Kasachstan


Elena Steblau, geboren 1963 in Kasachstan

 

Übersicht Erzählwerkstatt

Hier bin ich Mensch, hier darf ich’s sein

Land und Leute


Ich kam in Tschimkent zur Welt. Diese Stadt liegt im Süden von Kasachstan, an der Grenze zu Usbekistan.

In Kasachstan ist die Amtssprache Russisch, aber die Bevölkerung spricht im Wesentlichen Kasachisch, eine Turksprache. Die Religion ist muslimisch. Das Aussehen der Menschen ist teilweise asiatisch, denn es leben dort verschiedene nicht europäische Stämme.

Die Hitze im Sommer ist kaum erträglich; in den Städten kann sie dann über 50 Grad im Schatten betragen. Baumwollfelder sind charakteristisch für diese Gegend.

Vor dem Krieg lebten die Deutschen in Russland an der Wolga oder in dem Gebiet um den Don. Unter Stalin wurden sie deportiert, zum Teil in Zwangslager geschickt, wo mein Großvater umkam. Meine Mutter war erst ein Jahr alt, als sie mit ihren Eltern zwangsumgesiedelt wurde.

Unsere Vorfahren kamen ursprünglich aus dem Schwäbischen, in der Gegend von Ravensburg.

Meine Kindheit

Als Kind verbrachte ich die meiste Zeit bei meiner Großmutter, die für mich sehr prägend wurde. Meine Mutter , die studiert hatte, war in der Erwachsenenbildung tätig. Meine Großmutter sprach nur Deutsch mit mir. Aber als ich sieben Jahre alt war, schämte ich mich in russischer Umgebung, Deutsch zu reden.

Ausbildung

Ich besuchte eine Schule mit bilingualem Zug, wo ich neben Russisch auch Englisch lernte. Deutsch durfte in Großstädten nicht gelehrt werden. Meine große Liebe galt der französischen Sprache, die ich an der Universität in Taschkent drei Jahre lang studierte.

Leider war es mir in der Zeit des Kalten Krieges nicht möglich, nach Frankreich zu reisen, um mit Muttersprachlern zu reden. Mit 23 Jahren schloss ich mein Studium mit einem Masterdiplom in Literatur, Englisch und Französisch ab.

Wir hatten schon immer brieflichen Kontakt mit Verwandten in Deutschland, wo mein Großonkel mit seiner Familie lebte. Er war schon während des 2. Weltkriegs dorthin ausgewandert. Im Jahr 1987, zur Zeit der Perestroika, war es mir zum ersten Mal möglich, Deutschland zu besuchen. Die Begrüßung am Frankfurter Flughafen, wo mich meine

Verwandtschaft abholte, und die Fahrt nach Aichstätten war lustig, da ich zwar Deutsch verstand, aber es kaum mehr sprechen konnte, und meine Cousinen und Cousins natürlich kein Russisch sprachen.

So wichen wir eben zwei Stunden lang auf das Englische aus.

Aussiedlung

Nachdem ich nach Kasachstan zurückgekehrt war und inzwischen geheiratet hatte, zogen wir nach St.Petersburg, wo mein Mann seine Doktorarbeit schrieb. Für mich als Deutsche war es dort sehr schwierig, eine Arbeit zu finden. Deshalb entschlossen wir uns, nach Deutschland auszusiedeln. Eigentlich wollten wir ursprünglich nach Kanada auswandern, aber diese Pläne zerschlugen sich.

Unsere erste Station war Magdeburg, wo wir sehr freundlich aufgenommen wurden. Dort mussten wir nicht lange unsere Situation erklären. Wir wurden sofort als Deutsche und nicht als „Russen“ akzeptiert Danach zogen wir nach Reinfeld in Norddeutschland um, und mein Mann fand in Hannover Arbeit in seinem Beruf. In Reinfeld lebten wir zunächst sehr beengt in einem Übergangswohnheim mit vielen anderen Nationalitäten zusammen, bis wir eine größere Wohnung fanden. Die Menschen in Norddeutschland sind keineswegs kühl, wie sie oft beschrieben werden. Sie suchten Kontakt zu uns, der z.T. heute noch besteht. Der berühmte Dichter Matthias Claudius, der aus Reinfeld stammt, hat mit seinen Werken auch dazu beigetragen, dass wir die deutsche Sprache lieben lernten.

Da das Angebot an Arbeit in dem Arbeitsgebiet meines Mannes im Süden attraktiver war als im Norden, zogen wir nach Heilbronn. Ich fühlte mich anfangs etwas verloren, denn der schwäbische Dialekt Ist für Nichtschwaben nicht leicht zu verstehen. Auch ist die Mentalität der Schwaben von der der Norddeutschen ziemlich verschieden.

Die Situation der Kinder

Unsere Töchter waren 5 Jahre alt, als sie in Norddeutschland in den Kindergarten kamen. Sie durchlebten dort eine schwierige Zeit, bis sie die Sprache richtig verstanden. Es dauerte eine gewisse Zeit, bis sie nicht nur geduldet, sondern als gleichwertig anerkannt wurden. Man gab sich wenig Mühe, die Mädchen zu trösten, wenn sie weinten, ja, eine Erzieherin lernte nicht einmal ihre Namen. Für sie waren es „die Mädchen mit den langen Haaren“. Zum Glück konnten sie sich als Zwillinge gegenseitig unterstützen.

Im privaten Rahmen war die Situation viel besser. Die beiden Mädchen wurden ganz selbstverständlich zu Kindergeburtstagen eingeladen. In Heilbronn kamen sie in die dritte Grundschulklasse. Der Übergang von der Schule in Norddeutschland in die Schule hier gelang ohne Schwierigkeiten. Die Mädchen sprachen und lasen Deutsch so gut, dass sie sogar an Vorlesewettbewerben teilnehmen durften. Die Mitschülerinnen und Mitschüler „schwäbelten“ doch zu sehr. Sie hatten nicht den Vorteil , Deutsch, wie man es in Norddeutschland spricht, gelernt zu haben.

Später durfte eine meiner Töchter sogar an der Fremdsprachenolympiade teilnehmen. Auch spielten beide im Jugendblasorchester der Musikschule mit und schlossen sich verschiedenen Sportvereinen an. Für sie ist Integration vollständig gelungen. Das zeigt sich u.a.daran, dass auch sie „schwäbeln“ können.

Der Wert der Freiheit

Wie wichtig das Gefühl der Freiheit ist, wurde mir besonders bewusst, als ich in St. Petersburg und Taschkent meine alten Freunde besuchte.

Ich war so enttäuscht, dass ich ein Drittel meines Urlaubs nur mit Behördengängen „verplempern“ musste. Bei An-und Abmeldungen wurde ich unentwegt von hier nach da geschickt. Das Ausfüllen von Formularen nahm  kein Ende.  Es war zum Verzweifeln. Auch denke ich, dass in Deutschland mehr Gerechtigkeit und weniger Willkür herrscht.

Wie man sich das Leben leichter macht

Um akzeptiert zu werden, sollte man nicht zu Hause sitzen, sondern selbst die Initiative ergreifen. Man muss sich öffnen und auf die Menschen zugehen.

So habe ich inzwischen gute Freunde gefunden, nicht nur unter den Einheimischen, sondern auch unter Nichteinheimischen. Ich bin inzwischen mit Menschen verschiedener kultureller Hintergründe befreundet. Ich freue mich über die Bereicherung, die mein Leben dadurch erfahren hat.

Wir sollten nicht so sehr darauf schauen, welcher Nationalität jemand angehört, sondern was für ein Mensch er oder sie ist. Freundschaften zu knüpfen und zu halten und Vorurteile abzubauen, das ist meiner Ansicht nach der Weg zum Frieden.

Die Knöpflesrunde (ehrenamtliche Tätigkeiten)

In einem Seniorenheim, in dem ich mich ursprünglich als ehrenamtliche Vorleserin gemeldet hatte, wurde ich zur Leiterin eines Handarbeitskreises befördert. Handarbeit ist bei älteren Leuten sehr beliebt, denn man betätigt sich dabei sinnvoll und hat zudem die Gelegenheit, sich zwanglos zu unterhalten.

Auch in der Kirchengemeinde mache ich mich nützlich, wo ich mich in der Nachbarschaftshilfe engagierte, wobei ich hauptsächlich ältere Menschen in ihrem Alltag unterstützte. Diese Tätigkeiten, neben meinem Beruf als Lehrerin, geben mir Zufriedenheit und Selbstvertrauen und stärken so mein Selbstwertgefühl.

Ausblick

Ich bin glücklich, hier zu sein. Ich trauere nicht dem nach, was in der Vergangenheit war. Heimat ist für mich dort, wo meine Kultur, Sprache und Tradition gepflegt wird und wo auch meine Religion ihren festen Platz hat.

Die Lebensgeschichte wurde von Rudolf Holzwarth weitererzählt.







Impressum | Datenschutz | Sitemap | Englisch