unseren Aufenthalten in Tadeuszs Familie mit seinem Sohn Andrzej, seiner Schwiegertochter Basia und seinen 3 Enkeln polnischen Alltag der achtziger Jahre mit allen politischen Hoffnungen und Enttäuschungen. Wir kannten die Sorgen, Nöte, aber auch die Freude und innige Freundschaft, die Menschen in Krisenzeiten verbinden kann. Schlangestehen vor fast leeren Geschäften, Lebensmittelmarken, aber auch die Freude über ein ergattertes Viertelpfundtück Butter - das alles kannte ich ja aus dem Erleben meiner Kindheit 40 Jahre zuvor. Wir sind uns im wahrsten Sinne des Wortes nahegekommen.
Tadeusz starb 1989. Ihm verdanken wir unendlich viel. Der warmherzige Kontakt zu seiner Familie ist mir aber bis heute geblieben.

Pracze
Der Fußweg von Sulau nach Pracze dauert etwa eine Stunde. Man geht am „Kemping“ vorbei, überquert dann bei der kleinen Schleuse die Bartsch. Danach gehts auf breitem Sandweg durch die Wälder. Wenn man aus dem Wald herauskommt sieht man schon die Häuser von Pracze und bald auch das Wahrzeichen, den alten Glockenturm.
Das Dorf Pracze liegt schon ein wenig höher als Sulau, sozusagen dort, wo das Bartschtal langsam ins Katzengebirge übergeht. Ehrlich gesagt, so sehr viel vom „Gebirge“ spürt man aber noch nicht. Hans liebte diese Richtung als Spazierweg in den Jahren unserer Sulau-Urlaube. Aber wir liebten auch gemeinsam all die anderen schönen Wege, die an den Teichen entlang bei Hammer-Sulau, den Weg durchs Bartschtal nach Milicz, die Wiesengegend rund um Łąki und Niezgoda.
Ob Sommer, Winter, Herbst oder Frühling, wir eroberten uns die Sulauer Umgebung mit unseren Füßen.
Beim Laufen in der Natur kann man gut denken. Man kann dabei auch besonders gut alle möglichen Dinge besprechen.
Und zu besprechen hatten wir immer viel, besonders in den Jahren, als wir merkten, dass wir etwas verändern mussten in unseren Lebensverhältnissen. Das Geschäft in unserem Naturkostladen lief nicht mehr sehr gut. Ich war sehr oft krank, und Hans schaffte die Arbeit im Laden dann auch immer schlechter, wenn er auf meine Mitarbeit verzichten musste. Wir beide waren ziemlich erschöpft von der Arbeit und den Sorgen.
Was tun? Wir trösteten uns damit, dass wir das mit dem Laden in Heilbronn nur noch ein paar Jahre weitermachen wollten, um uns dann irgendwo in der Sulauer Umgebung niederzulassen. Alles andere würde sich dann schon ergeben. Die Kinder waren erwachsen und aus dem Haus, lebten sowieso ein paar hundert Kilometer von uns entfernt. Warum sollten wir nicht etwas ganz Neues angehen? Aber konkret waren unsere Pläne überhaupt noch nicht.

Wir verbrachten wieder einmal ein paar freie Ostertage in Sulau bei Suchorowskis, Tadeusts Familie.
Das Frühlingswetter hatte die Landschaft mit solcher Heiterkeit überzogen, dass man alle Sorgen dieser Welt vergessen konnte. Wir zogen los auf lange Spaziergänge und machten dabei ein nettes Spiel. Wir wollten die Gegend auf mögliche Lieblingsplätze für unsere fantasierte Zukunft absuchen. Das machte Spaß. Überall war es schön, aber fast überall gab es auch klitzekleine Einwände. Hier war es zu einsam, dort zu dicht an anderen Häusern, woanders wieder war es so nah am Fluss, dass man Überschwemmungen fürchten musste, und wieder woanders war die Verkehrsstraße zu nah. Hans woltte es außerdem nicht total flach. Ein bisschen hügelich sollte es schon aussehen.
An einem Apriltag im Jahr 1995 durchwanderten wir die Gegend auf der anderen Seite der Bartsch. Die Vögel zwitscherten, die Schlehen blühten weiß, der Himmel stand blau über den Feldern, Wäldern, Bächen und Flüsschen. Die weißen Annemonen strahlten vom Waldrand her und an den Wiesenreinen blühten die kleinen blauen Veilchen. Enten schwammen auf dem Wasser und Störche reparierten ihre Nester. Postolin, Pracze, Kaszowo, Karminek......eine große, heitere Runde wanderten wir. Wir saßen an einem Bächlein, zogen Schuhe und Socken aus und hielten die Füße ins fließende Waser. Hier wäre es gut, sagte Hans. Irgendwo hier in der Gegend. Ich verstand sofort, was er meinte und stimmte mit einem Sehnsuchtsseufzer zu.
Ein bisschen verträumt und voll von wunderbaren Bildern, Düften und Tönen traten wir den Heimweg an. Basia und die ganze Familie saßen am Kaffeetisch und wollten von uns erzählt bekommen, wo wir waren.
Begeistert berichteten wir. Jacek sagte beiläufig, dass er gehört habe, in Pracze stünde ein Haus zum Verkauf. Das machte uns neugierig, wenigsten gucken konnten wir ja mal. Wir fuhren mit Jacek gleich nach dem Kaffee dahin. Aber da war nicht einfach ein Haus, da war ein vollständiges Gehöft mit großem Gelände, zu dem auch der Glockenturm gehörte, den wir so oft schon gesehen hatten. Vor dem Glockenturm blühte ein Pflaumenbäumchen und rund um das große Gelände leuchteten weiß unzählige Schlehenblüten. Eine freundliche alte Frau saß gebückt auf einem Bänkchen vor dem kleineren der Häuser in der Abendsonne und begrüßte uns, als hätte sie genau auf uns gewartet. Ihr Sohn kam dazu. Sie wollen das hier kaufen?
Ach, nein, nein, wir wollten einfach mal gucken.
Aber Sie können es doch kaufen? Sie sollten es tun. Bitteschön, ich zeige Ihnen alles. Und sofort nannte er uns einen Preis. Der klang nun wirklich nicht abschreckend. Und dann zeigte er uns alles, was dazugehörte, ein Wohnhaus, gegenüber ein kleineres Haus , in dem seine alte Mutter wohnte und auch weiterhin wohnen sollte. Mehrere Ställe, Scheunen und Schuppen. Und das alles geschlossen um einen großen Hof herumgebaut. Hinter dem Haupthaus (einer ehemaligen Wassermühle) war eine große Vertiefung im Gelände, umstanden von hohen Erlenbäumen. Hier war einmal der Mühlteich gewesen, der schon länger kein Wasser meht hatte. Aber man könnte den vorbeifließenden Bach wieder durch diese Mulde führen und darin zu einem Teich stauen, das wäre gar kein Problem. dann wäre es einfach wieder wie früher.
Das Gelände war nicht ganz eben, sondern leicht hügelig, ganz wie es Hans sich gewünscht hatte. Und mich lockte sofort der bevorstehende Teich. Wasser, gleich hinterm Haus. Etwas Besseres konnte es nicht geben. Natürlich sahen wir auch, wie verfallen das alles schon war. Aber dagegen konnte man ja nach und nach einiges tun. Eins war klar: wir hatten hier ein kleines Paradies vor uns, das kein Wenn und Aber und keinen Aufschub duldete.
Wir mussten nicht miteinander diskutieren und verhandeln. Alles war klar. Unsere Zukunft lag hier, genau da, wo unsere Füße standen. Schnell, eineindeutig und entschlossen meldete sich ein neues Leben.
Wir fuhren am nächsten Tag zurück nach Deutschland mit freudig klopfenden Herzen und den in Eile geschossenen Fotos in der Handtasche, die wir immer und immer wieder herausholten.
Ein Jahr später fing dann unser neues Leben in Pracze an. Es wäre viel zu mühsam und auch ein wenig langweilig, von all den Mühen, Formalitäten, dem Ärger und den vielen praktischen Arbeiten die in diesem Jahr dazwischen lagen, zu erzählen. Wir hatten ein Geschäft aufzulösen und einen Haushalt. Und mussten uns um grenzüberschreitende Betsimmungen kümmern. O je! Die Vorfreude ließ uns das alles aber ertragen und irgendwann lagen Aufbruch und Einzug ja auch hinter uns.
Der eigentliche Aufbau unserer Behausung und unseres neuen Lebens machte dagegen richtig Freude, gab Kraft und Mut. Wir platzten vor Pioniergeist und Schaffenslust.
Wir waren all die kommenden Jahre lang keinen Moment im Zweifel darüber, ob die Entscheidung, hier zu leben, richtig war. Und auch mein heutiges Leben sagt mir täglich, dass ich gut gelandet bin. Nahe beim lieben alten Sulau, und doch auch in einer gänzlich neuen Existenz mitten in meiner, in unserer Lieblingslandschaft. Nach Sulau komme ich immer wieder, bin bei Basia zu Besuch oder erledige irgendetwas anderes. Mit der Ecke, wo das ehemalige Pfarrhaus meiner Kindertage und die Kirche sind, verbindet mich auch im Alltag immer ein besonderes inniges Gefühl. Und immer wieder neu zeige ich das alles gern den Besuchern und erzähle Geschichten,
Geschichten von meinen Eltern, vom Grafen und seiner Frau, von Tante Frieda, von mir als kleinem Mädchen --- und natürlich ganz viel von Tadeusz und seiner Familie.

20 Jahre in Pracze
Seit 20 Jahren wohne ich hier. Hans hat mit mir 11 glückliche Jahre in diesem gemeinsam ausgestalteten Paradies gelebt. Er pflanzte Bäume und Büsche, kümmerte sich um Dorfkinder und Tiere, rechnete abends nach, welche Renovierungsvorhaben in unser Budget jeweils passten und suchte gute und nette Helfer aus unserem Dorf und der Umgebung. Er kaufte auf dem Markt ein, was ich hinterher zu Mahlzeiten verarbeitete, verbesserte seine Polnischkenntnisse, fuhr überall hin mit dem Fahrrad und wurde von allen als „Pan Kleks“ (eine freundliche Fantasiegestalt, aus bekannten Kindergeschichten, der Hans offensichtlich ähnelte) mit schmunzelnder Freundlichkeit geliebt.
Schon sehr bald ergab es sich, dass wir unsere Räumlichkeiten für die verschiedensten Veranstaltungen nutzen konnten. Die große Scheune mit ihrer baulichen Schönheit und ihrer guten Akustik wurde vor dem Verfall gerettet und wurde zum Treffpunkt „Zabi Rog“. Jeder, der wollte, hatte die Möglichkeit die Scheune für seine Darbietungen zu nutzen: für Musik, für Ausstellungen, für Treffen und kleine Konferenzen, ab und zu auch für Gottesdienste und Tanzabende, für Sprachkurse und Kinderbeschäftigung in der „Akademia Pana Kleksa“ („Die Akademie des Herrn Kleks“ - eine sehr bekannte Kinderlektüre). Da gab es ab und zu auch internationale Ereignisse und Treffen. Gäste kamen aus Polen und Deutschland, aus Holland und Frankreich, aus Armenien, Georgien , Weißrussland und Tschechien, ja sogar aus ferneren Kontinenten, aus Australien und Amerika..
Schulklassen, Fahrradtouristen, machten Ausflüge hierher. Wir haben eine freundliche Zusammenarbeit mit einer Einrichtung für Behinderte in Milicz, die uns auch gern besuchen.
Pfarrer beider christlicher Konfessionen interessierten sich für eine Ausstellung der regionalen Kirchengeschichte in der Hitlerzeit. Ja, einmal hatten wir sogar einen echten Bischof zu Besuch - mit lilafarbenem Kragen und einem Kreuz vor der Brust. Das hat natürlich im Dorf mächtig Eindruck gemacht.
Ja, unser liebes Dorf! Wir wurden hier ungeheuer freundlich aufgenommen und konnten immer mit Hilfe rechnen. Seit ein paar Jahren findet in Żabi Róg und auf dem dazugehörigen Gelände ein sommerliches Dorfpiknik statt. Das macht Spaß und schmiedet zusammen in Vorbereitung und Durchführung. Auch die „Universität des dritten Lebensalters“ aus Milicz hat eine Art Außenstelle hier. Sängerfeste unseres Miliczer Chörchens zusammen mit singenden Gästen aus anderen Ortschaften sind inzwischen schon Tradition.
Kürzlich haben wir sogar eine echte Hochzeit in unserer Scheune feiern können in ganz spezieller ländlicher Atmosphäre.
2013 wurde der alte Glockenturm restauriert und vor dem Verfall gerettet. 2014 war mein Haus und das Gelände Kulisse des letzten Films vom sehr bekannten, außergewöhnlichen Regisseur Krzysztof Krauze, der dann leider im gleichen Jahr starb. Auch der Tod gehört zum „vollen Leben“ auf Pracze13. Endgültigen, schmerzhaften Abschied nehmen musste ich immer wieder. 2007 starb mein Mann Hans, 2014 unser lieber, treuer Helfer Leszek, gute Nachbarn und Freunde wurden zu Grabe getragen. Auch starben im Laufe der Jahre unsere vertrauten 5 Ziegen: Lea, Debora, Batseba, Jessica und Judica. Einige Katzen kamen nie zurück; sie haben sich wohl zum Sterben irgendwo im Grünen zurückgezogen. Leben und Sterben geben sich die Hand. Das spürt man auf dem Land besonders unmittelbar - Menschen und Tiere sind darin vereint.
Ich bin sehr dankbar, dass ich jetzt 20 Jahre hier leben und wirken durfte. Ich habe darin Sinn und Ziel gefunden und wünsche mir, dass ich damit noch ein wenig weitermachen kann. Natürlich lässt meine Energie im Laufe der Jahre nach. Das 20 Jubiläum von Żabi Róg fiel zusammen mit dem Ende meines 75. Lebensjahres. Es treten andere Menschen an meine Seite. Das Rad ist angestoßen. Wohin es rollt in der Zukunft, weiß niemand. Doch bisher fühlt sich die Richtung gut an. Ich denke , dass es so weitergehen könnte. So oder auch etwas anders. Improvisation und Veränderungsfreude gehörten und gehören immer zu diesem Ort.

Bettina Harnischfeger (2017)





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