Omar Antar (*2.1.1991) im Nordirak (Pseudonym)


Übersicht Erzählwerkstatt

Vom Dschabal Sindschar-Gebirge ins Neckartal


Leben im Irak
Ich bin jesidischer Kurde. Die meisten Jesiden leben auf dem Höhenzug Dschabal Sindschar , westlich von Mossul an der syrischen Grenze.
Die Bewohner meines Heimatdorfs El Khatanja lebten in der Hauptsache von Landwirtschaft. Es gab dort wenig Industrie, so dass viele Leute in Arbil, der Hauptstadt von Kurdistan, ihr Geld verdienten. Dann ereigneten sich drei Selbstmordattentate, wobei drei Lastwagen zur Explosion gebracht wurden. In dem Dorf blieb kein Stein auf dem anderen. Die Anschläge forderten 311 Todesopfer. 17 Mitglieder unserer Verwandtschaft wurden getötet, darunter auch einer meiner Brüder. Ich selbst wurde an der Hand verletzt. Überall lagen Tote in den Straßen. Ich kann den fürchterlichen Anblick und die verzweifelten Schreie der Verwundeten nicht mehr vergessen. Seit den Anschlägen, die von Terroristen aus dem Umfeld der al-Quida verübt wurden, lebt niemand mehr in dem Dorf. Meine Eltern, zwei meiner Schwestern und zwei meiner Brüder „wohnen“ nun in einem anderen Dorf im Irak in einem Camp. Einer der beiden Brüder ist Lehrer und unterrichtet die Kinder im Camp.
Ich ging im Irak aufs Gymnasium, habe aber mit 17 die Schule ohne Abschluss verlassen, um Geld zu verdienen, damit ich meine Familie unterstützen konnte. Mein Vater, ein ehemaliger Lehrer, bekommt zwar Rente vom irakischen Staat, aber sehr unregelmäßig; meine Brüder studierten, so dass die Rente für den Lebensunterhalt der Familie kaum ausreichte. Ich habe in verschiedenen Stellungen gearbeitet:  als Koch, als Putzmann, in einer Sushi-Bar und an der Rezeption eines Hotels.

Flucht
2014 fasste ich den Entschluss, nach Deutschland zu fliehen. Deutschland ist seit vielen Jahren für die Jesiden das beste Land, um Zuflucht zu finden.
Am 25.10. fuhr ich mit dem Bus in die Türkei. In Istanbul konnte ich bei einem jesidischen Freund übernachten. Vor dort aus fuhr ich mit dem Bus nach Edirne, nahe an der bulgarischen Grenze. Dort blieb ich 13 Tage in einem Hotel und lernte einen Tunesier kennen, der mich mit dem Zug bis Svilengrad in Bulgarien brachte. Dort wurde ich von der Polizei festgenommen und verbrachte drei Tage in einer Gefängniszelle; dann wurden meine Fingerabdrücke genommen, und ich kam anschließend in das Flüchtlingslager Harmanli mit etwa 5 000 Menschen. Die Beamten dort versprachen mir eine bulgarische Aufenthaltserlaubnis. Mit dieser könnte ich dann nach Deutschland fliegen. Ich dachte mir, drei Monate sind nicht zu lange und dann besitze ich einen bulgarischen Pass. Mit ihm kann ich in Deutschland oder einem anderen europäischen Land arbeiten. Aber aus drei Monaten wurden 6 Monate. Am Ende dieser Zeit wurde mir gesagt, Iraker hätten keine Chance, eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen. Innerhalb von 13 Tagen müsste ich Bulgarien verlassen, andernfalls würde ich in den Irak abgeschoben werden oder müsste mit zwei Jahren Gefängnis rechnen. Nachdem mir mein Vater Geld geschickt hatte, machte ich mich mit Hilfe von google-map zusammen mit anderen Flüchtlingen zu Fuß auf den Weg nach Serbien. Ein Taxi brachte mich dann nach Belgrad, wo ich zwei Tage lang in einem Hotel wohnte. Von meinem Vater bekam ich die Handynummer eines Mannes mitgeteilt, den ich anrufen sollte. Das habe ich getan und traf den Mann, der mich in seinem Privatwagen bis Wien mitnahm. In Wien war ich natürlich völlig hilflos, bis ich jemanden ansprach, der arabisch aussah und der tatsächlich Araber war. Er sagte mir, es gäbe keinen direkten Zug nach München, nur von Salzburg aus. So gelangte ich also über Salzburg nach München, wo ich meine beiden Brüder traf, die über Griechenland, Mazedonien und Ungarn nach Deutschland gekommen waren. Zusammen fuhren wir nach Dortmund, um dort einen Asylantrag zu stellen. Ein Bruder wurde nach Hamburg geschickt, der andere Bruder mit mir nach Karlsruhe. Nach zwei Monaten war unser neuer Aufenthaltsort Heilbronn. Als die Frau und die Kinder meines Bruders nachgekommen waren, wurde ihm in Essen eine Wohnung zugewiesen. So lebe ich nun allein in Heilbronn.

Mein Leben in Deutschland
Da man ohne Deutschkenntnisse keine Chance hat, in Deutschland Fuß zu fassen, trug ich mich an der Volkshochschule für einen Deutschkurs ein. Weil ich aber noch keinen Asylantrag gestellt hatte, durfte ich nur zwei Module im Lehrbuch absolvieren. Der Grund, weshalb ich den Asylantrag so spät stellte, ist der, dass ich ein Jahr auf einen Termin warten musste. Vielen Flüchtlingen geht es so. So lange man keine Aufenthaltserlaubnis hat, ist man nur geduldet und darf erst nach drei Monaten eine Arbeit aufnehmen, allerdings keinen Deutschkurs besuchen. Jetzt aber warte ich auf den deutschen Pass und kann wieder einen Deutschkurs an der VHS belegen.
In einem Hotel bekam ich eine Lehrstelle als Koch. Bei meinem Praktikum in einer Schule im letzten Jahr lernte ich einen Koch kennen, der in dem Hotel Chefkoch gewesen war. Er vermittelte mir die Lehrstelle dort. Mit der Stadtbahn fuhr ich nach Öhringen, dann mit dem Fahrrad zum Hotel. Leider musste ich meine Lehrzeit nach ein paar Tagen abbrechen, weil ich zu starke Schmerzen im Knie bekam und ich nicht mehr stehen konnte. Die Schmerzen rühren daher, dass ich an einem Sportereignis teilnehmen wollte, aber zu wenig Zeit zum Trainieren hatte, so dass ich mein Knie überanstrengte. Ich musste krankgeschrieben werden. Jetzt habe ich gekündigt und lerne verstärkt Deutsch an der VHS.
Seit ich in Heilbronn bin, habe ich viele Leute kennengelernt und viel Freundlichkeit erfahren. Von der Stadt Heilbronn aus wurde mir in einem Flüchtlingsheim ein Zimmer vermittelt, das ich nun mit einem anderen Jesiden teile. Als ich in Deutschland ankam, dachte ich, hier sei ich sicher, aber jetzt sind die Leute, die dem IS geholfen haben, uns zu verfolgen, ebenfalls hier. Ich habe Angst und tue alles, um ihnen aus dem Weg zu gehen.
Mit meinen Verwandten stehe ich in engem Kontakt. Zwei bis dreimal in der Woche rufe ich sie an. Es dauert oft bis zu drei Stunden oder länger, bis ich mit allen Verwandten gesprochen habe.
Es wird mir hier nicht langweilig, denn ich helfe beim Willkommensprojekt der Diakonie mit, z.B. beim Übersetzen und beim Organisieren verschiedener Projekte, die z.B. Sport, Kochen, Tanz, Malen oder City-Aktivitäten (die Stadt Heilbronn kennenlernen) umfassen.
Bei der Jahreshauptversammlung der Bürgerstiftung Heilbronn wurde dem Projekt „Toleranz für interkulturelles Zusammenleben“ der erste Preis verliehen. An dem Flüchtlingspatenschaftsprojekt „Welcome“ des Jugendgemeinderats und dessen Kooperationspartnern durfte ich mithelfen. Das machte mir Spaß und ich fühlte mich in Deutschland angekommen.
Meine Stellung hier in Heilbronn ist leider nicht sicher. Wegen der Fingerabdrücke , die mir in Bulgarien genommen wurden, habe ich jetzt Probleme in Deutschland. Bei dem Flüchtlingsinterview wurde mir gesagt, dass ich damit rechnen müsse, nach Bulgarien oder in den Irak abgeschoben zu werden, da ich keine Aufenthaltserlaubnis besäße. Ich habe mir deshalb einen Anwalt genommen, der meine Sache vertritt.

Weitererzählt von Rudolf Holzwarth (2016)

 







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