Kosovo


Ilirianë A. Maxharraj (geb.1992) in Kosova

zu Momente der Stille

Kinderbild

 

Übersicht Erzählwerkstatt

Momente der Stille


“Es gibt Zeiten, da hat Stille die lauteste Stimme “

Leroy Brownlow

 

November 1995, Flughafen, Zürich
Eine junge Mutter steht in der Schlange zur Passkontrolle. Auf der linken Schulter trägt sie eine Tasche, auf der rechten Seite hält sie ihre Tochter im Arm. Zu ihren Füßen halten sich ihre zwei kleinen Söhne an den Händen. Sie ermahnt die beiden, bei ihr zu bleiben und nicht loszulassen. Ihre Hand zittert, von der Anstrengung, ihr Kind zu halten. Wenn man genauer hinsieht, erkennt man ihre Augenringe; vielleicht würde sogar jemand bemerken, dass sie nervös ist, ängstlich.

Nun ist sie an der Reihe. Sie versteht kein Deutsch, kein Englisch.

Hat nur den Pass in der Hand und ein Stück Papier mit einer Adresse, um zu zeigen, wohin sie geht. Der Beamte lässt sie passieren. Um ihr Zittern zu verbergen, gab sie dem Beamten die Dokumente mit der Hand, mit der sie ihre Tochter hielt. Ihr Mann hatte viel Geld bezahlt, um sie und ihre Kinder sicher nach Deutschland zu bringen. Am Ende des Flures sind Treppen, sie geht jetzt zügig, jedoch mit Vorsicht. Damit ihre beiden Jungen nicht hinfallen.

Endlich erblickt sie ihren Mann. Geschafft.

– Aufatmen –

 

Eine Nacht im Jahre 1999, eine Wohnung, Untergruppenbach
Ein kleines Mädchen legt sich schlafen. Links von ihr sind ihre Puppen und ihre Plüschtiere liebevoll aufgereiht. An der Wand gegenüber das große Fenster. Ihre Brüder, nicht viel älter

als sie, unterhalten sich. Sie freut sich darüber, fühlt sich sicher. Umgeben von ihren Spielsachen und den Stimmen ihrer Brüder fühlt sie sich sicher. Sie hat Angst als Letzte einzuschlafen, weil dann die bedrückende Stille in ihren Ohren summt. Eine Leere, von der sie denkt, dass sie jeden Augenblick von vermummten, bewaffneten Männern, die durch die Fenster kommen, unterbrochen werden kann. Sie versteht nicht, dass sie und ihre Familie hier sicher sind, dass die Bilder im Fernsehen weit weg sind, die ihre Eltern in den Nachrichten mit Angst verfolgen.

Bilder von Menschen, die mit ihren wenigen Habseligkeiten flüchten. Auch ihnen ist die Angst im Gesicht abzulesen. Hilflose Menschen, die mit Tränen in den Augen erzählen, wie sie fliehen konnten, wen sie zurücklassen mussten. Die Gewissheit, dass dieser Mensch nun tot ist oder die Ungewissheit, was mit einem anderen geliebten Menschen geschehen ist.

Sie versteht nicht, dass diese Verbrechen weit weg sind. An einem 2.000 km entfernten Ort namens Kosova. Eine Heimat, an die sie sich nicht erinnern kann.

Ihre Eltern erzählen ihr von Großmüttern, Onkeln, Tanten. Von einer Familie. Sie kennt sie alle nicht, hat ihre Gesichter nicht vor Augen. Nur die Stimme ihres Opas kennt sie, eine raue, beruhigende Stimme, die sie ab und an am Telefon hören darf. Die Kleine versteht jedoch, dass diese schrecklichen Dinge, die in den Nachrichten gezeigt werden, jene Menschen durchleben. Ihre Familie. In ihrer Heimat. Diese Menschen gehören zu ihr und sie zu ihnen. Wird sie auch flüchten müssen und geliebte Menschen zurücklassen?

Männer mit Waffen werden sie von ihrem Vater trennen. Sie wird ihre Mutter aus den Augen verlieren. Untergehen in einer Menschenmasse, deren Alltag aus Gewalt und Schrecken besteht. Solange sie die Stimmen ihrer Brüder hört, fühlt sie sich sicher. Und wenn sie genau hinhört, so hört sie nebenan auch die Stimmen ihrer Eltern, die sich unterhalten.

Stille tritt erst dann ein, wenn ihre Eltern vor dem Fernseher sitzen. Auf ein Bild in den Nachrichten warten, das ein bekanntes Gesicht oder einen Ort zeigt, den sie wiedererkennen.

Stille tritt auch erst dann ein, wenn sie als Letzte einschläft.

 

Frühling 2000, ein Klassenzimmer, Untergruppenbach
Sie sitzt in der Mitte des Klassenzimmers. Ihre Lehrerin steht nur ein paar Meter vor ihr an der Tafel. Das Rascheln und Flüstern ihrer Mitschüler umgibt sie. Die Stimme ihrer Lehrerin. Das reibende, leise Geräusch der Kreide an der Tafel. Das Brummen entfernter Autos.

Sie versucht sich ihren Großvater vorzustellen. Als ihre Eltern beschlossen, ihre Heimat zu verlassen, war sie zu klein, um sich an ihn zu erinnern. Kennt diese Heimat nur von Erzählungen und den wenigen Bildern, die ihrer Familie zugeschickt wurden. Bilder von ernsten Erwachsenen und lachenden Kindern.

Im Hintergrund ein verbranntes Haus. Ihr Vater sagt, das sei ihr Zuhause. In aller Ruhe erklärt er ihr, wie ihre Onkel und Tanten, Cousinen und Cousins heißen, wie alt sie sind.

Sein Lächeln ist traurig.

Er erzählt gern von dieser Familie, die sie nicht kennt. Am liebsten Geschichten von seinem Vater, ihrem Großvater. Sie weiß, dass er krank ist. Im Sterben liegt. Trotz ihres jungen Alters versteht sie, dass sie ihn nie persönlich kennen lernen wird. Dass er nie sehen wird, wie groß sie geworden ist. Wird niemals erfahren, ob er sie auch wirklich liebte, so wie ihre Eltern es ihr oftmals sagen. Jeden dritten Monat kommt ein Brief, der ihnen mitteilt, ob sie und ihre Familie nun nach Kosova zurückkehren müssen oder weiterhin in Deutschland bleiben dürfen.

Sie möchte bleiben.

Sie mag ihre Freunde und ihre nette Nachbarin, die ihr im Sommer immer ein Eis schenkt. Sie mag auch ihre Lehrerin und die Schule. Und doch, in diesem Moment, in dem sie so verzweifelt versucht, sich ihren Großvater vorzustellen, da wünscht sie sich nichts sehnlicher, als in diese fremde Heimat zurückzukehren.
Stille umgibt sie. Jene Geräusche, die ihr Umfeld ausfüllten, sind verschwunden. Nur dunkel nimmt sie wahr, dass sie weint. Tränen verschleiern ihren Blick. Ihre Lehrerin tritt auf sie zu. Sie versucht mit aller Kraft dieses Schweigen zu durchbrechen. Sie will erklären, warum sie traurig ist, warum sie weint. Warum jetzt.

Warum sie.

Sie kämpft darum, dieser Lautlosigkeit zu entkommen. Sie spürt ihr Schluchzen, kann es aber nicht hören. Ihr Nebensitzer steht auf. Er steckt sich hastig sein T-Shirt in die Hose und zieht diese weit über den Bauchnabel hoch. Er schneidet Grimassen. Er lächelt sie an; genauso wie ihre Cousinen und Cousins auf den Bildern.
Und endlich gelingt es ihr, die Stille zu durchbrechen. Unter Tränen lächelt sie. Lacht über ihn und über sich. Entfernt hört sie das brummende Geräusch eines vorbeifahrenden Autos.

 

Ein Tag am Meer
Es ist ein stürmischer Tag. Ein junges Mädchen blickt auf das Meer hinaus. Sie steht hüfthoch im Wasser. Die Wellen brechen an ihr. Sie konzentriert sich darauf, steht sicher. Die Wellen sind unterschiedlich stark. Bei der nächsten Welle lässt sie sich treiben und wird von der Strömung mitgezogen. Sie genießt das Gefühl.

Sie taucht auf, braucht Luft zum Atmen. Doch genau in diesem Moment bricht die nächste Welle über sie herein. Sie verliert die Kontrolle über ihren Körper, über ihre Gedanken. Das Meer rauscht in ihren Ohren. Das Wasser ist ganz trüb vom herumwirbelnden Sand.

Die Welle geht über sie weg. Sie hat wieder festen Boden unter den Füßen und holt tief Luft.

Die Entwicklung eines jungen Menschen ist von diesen Momenten unter Wasser geprägt. Strömungen, die einen mitreißen. Sand, der einem die Sicht nimmt. Wasser, das einem den Atem raubt.

Wirre Gedanken sind ein ständiger Begleiter.

Steht man richtig und hat festen Boden unter den Füßen, genießt man die Welle. Lässt man sich treiben, reißt sie einen in die Tiefe.

 

Früher Abend, Juni 2013, Bushaltestelle, Konstanz
Eine junge Frau steigt schwungvoll die Treppen hoch. Sie summt leise zur Musik, die sie durch ihre Kopfhörer hören kann. Sie lehnt sich an eine Wand. Schaut sich an der belebten Bushaltestelle um und dann auf die Uhr. In 15 Minuten wird ihr Bus kommen. Ein alter Mann, rechts von ihr, lächelt ihr zu. Sie lächelt höflich zurück. Er spricht sie an, doch die Worte werden von der Musik in ihren Ohren verschluckt. Sie entfernt die Ohrstöpsel. Sie unterhalten sich.

Über Busse, die niemals pünktlich sind, über die Bahn, die noch schlimmer ist, über das sonst so launische Wetter. In ihrer Kultur ist es eine Selbstverständlichkeit, sich mit fremden Menschen zu unterhalten, sich damit die Wartezeiten angenehmer zu gestalten. Schon oft saß sie im Flugzeug, Zug oder Bus, umgeben von albanischen Landsleuten, und jedes Mal, meistens von den älteren Passagieren in ihrer Nähe, wurde sie angesprochen. Am liebsten unterhalten sich Albaner über ihre Herkunft und oft genug stellt sich heraus, dass man über tausend Ecken gemeinsame Verwandte oder Bekannte hat.

 

Es geschieht nicht so oft, dass man in Deutschland von Fremden angesprochen wird, doch auch nicht so selten, dass sie sich darüber wundert. Sie fragt sich, ob er wohl niemanden zu Hause hat, niemanden, mit dem er sich austauschen kann. Ob er wohl alleine ist und sich deswegen mit einer Fremden so gesprächig zeigt. Dieser Gedanke macht sie traurig, und so unterhält sie sich weiter mit ihm.
Er fragt sie nach ihrer Herkunft. Sie antwortet. Ihre Antwort scheint ihm zu gefallen, denn er tritt lächelnd auf sie zu. Er packt sie am Unterarm und lächelt weiter. Überrascht und beunruhigt über seine Nähe, sein Lächeln und insbesondere über seine Kraft, mit der er zupackt, erstarrt sie. Er hat beschlossen, sie jetzt mit sich nach Hause zu nehmen. Er sagt, er hat eine große Wohnung:
"Du bist doch nur eine Ausländerin, die jemand braucht, der sich um dich kümmert" - und er sei dieser Mensch. Er hätte das nun so beschlossen, und sie solle ihn begleiten. Ihr vor ein paar Sekunden noch fröhliches Gesicht ist blass geworden. Ihr Arm schmerzt. Sie schaut sich um. Sucht Hilfe. Sucht und findet nur betretenes Schweigen und Gesichter, die sich abwenden. Sie fühlt sich taub. Taub in den Ohren, taub in den Händen, taub im Magen. Die Menschen um sie herum ignorieren sie. Tauchen sie in eine fast vergessene Stille. Eine Stille, die sie umschließt und gefangen nimmt, wie der Nebel den Berg im tiefen Winter. Wie eine eiserne Hand, die sich um ihre Sinne schließt.
Es sind nur Sekunden vergangen. Er zerrt immer noch an ihrem Arm. Sie fühlt sich wie ein hilfloses Lamm, das man zum Schlächter führt. Wut packt sie. Ihre Sinne kehren zurück. Ihr Mut. Sie reißt sich los. Schreit ihn an. Schreit aus Wut und Empörung. Auch darüber, dass alle weggeschaut haben. Schreit, weil niemand für sie schreien will. Schreit um dem Nebel, der Stille zu entfliehen.

Sie atmet tief ein, geht weg, nimmt ihre Kopfhörer und sucht Trost in der Musik. Trost, den die Menschen um sie herum ihr hätten geben müssen.

 

Sommer 2013, Nacht, See, Rhein, Konstanz
Eine junge Frau und ihre Freunde sind in einer späten Nacht am See. Einige sitzen am Ufer, andere schwimmen. Zwei Mutige gehen mehrmals die Fahrradbrücke entlang, klettern auf das Geländer und springen mit einem Schrei ins Wasser. Auch die junge Frau möchte springen. Sie läuft mit hoch zur Brücke. Klettert mit unsicheren Beinen auf das Geländer. Hält sich am Pfosten einer Straßenlaterne fest.
Der Erste springt.

Sie hält sich immer noch fest. Schaut in die Tiefe. Versucht die Entfernung abzuschätzen. Sechs, vielleicht sieben Meter. Sie schluckt.

Der Zweite steht neben ihr. Er bemerkt ihre Unsicherheit, spricht über komische Dinge, um sie abzulenken. Zunächst verwirrt, hört sie ihm zu, begreift dann und lacht.

Von unten ertönt ein ungeduldiger Ruf. Springt!

Beide reden nun auf sie ein.

"Seid doch still!"

60 Sekunden braucht sie, um nachzudenken. Sie schaut ein weiteres Mal hinunter. Ihr Griff um den Laternenpfosten wird fester. Sie ist freiwillig hier, hier auf dieser Brücke, zu genau dieser Zeit. Es ist ihre eigene Entscheidung. Sie will springen; zurücklaufen kommt nicht in Frage. Dann würde sie sich wie ein Feigling fühlen.

Trau dich! Spring! Es sind schon viele vor ihr gesprungen, und es werden auch viele nach ihr von dieser Brücke springen.

Wie ein Mantra wiederholt sie es – Trau dich! Spring!

Sie will es, sie hat das so entschieden. Um sich selbst zu beweisen, um etwas Neues zu probieren. Um im hohen Alter auf diesen Moment mit einem Lächeln zurückschauen zu können. Es spielt keine Rolle, warum sie es will.

"Spring endlich!"

Nun ist auch sie ungeduldig. Sie schaut nach rechts. Bittet mit einem unsicheren Lächeln gemeinsam auf Drei zu springen.

Sie holt tief Luft.

Eins…

Sie löst ihre Hand vom Pfosten, ihrer letzten Sicherheit.

Zwei...

Sie blickt hinunter. Verflucht sich, für einen kurzen Moment.

Drei…

Sie springt.

Ein Gefühl der Schwerelosigkeit, der Sorglosigkeit erfasst sie.

Gedanken rasen durch ihren Kopf.

Ihre Seele und ihr Körper, verlassen von Bedenken, Ängsten, Sorgen. Endlosigkeit. Zeitlosigkeit, in realen Zahlen nicht messbar..

Sie taucht in das Wasser hinab. Sinkt in die Tiefe, schwimmt kurz darauf an die Oberfläche und holt Luft. Ihr freudiger Schrei ist weit zu hören. Endlich hat sie die Stille durchbrochen.

Redigiert von Lilo Klug





  deutsch   deutsch

  Hier können Sie alle Themen
  und Beiträge durchsuchen




Go Login

Sie sind noch kein Mitglied und möchten 

trotzdem regelmässig über die
Aktivitäten von Diaphania informiert werden?


Hier können Sie sich für die Newsletter
unseres Vereins anmelden:

 
 
Go {LOGIN}

Impressum | Datenschutz | Sitemap | Englisch