Julian Dax, geboren 1948, in Polen

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Ubi bene, ibi patria!


"Eigentlich sind wir damals nur wegen dir raus aus Polen." Dieser Satz, von meinem Vater später unzählige Male geäußert - mal als Vorwurf, dann wieder als Fakt - hat sich selbst nach langer Zeit unauslöschlich in mein Gedächtnis eingebrannt. Damals, das war im Falle meiner Eltern und mir das Jahr 1958 in Wroclaw. In Polen war Antisemitismus nach wie vor weit verbreitet, und zu meinen Kindheitserinnerungen gehören immer noch auch Beschimpfungen und Tätlichkeiten seitens meiner Klassenkameraden aufgrund der Tatsache, dass meine Eltern polnische Juden waren, was mich somit automatisch zum Mörder von Jesus Christus machte, zumindest in den Augen derjenigen Mitschüler, die entsprechend von zu Hause vorgeprägt waren. Auch wenn wir überhaupt nicht gläubig und dementsprechend auch äußerlich nicht vom Rest der Bevölkerung zu unterscheiden waren - der Umstand, dass ich in der Schule nicht am Religionsunterricht teilnahm, genügte vollauf, um mich zum verachtenswerten Au- ßenseiter zu stempeln.

So packten wir denn unsere Koffer und wanderten nach Israel aus. Für mich als Zehnjährigen war das nicht weiter tragisch; in Polen hatte ich ohnehin keine richtigen Freunde gehabt und zudem betrachtete ich es als eine Art von Abenteuer. Nicht nur bekamen wir vom Staat eine Unterkunft gestellt, sondern vom ersten Tag an intensiven Sprachunterricht, wobei ich zum ersten Mal feststellte, dass mir das Erlernen fremder Sprachen äußerst leicht fiel, auch in Be- zug auf Hebräisch mit seinen völlig neuen Schriftzeichen. Nach noch nicht einmal einem hal- ben Jahr beherrschte ich die Sprache sowohl mündlich als auch schriftlich ganz passabel.

Doch die Freude über mein neues "Vaterland" und meine neue "Muttersprache" währte nicht lange. Meine Eltern hatten Schwierigkeiten, ihre gelernten Berufe in Israel auszuüben, also entschlossen sie sich, weiter zu ziehen. So kamen wir - nach nicht einmal einjährigem Auf- enthalt in Israel- schließlich nach Deutschland, wo ein langjähriger Freund meines Vaters ihm bei der Existenzgründung behilflich war.

Da war ich also nun im Jahre 1959 in Deutschland angekommen. Polnisch und Hebräisch beherrschte ich mit meinen 11 Jahren, von Deutsch hatte ich absolut keine Ahnung, im Ge- gensatz zu meinen Eltern, die immerhin Jiddisch konnten, was ja bekanntlich eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Deutschen hat. Es half alles nichts. Wieder musste ich bei Null anfan- gen. Sprachkurse für Einwanderer gab es zu jener Zeit nicht, also steckte mich mein Vater kurzerhand in die vierte Klasse einer Grundschule in Mannheim. Auch wenn ich anfangs nur sehr wenig verstand von dem, was der Lehrer und meine Klassenkameraden von sich gaben, hatte ich doch zumindest unter keinerlei Vorurteilen zu leiden. Im Gegenteil - mein "Exoten- bonus" machte mich in den Augen vieler interessant und verhalf mir zu einer gewissen Son- derstellung innerhalb der Klasse. Vor allem aber half mir mein damaliger Deutschlehrer , wo er nur konnte und gab mir zusätzliche kostenlose Nachhilfestunden, die auf fruchtbaren Bo- den fielen. Zudem verschlang ich wahllos und gierig Kinderbücher, Comics oder Illustrierte, suchte möglichst oft das Gespräch mit meinen Mitschülern, saß mindestens einmal in der Woche im Kino und merkte schon sehr bald, dass mir auch diese neue Sprache keine nen- nenswerten Schwierigkeiten bereitete. Nachdem ich zur Sicherheit auch noch die fünfte Grundschulklasse absolviert hatte, meldeten mich meine Eltern am Gymnasium an, wo man seinerzeit in den Fächern Deutsch und Mathematik eine Aufnahmeprüfung machen musste. Nachdem ich diese bestanden hatte, wurde ich Sextaner am neusprachlichen TullaGymnasium in Mannheim, das ich bis zum Abitur besuchte.

Vielleicht erscheint es einigen merkwürdig, dass ich mich entschied, danach ausgerechnet Deutsch zu studieren, eine Sprache also, die ich quasi erst aus zweiter Hand erworben hatte und die zudem auch noch die Muttersprache derer ist, die für die komplette Vernichtung der Familien meiner Eltern verantwortlich waren, doch diese Gedanken kamen mir selber eigentlich nie, immer wurden sie von Freunden und Bekannten geäußert. Und so pflege ich auf Fragen nach meinem Vaterland bzw. meiner Muttersprache – zwei Begriffe, die mir bis zum heutigen Tag ebenso suspekt sind wie Nationalflaggen und übersteigerter Patriotismus jeglicher Art – mit dem für viele Mitmenschen nach wie vor ketzerischen lateinischen  Ausspruch zu antworten: „Ubi bene, ibi patria!“ (Wo es mir gut geht, da ist mein Vaterland!)

Julian Dax







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