Jugoslawien


Josip Juratovic, geboren 1959 in Jugoslawien, heute Kroatien

Kindheit

Novimost

NSU-Prinz

Audi

Gundelheim

Wahl 2005


Übersicht Erzählwerkstatt

Vom Fließband in den Bundestag


Wie ich als erster Gastarbeiter ins deutsche Parlament gewählt wurde.

Meine Ankunft in Deutschland
Als ich 1974 aus dem kroatischen Koprivnica nach Deutschland kam, war ich 15 Jahre alt. Ich folgte meiner Mutter, die bereits einige Jahre zuvor nach Gundelsheim ausgewandert war. Eines meiner ersten Erlebnisse in Deutschland war das Sommerlager des örtlichen Roten Kreuzes im Schwarzwald. Ich lernte sofort, dass die deutsche Sprache Eintrittsvoraussetzung war, um mit den anderen Jugendlichen in Kontakt zu kommen. Ich nahm diese Herausforderung an.
In Gundelsheim war ich auch wegen der Sprache sehr schnell in der Jugend-Szene integriert, zumal ich ein sehr kontaktfreudiger Mensch bin. Weil es in Gundelsheim keinen Ort für uns Jugendliche gab und wir nicht mit den Älteren in den Kneipen herumhängen wollten, lud ich meine Freunde oft zu mir nach Hause ein. Auch wenn meine Mutter gerne viele Leute bekochte, waren wir bald mit der Situation unzufrieden, denn wir wollten unter uns sein. Uns war klar: Wir brauchen einen Jugendtreff. Wir traten in Verhandlungen mit der Stadtverwaltung und erreichten nach der Überwindung einiger Hürden unser Ziel. Genau genommen war dies mein erster politischer Erfolg.

Mein Weg zur SPD
Zur SPD kam ich mit 23 Jahren. Ich hatte zunächst meinen Hauptschulabschluss in Gundelsheim erlangt, anschließend mangels Ausbildungsplatz ein Jahr die Berufsfachschule Metall in Neckarsulm besucht und dann eine Lehre zum Kfz-Mechaniker in Bad Rappenau absolviert. Meinen ersten Job bekam ich bei einer Kfz-Werkstatt in Mannheim. In dieser Zeit entdeckte ich in der Mannheimer Fußgängerzone einen Infostand der SPD. Spontan ging ich hin und fragte den wackeren Genossen unter dem SPD-Schirm, ob ich denn als Ausländer auch bei der SPD mitmachen dürfe. Er wusste dies nicht und musste erst einmal seinen Vorsitzenden fragen. Ich durfte.
Ich hielt es in Mannheim allerdings nicht lange aus, meine Freunde fehlten mir. So wechselte ich bald in eine Kfz-Werkstatt im nahen Bad Friedrichshall und erhielt binnen Jahresfrist einen Job bei Audi in Neckarsulm. In Gundelsheim, der CDU-Hochburg des Landkreises Heilbronn, gründete ich 1984 eine Juso-Gruppe und übernahm gleich auch den Vorsitz des von mir reaktivierten SPD-Ortsvereins.

Als Arbeitnehmervertreter in den Betriebsrat
Mit dem Eintritt in die Audi AG kam ich auch zur IG Metall und war schnell Vertrauensmann. Zunächst war ich sieben Jahre am Fließband als Lackierer beschäftigt und konnte später in die Qualitätssicherung wechseln. Die Lackiererei war damals eine unbeliebte und sehr ungesunde Tätigkeit. Neben mir waren fast nur ausländische Kollegen am Band eingesetzt, die häufig schlecht Deutsch sprachen. Ich wollte das ändern, deswegen habe ich angefangen, auf Deutsch Geschichten zu erzählen, vor allem aus der Bibel. Wir entdeckten viele Gemeinsamkeiten zwischen Christentum und Islam. Auch als Vertrauensmann war ich sehr geschätzt und hoffte, bald Betriebsrat zu werden.
Einmal nahm mich der damalige Betriebsratsvorsitzende zur Seite und erklärte mir, dass ich mit der „reinen Lehre“ nichts gewinnen werde. Wer etwas für die Arbeitnehmer erreichen wolle, dem gelinge dies nicht mit der bestmöglichen Opposition gegenüber dem Arbeitgeber. Stattdessen müssten durch ein kooperatives Verhältnis zum Arbeitgeber Möglichkeiten der Mitgestaltung aufgebaut werden. Pragmatisches Handeln ist ein steiniger Weg, lernte ich. Für mich war dieses kurze Gespräch ein Schlüsselereignis. Im Jahr 2000 wurde ich schließlich in den Betriebsrat gewählt.

Friedensarbeit auf dem Balkan
Auch ein anderes, trauriges Ereignis prägte mich in den 1990er Jahren: die gewalttätige Auflösung meines Geburtslandes Jugoslawien. Ich musste erfahren, wie blinder Nationalismus und Dogmatismus zu Krieg und Gewalt führen können. Frühere Nachbarn, die kurze Zeit vorher noch gemeinsam gefeiert hatten, kämpften plötzlich gegeneinander.
Ich wollte und konnte aus dem fernen Deutschland nicht tatenlos zusehen und gründete innerhalb der IG Metall die Friedensinitiative „Novi Most – Neue Brücke“, in der sich in Deutschland lebende Ex-Jugoslawen aus allen Teilrepubliken zusammenschlossen. Als Vertreter von Novi Most traf ich auf dem Balkan mit einem kleinen Kreis von Intellektuellen zusammen, um friedliche Wege aus der Situation zu finden. Für die kroatische Regierung unter Franjo Tuđman galt ich jedoch als Volksverräter. Der Sabor, das kroatische Parlament, erklärte mich 1995 für „vogelfrei“.1
Auch wenn meiner Ansicht nach keine Gesellschaft immun ist gegen Gewalt, kann Frieden am besten von einer demokratischen Bürgergesellschaft garantiert werden. Ich habe deswegen Ende der 1990er Jahre begonnen, mich am Wiederaufbau der Gewerkschaften auf dem Balkan zu beteiligen, seit 2000 auch als Vertrauensmann für Internationales beim Bundesvorstand der IG Metall. Meine Hoffnung ist die Jugend. Deswegen veranstaltete ich auf dem Balkan Seminare, an denen Jugendvertreter aus allen Nachfolgerepubliken Jugoslawiens gemeinsam teilnahmen.

Durch intensive Parteiarbeit zur Wahlkreisnominierung
Mein parteipolitisches Engagement führte mich in den 1990er Jahren aus Gundelsheim in den SPD-Kreisvorstand Heilbronn-Land und den baden-württembergischen SPD-Landesvorstand. Meine Familie musste mich abends und am Wochenende häufig wegen Parteiversammlungen und SPD-Festen entbehren. Besonderen Kontakt hielt ich auf Kreis- wie auf Landesebene zu der Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmer und zu den Jungsozialisten.
1998 nahm ich die deutsche Staatsbürgerschaft an und wurde 2004 in den Gundelsheimer Stadtrat gewählt. Ende 2004 startete in der Heilbronner SPD der Auswahlprozess für die nächste Bundestagskandidatur, da der ehemalige SPD-Abgeordnete Harald Friese 2002 nicht wiedergewählt worden war und auf eine erneute Kandidatur verzichtete. Die Findungskommission verwarf mehrere Bewerbungen, darunter auch meine. Dabei spielten mit Sicherheit auch mein Migrations- und mein Arbeiterhintergrund eine Rolle. Dies ist durchaus nachvollziehbar, denn es ist für eine Volkspartei nicht einfach, mit einem Gastarbeiter auf Stimmenfang zu gehen. Stattdessen präsentierte die Findungskommission den GEW-Landesvorsitzenden Rainer Dahlem als Kandidaten, der nach ihrer Meinung die besten Chancen auf einen sicheren Listenplatz habe.
Ich hatte der Findungskommission schon vorab erklärt, auch gegen ihren Vorschlag anzutreten, wenn ich der Überzeugung wäre, dass ich eine bessere Chance auf einen Listenplatz hätte. Und ich war mir sicher, dass es Rainer Dahlem bei der Listenaufstellung schwer haben würde, weil er nicht in der Partei verankert war. Deswegen verkündete ich meine Gegenkandidatur. Unterstützung bekam ich aus unterschiedlichen Gründen von vielen Basismitgliedern wie auch von der Mehrheit meines Kreisvorstands Heilbronn-Land: Vor allem die Jusos waren mit einigen Personalentscheidungen der Heilbronner SPD in der näheren Vergangenheit unzufrieden und wollten nun mich als Alternative. Die lokale Parteiführung und die Medien waren jedoch davon überzeugt, dass ich für Rainer Dahlem keine wirkliche Gefahr darstellte. Bei einer ersten Kandidatenvorstellung vor den Mitgliedern wurde jedoch offensichtlich, dass ich Dahlem das Wasser reichen konnte.
Die Nominierungskonferenz an einem schwülwarmen Sommerabend war emotional aufgeladen. Es kam zu Uneinigkeiten im Sitzungspräsidium. Als der ehemalige Bundestagsabgeordnete Harald Friese zur Wahl von Rainer Dahlem aufrief, wurde dies mit empörten Zwischenrufen quittiert. Der Juso-Kreisvorsitzende Christian Eheim erhielt hingegen großen Applaus, als er mich als einen bodenständigen Kandidaten beschrieb: „Andere reden, Menschen wie Josip aber krempeln die Ärmel hoch.“ Die Heilbronner Stimme erklärte am folgenden Tag, dass sich „die Hitze von draußen auf die Köpfe drinnen übertragen“2 habe. Ich entschied die Nominierung mit 87 zu 72 Stimmen für mich.

Als „Held von Albstadt“ auf die Landesliste
Nach der Nominierung bekam ich kräftigen Gegenwind von den Anhängern Rainer Dahlems und in der Presse zu spüren. Wie kann es angehen, dass die SPD einen GEW-Landesvorsitzenden derartig beschädigt? Wieso vergibt die Heilbronner SPD vermeintlich leichtfertig die Chance auf einen sicheren Listenplatz? Ich hatte heftige Attacken befürchtet, aber nicht in dieser Schärfe. Jetzt war es meine Aufgabe, das Versprechen eines sicheren Listenplatzes einzulösen. Ich wusste, dass dies schwierig werden würde. Zumindest wollte ich zeigen, dass ich kämpfe.
Wie erwartet, war ich im Vorschlag der Listenkommission mit Platz 25 nicht auf den als sicher geltenden vorderen 20 Plätzen berücksichtigt. Im Landesvorstand jedoch fädelte der Gewerkschaftsvertreter im Präsidium, Dr. Rudolf Luz, einen Tausch mit dem auf Platz 15 positionierten langjährigen Abgeordneten Hermann Bachmaier ein. Staatsminister Hans Martin Bury hielt meine Fürsprache, und in geheimer Abstimmung gewann ich den Tausch mit 15 zu 5 Stimmen. Dieser Platz wurde am Tag darauf von der Landesdelegiertenkonferenz bereits im ersten Wahlgang bestätigt, obwohl ich mich gegen zwei Gegenbewerber behaupten musste.
Nach meiner Wahl konnte der Parteitag erst einmal nicht fortgesetzt werden, weil unzählige Gratulanten nach vorne zur Bühne stürmten. Die Bilder wurden am Abend im SWR-Fernsehen ausgestrahlt. Die Frankfurter Rundschau schrieb: „Der Arbeiter und Betriebsrat Josip Juratovic soll mit Landeslistenplatz 15 die ‚Stimme des kleinen Mannes’ in den Bundestag bringen“ und bezeichnete mich als „Held[en] von Albstadt-Tailfingen“.3 Ich hatte gehofft, dass ich mich auf große Sympathien innerhalb des Landesverbands verlassen kann. Aber ich war überwältigt, wie wichtig für viele in der Partei meine Kandidatur war. Schließlich war dies das erste Mal seit 1990, dass die Landesdelegiertenkonferenz den ursprünglichen Vorschlag der Listenkommission nicht komplett bestätigte.
Bei der Bundestagswahl 2005 konnte ich im Wahlkreis Heilbronn 33,6 Prozent der Erststimmen auf mich vereinen, während die SPD 32,4 Prozent erreichte. Ich zog über die Landesliste in den Bundestag ein, die bis Platz 23 zum Mandat gereichte.

Wie kam der Erfolg?
Wie habe ich es geschafft, entgegen aller bisherigen empirischen Befunde als Gastarbeiter in den Bundestag einzuziehen?
Mit Sicherheit waren meine Herkunft aus dem Arbeitermilieu und mein Migrationshintergrund Hindernisse für die Wahlkreisnominierung. Interessanterweise wurde mein Migrationshintergrund zu keinem Zeitpunkt direkt angesprochen, spielte jedoch unterschwellig immer eine Rolle. Ein unausgesprochenes Argument gegen meine Kandidatur war, dass mein ausländischer Name Erststimmen kosten könnte. Diejenigen, die dies bei meiner Wahlkreisnominierung befürchteten, sollten Recht behalten. Meine starke Verankerung in der Kreis- und Landespartei sorgte allerdings dafür, dass ich diese hohen Hürden übersprang.

Bei der Aufstellung der Landesliste waren mein Migrationshintergrund und meine Herkunft aus dem Arbeitermilieu von Vorteil. Weil zur Wahl 2005 zwei Arbeiter und Gewerkschafter aus dem Bundestag ausschieden, bestand Notwendigkeit zur Kompensation. Dies hatte der Landesvorstand erkannt und mich als Kfz-Mechaniker und Betriebsrat zur gesellschaftlichen Ausgewogenheit der Liste aussichtsreich platziert. Dass die baden-württembergische SPD erstmals auch mit einem Migranten im Bundestag vertreten ist, galt als positiver Nebeneffekt. Meine Außenseitermerkmale verhalfen mir zum Erfolg.
In meinen ersten Jahren im Bundestag habe ich erfahren, dass es nicht einfach ist, als Nicht-Akademiker im politischen Alltag zu bestehen. Aber ich habe gekämpft. Im Ausschuss für Arbeit und Soziales werde ich dafür geschätzt, dass ich bei unseren Gesetzesvorhaben den Maßstab der betrieblichen Praxis anlegen kann. Dies wird auch in der Fraktionsführung honoriert, und ich konnte bereits zahlreiche prominente Kollegen in meinem Wahlkreis begrüßen.4 Die Hürden, die mir als Arbeiter und Migrant begegnen, konnte ich in Außenseiterqualitäten verwandeln.
Ich bin mir bewusst, dass 2005 viele kleine Zahnräder ineinander griffen und viele Zufälle meine erfolgreiche Wahl begünstigten. Doch ich habe gezeigt, dass ich keine Eintagsfliege bin und als Gastarbeiter den Weg vom Fließband in den Bundestag erfolgreich beschritten habe. Meine Partei im Wahlkreis weiß ich nun geschlossen hinter mir. Mittlerweile bin ich zum dritten Mal in den Deutschen Bundestag eingezogen. Ja, auch wir Migranten können das – und im Zweifel sogar ohne Abitur.

 



1) Vgl. STOCKBURGER, Manfred: In den Köpfen bleiben zu viele Schranken stehen. In: Heilbronner Stimme vom 21.01.2008.
2) KRAUTH, Kilian: Unterländer Genossen und ihre „Lust am Untergang“. In: Heilbronner Stimme vom 27.06.2005.
3) RENZ, Gabriele: Baden-Württembergs SPD setzt auf Gewerkschafter. In: Frankfurter Rundschau vom 22.07.2005.
4) Vgl. HEER, Uwe Ralf: Handel und Kurpark: Neue Ansichten und gute Aussichten. In: Heilbronner Stimme vom 29.02.2008.


Verfasser:
Josip Juratovic MdB
Platz der Republik 1
11011 Berlin

MdB

„Zeigt doch mal Gefühl!“
Ein Plädoyer für mehr Empathie, Beteiligung und Anerkennung in der deutschen Integrationspolitik

Eigentlich bin ich Arbeitsmarktpolitiker. Aufgrund meiner persönlichen Geschichte gelte ich jedoch automatisch als Integrationsfachmann: Als 15-Jähriger kam ich aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland, und 1998 erhielt ich die deutsche Staatsbürgerschaft. In der aktuellen Diskussion finde ich mich nicht wieder, und ich weiß, dass es vielen Menschen mit so genanntem Migrationshintergrund ähnlich geht. Aus meiner Lebenserfahrung heraus möchte ich daher einige Denkanstöße geben.
Derzeit diskutieren selbst ernannte Fachleute über Integration – und reden dabei vornehmlich über Bildungspolitik und Fachkräftemangel. Natürlich sind dies wichtige Politikbereiche, aber erfolgreiche Integration bedeutet mehr als nur das Interesse von Politik und Wirtschaft an gut ausgebildeten Arbeitnehmern. Den Fehler, nur an Arbeitskräfte und Wirtschaft zu denken, haben beide Seiten – Einwanderer und Aufnahmegesellschaft – bereits bei der Ankunft der Gastarbeiter begangen. Um das nicht zu wiederholen, müssen die gesellschaftlichen Auswirkungen von Migration und Integration in den Vordergrund gestellt werden. Für mich bedeutet Integration vor allem Identifikation. Ich werde oft als „gut integriert“ bezeichnet. Was das bedeutet, ist mir selbst nicht klar. Mal bin ich Deutscher, mal Migrant – je nach Sichtweise meines Gegenübers. Deutlich ist aber, dass ich mich mit unserer Gesellschaft identifiziere.
Integration fängt mit einem Zugehörigkeitsgefühl an. In meiner Zeit als Fließbandarbeiter bei Audi habe ich mit Kollegen aus mehr als 50 Nationen zusammengearbeitet. Viele von uns kamen aus kleinen Dörfern in der Türkei oder Jugoslawien. Die meisten hatten keine hohe Schulbildung. Doch bei Audi haben wir uns als „Audianer“ gefühlt, wie eine Familie. Ein solches Gefühl müssen wir im gesamten Land schaffen: „Wir sind alle Deutsche!“ Wir brauchen einen doppelten Integrationsprozess. Denn Integration geht nicht nur die Einwanderer an, sondern auch die Aufnahmegesellschaft, die sich mit einer durch die Migranten veränderten Gesellschaft identifizieren muss.
Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Einwanderer in unserem Land oft den Eindruck bekommen, sie seien hier nicht willkommen; sie fühlen sich als „Bürger zweiter Klasse“. Auch wenn ich bereits seit 1981 mit einer Deutschen verheiratet bin, habe ich erst 1998 die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen. Nachdem ich mich wunderte, dafür 500 DM bezahlen zu müssen, sagte die Dame in der Behörde zu mir: „Wer unsere Staatsbürgerschaft haben will, der muss es sich eben auch leisten können!“ Ich hatte den Eindruck, dass die deutschen Behörden gar nicht an meiner Einbürgerung interessiert waren, auch wenn ich schon seit Jahrzehnten in Deutschland gelebt und gearbeitet, mich hier politisch und gesellschaftlich engagiert hatte. Gerne hätte ich der Dame gesagt: „Zeigen Sie doch mal Gefühl!“. Denn die Staatsbürgerschaft ist von großer emotionaler Bedeutung für mich – als Anerkennung dessen, was ich für Deutschland in den vergangenen Jahren getan hatte. Staatsbürgerschaft darf nichts sein, das man „sich leisten kann“, sondern sie muss eine Anerkennung der Einwanderer darstellen im Sinne von: „Ja, Du gehörst zu uns!“
Aufs konkret erlebte Dazugehören kommt es an In mein Bürgerbüro kommen viele Einwanderer, die Probleme im Umgang mit den Behörden haben. In vielen Fällen können wir helfen. Oft geht es nur darum, dass Behördenmitarbeiter unter Stress stehen und nicht ausreichend Zeit oder keine sprachlichen und interkulturellen Qualifikationen haben, um Formulare und Abläufe zu erläutern. Aber: Behörden und Botschaften repräsentieren unseren Staat und seinen Umgang mit Einwanderern. Wir brauchen daher dringend mehr interkulturelle Kompetenz, überarbeitete Anweisungen und ein menschlicheres Arbeitsumfeld in den Behörden. Einwanderer müssen wissen, dass sie genauso wie alle anderen behandelt werden!
Viele Migranten haben den Eindruck, dass in der Politik nur über kleinteilige technokratische Gesetzesänderungen diskutiert wird und dabei die Bedeutung der jeweiligen Änderungen für das Selbstverständnis der Einwanderer überhaupt keine Berücksichtigung findet. Dem emotionalen Thema der Staatsbürgerschaft beispielsweise werden wir mit technokratischen Gesetzen wie dem missglückten Optionszwang nicht gerecht. Wir Sozialdemokraten waren immer eine Partei mit Herz und Verstand. Die Integrationsdebatte wurde bisher von zahlreichen auf Verstand begründeten Expertenmeinungen dominiert. Das Herz und das Einfühlungsvermögen sind dabei untergegangen. Diese wichtige Seite von Integrationspolitik, die Politik mit Empathie, müssen wir stärker in unsere Arbeit einbeziehen.
Die Erfahrungen des Dazu-Gehörens und der Anerkennung, die so entscheidend sind für Integration und Identifikation, habe ich nicht bei staatlichen Institutionen wie Ausländerämtern oder dem Arbeitsamt erfahren, sondern in meinem privaten Umfeld. In meinem Heimatort Gundelsheim war ich bei Sommerlagern des Roten Kreuzes und kämpfte mit den Jusos für ein Jugendhaus. Hier habe ich gemerkt, dass es egal ist, wenn mein Nachname nicht urdeutsch klingt. Ich war akzeptiert und anerkannt, und ich habe mich mit meinen Freunden, meinem Dorf und unserer Gemeinschaft identifiziert, so wie sie die Ideen akzeptierten, die ich mitbrachte. Auf dieser konkret erfahrbaren Integration vor Ort, die zum Glück viele Einwanderer in unserem Land erleben, müssen wir unsere Debatte aufbauen.
Viel zu oft wird Politik mit Integration gemacht, ohne diese Erfahrungen zu berücksichtigen. So ist das auch auf den Integrationsgipfeln der Kanzlerin, bei der die vermeintlichen Lösungen schon im Vorfeld feststehen. Wir müssen einen Weg finden, um von diesen Inszenierungen wegzukommen und Politik für Integration zu machen. Integration heißt auch Beteiligung, ohne dass die politischen Entscheidungsträger Ergebnisse bereits vorher festlegen. Einwanderer müssen sich selbst engagieren, und sie müssen eine ehrliche Chance bekommen, dabei zu sein, wo es „heiß“ hergeht und wo „harte“ Themen diskutiert werden. Oft werden Einwanderer in Parallelstrukturen wie Ausländerräten oder speziellen Arbeitskreisen in Parteien beteiligt, wo sie sich dann hauptsächlich mit sich selbst beschäftigen. Das ist höchstens eine Übergangslösung. Das Ziel muss sein, Migranten in die bestehenden Strukturen einzubeziehen. Viele Einwanderer, nicht nur aus meinem Wahlkreis, kommen auf mich zu und sagen: „Mit dir und dem Özdemir können wir uns identifizieren.“ Um unsere migrantische Bevölkerung anzusprechen, brauchen wir eine höhere Beteiligung in der Politik. Mich würde freuen, wenn dazu keine Quoten notwendig sind, sondern Einsicht und taktisches Gespür. Der aktuelle Erfolg der Grünen beruht auf vielen Faktoren, aber darunter auch auf der Beliebtheit Cem Özdemirs und der Ablehnung der Sarrazin-Thesen vor allem in der türkischstämmigen Bevölkerung. Es ist zu erwarten, dass die Grünen der SPD unter diesen Wählern die Spitzenposition abnehmen. Auch in der Sozialdemokratie brauchen wir mehr Migranten, die Verantwortung übernehmen.
Für eine erfolgreiche Integration brauchen wir also Empathie und Beteiligung. Migranten benötigen kein Mitleid für ihre offenen oder verdeckten Benachteiligungen, sondern Wertschätzung, Anerkennung und Verständnis. Auch für die Aufnahmegesellschaft müssen wir diese Empathie haben und Gefühl zeigen. Nur so werden Migration und Integration zu einem Gewinner-Thema für die gesamte Gesellschaft – und für die Sozialdemokratie.







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