zu Indien


RAVINDER SALOOJA  (geb.1966) in Deutschland
(Vater stammt aus Indien)

RAVINDER SALOOJA  (geb.1966) in Deutschland  (Vater stammt aus Indien)

Übersicht Erzählwerkstatt

RAVINDER SALOOJA


Vielschichtige Religiöse Identität

Meine Mutter ist Christin, mein Vater Sikh, sie Deutsche, er Inder. Religiöse Identität entdecke ich in der Wahrnehmung von Unterschieden wie im Erleben von Übergängen.

Die Sikhs sind eine um 1500 in Indien in der Begegnung von Hinduismus und Islam im Nordwesten Indiens entstandene Religionsgemeinschaft. Zu ihren Kennzeichen gehört die Betonung der Gleichberechtigung der Gläubigen, was sich in der gleichberechtigten Stellung von Männern und Frauen ebenso wie in der Ablehnung des Kastenwesens äußert. Mein Vater: ein Sikh aus dem Punjab, der nach der Unabhängigkeit in Neu Delhi aufwuchs.

Aber war mein Vater überhaupt ein echter Sikh? Äußerlich gesehen sah man nichts: Er hatte kurze Haare und rasierte sich seinen Bart (das ungeschnittene, gepflegte Haar kes ist eines der fünf äußerlichen Kennzeichen), trug deshalb keinen Turban, konnte also darin weder Schwert (kirpan) noch Kamm (kangha) befestigen (übrigens waren schon mein Großvater und Urgroßvater glatt rasiert und turbanlos). Allerdings hatte er den eisernen Reif (kara) um den Arm. Mitte der 60er Jahre kam mein Vater zum Studieren nach Deutschland, lernte hier meine Mutter kennen und blieb. Nicht der erste Inder in Deutschland war ihre Zahl damals dennoch überschaubar. In Braunschweig, wo meine Eltern lebten, gab es keinen Sikh-Tempel (gurdwara), so dass mein Vater mit seinem Glauben ziemlich allein war. In meiner Wahrnehmung war er dennoch religiös, betete jeden Morgen dasmool mantra, die Anfangsworte des Guru Granth Sahib, der Heiligen Schrift der Sikhs, und weitere Sikh-Gebete. Auch warSingh („Löwe“) Teil seines Namens.

Woran würde es sich eigentlich fest machen, daß jemand ein „echter“ Sikh ist? Ich glaube nicht, daß mein Vater Zeit jemals in Amritsar, dem Ort des Harmandir Sahib, des Goldenen Tempels der Sikhs war. Ich erinnere mich auch nicht, daß er es als Bedürfnis formuliert hat, uns, seine Familie, einmal dorthin zu führen. So kam es, daß ich selber erst vor zwei Jahren nach Amritsar reiste, mich in Besucherschlange am Eingang zum Zentrum des Tempels einreihte und dann der beständigen Rezitation des Guru Granth Sahib lauschte.

Bei einem meiner Besuche der indischen Verwandtschaft in England lernte ich als Jugendlicher übrigens selber das Mool Mantra und rezitiere es heute noch gerne: „Gott ist Eins. Schöpfer. Wahrheit der Name...“ Bin ich ein Sikh?

Meine indische Großmutter Bibiji trägt den Sikh-Namen Kaur(„Prinzessin“), das weibliche Gegenstück zum „Singh“ der Männer. In ihrem Haus (sie lebt mittlerweile 97-jährig in den USA) hängt ein Bild von Guru Nanak, dem ersten der zehn Sikh-Gurus und Gründer der Glaubensgemeinschaft. Dort erlebe ich, dass wir uns bei wichtigen Anlässen, z.B. dem Antritt einer größeren Reise, etwa meiner Rückreise nach Deutschland, vor dem Bild versammeln. Meine Großmutter spricht dann ein Gebet.

 

Zweimal hatte ich als Jugendlicher die Gelegenheit, meine indischen Großeltern in den USA und die dortige Verwandtschaft zu besuchen. Ich erinnere mich daran, wie sich die Sikh-Familien in und um Boston an den Wochenenden reihum in Privathäusern trafen zu gemeinsamem Gebet und Rezitation aus dem Guru Granth Sahib. Bei diesen Andachten fand ich mich unter den Gläubigen wieder, zog meine Schuhe aus und bedeckte mein Haupt mit einem Tuch. Auch am anschließenden langar, dem öffentlichen Gemeinschaftsessen, von dem niemand ausgeschlossen wird, nahm ich teil. In den USA ist diese Form gemeinschaftlichen religiösen Lebens als Sikhs möglich, die meinem Vater in Deutschland in den 60er und 70er Jahren mangels einer Sikh-Gemeinschaft in seinem Umfeld nicht möglich war.

Meine Großmutter ist weiterhin ins Netzwerk der Sikh-Gemeinschaft in den Neu-England-Staaten eingebunden, wenn auch die Begegnungen aufgrund ihres Alters nun weniger häufig sind. Zuletzt nahm ich wahr, dass sie mit ihrer Tochter neo-hinduistische Versammlungen besuchte und an Lesungen mit Auslegungen aus indischen heiligen Schriften teilnahm. Ich glaube, das tat ihnen gut, auch wenn die Vorträge sich nicht um die Sikh-Religion drehten.

 

Als einer meiner Onkels 1999 in den USA starb, vollzog ein Sikh-Geistlicher die entsprechenden religiösen Rituale in der Trauerhalle eines der örtlichen Bestattungsinstitute. Bei der Trauerfeier meines Großvaters Bauji 1984 war ich nicht zugegen; ich weiß aber, dass seine Asche später nach Indien überführt wurde. Auch mein Vater starb 1999; seine Trauerfeier wurde vom evangelischen Pfarrer meiner norddeutschen Heimatgemeinde durchgeführt. Mein Vater hatte dort in den Jahren zuvor einen Gemeindekreis „Herrenfrühstück“ geleitet. Als Sikh hat er nicht häufig, aber doch manchmal auch am Gottesdienst teilgenommen. Ich fand, dass es eine gute christliche Trauerfeier war, vor allem auch deshalb, weil es dem Pfarrer gelang, meinen Vater nicht christlich zu vereinnahmen. So konnten meine Großmutter und ebenso seine Geschwister gut daran teilnehmen. Meinem Gefühl hatte die Trauerfeier ihm als Sikh voll entsprochen, ihm als solchen religiös gesehen die Ehre erwiesen.

Wie meine Großmutter so sind auch ihre in Indien lebenden Brüder in der Sikh-Religion verortet. Zwar sind auch sie glatt rasiert, aber besonders Bara Mamaji habe ich lebhaft vor Augen, wie er sich für die Rezitation vorbereitet, den Guru Granth Sahibaus dessen „Bett“ hervorholend das Tuch öffnet und ehrfurchtsvoll die Texte rezitiert. Bara Mamajis Sohn Jitendra, bei dem er lebt, ist säkular, Jitendras Frau Ameeta dagegen ist in einer Frömmigkeitstradition rund um die hinduistische heilige SchriftBhagavadgita beheimatet. An bestimmten Tagen zu bestimmten Zeiten betet sie am kleinen Hausaltar, der auf einer Anrichte im Wohnzimmer eingerichtet ist. Ich nehme wahr, dass Sikh-Traditionen und hinduistische Anbetungsformen in diesem familiären Gemeinschaftshaushalt in eins gehen. Gespannt bin ich darauf, welche Religion für Jitendra und Ameetas ihre Kinder einmal wichtig wird. Zurzeit erlebe ich diese Cousine und Cousin zweiten Grades gegenüber ihrer Religion nicht anders als die meisten ihrer Gleichaltrigen hier in Deutschland, eher locker und indifferent.

 

Bhupinder, der andere Sohn von Bara Mamaji, lebt mit seiner Familie in London. Sie besuchen gelegentlich Sikh-Gurdwaras, aber auch den hinduistischen Neasden-Tempel im Bezirk Brent. Vor einigen Jahren war ich dort im Herbst zu Gast und hatte die Gelegenheit zu erleben, wie seine Frau Urmil die Zeremonien desKarva-Chauth-Rituals vollzog, bei dem die Frauen für das Wohlergehen ihrer Ehemänner fasten. Weil der Himmel sich bedeckte und so der Mondaufgang nur schwer zu erkennen war, fuhren wir mit den zeremoniellen Gegenständen umher, bis meine Tante den Mond erblickte und die abschließenden Rituale vollziehen konnte. - Eigentlich werden religiöse Rituale im Allgemeinen wie Fasten im Besonderen in der Sikh-Religion abgelehnt. Ich fragte mich, ob diese Familie mittlerweile stärker im Hinduismus als in der Sikh-Religion beheimatet ist. Andererseits: Als ihre älteste Tochter vergangenes Jahr in England heiratete, wurde auch eine Zeremonie durch einen Sikh-Geistlichen vollzogen.

Rakeesh ist der Sohn von Chota Mamaji, dem jüngeren Bruder meiner Großmutter. In  seinem Haus in Neu Delhi hat er einen Tempelraum, in dem eine Vielzahl von Götter- und Heiligenfiguren steht. Neben Ganesh, dem Gott mit dem Elefantenkopf, sind auch der Heilige Shirdi Sai Baba, die Göttin Durga auf einem Tiger reitend, das Götterpaar Shiva und Parvati und viele weitere zu sehen. Als ich in den 1990er Jahren einmal den Wunsch äußerte, mit ihnen einen Tempel zu besuchen, führten sie mich nicht in einen der großen Sikh-Gurdwaras von Neu Delhi, sondern in den von der Industriellen-Familie Birla gestifteten hinduistischen Laxminarayan-Tempel.

Bei einem meiner letzten Besuche schenkte Onkel Rakeesh mir eine 50 Zentimeter große Christusdarstellung. Mir war meine Überraschung wohl anzusehen, und so erklärte er mir, dass er jedem seiner Kunden, die eine Wohnzimmer-Vitrine bei ihm kaufen, die passende Götterfigur als Dreingabe in den Schrank legt. - Onkel Rakeesh ist ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann!

Im Dezember 2011 heiratete seine älteste Tochter Neha, und ich konnte eine wahrscheinlich gute Mischung aus Tradition und Moderne erleben: Mehendi-Bemalung der Hände und Füße, roter Fußabdruck der Braut beim Verlassen des Elternhauses, Wasserholen vom nahe gelegenen Tempel durch die weiblichen Mitglieder der Familie, Eintreffen des Bräutigams auf einem Schimmel... – aber auch ein Auftritt der Braut a la Bollywood beim großen Hochzeitsempfang mit 1500 Gästen. Die zentrale Hochzeitszeremonie saptpadi, das siebenmalige Umschreiten des Feuers, wurde anschließend in familiär kleinstem Kreise unter Beteiligung eines Hindu-Priesters vollzogen. - Ich denke, dass dieser Teil meiner indischen Familie vollends im Hinduismus angekommen ist.

„Mutter: Christin, Vater: Sikh“ ist die Kurzfassung meiner religiösen Abstammung. Was bedeutet religiöse Identität eigentlich im Kontext dieser Familiengeschichte, in der ich die „Religionsgeschichte“ meiner deutschen, evangelischen Mutter von Posen über Thüringen und das Saarland nach Niedersachsen der Einfachheit halber einfach mal ausgelassen habe? Was bedeutet religiöse Identität in Indien? Für meine indische Familie scheint der kulturell-geografische Bezug zum Punjab wichtiger zu sein als die religiöse Identitätszuschreibung „Hindu“ oder „Sikh“. In meiner Familie nehme ich Übergänge in den Religionszuordnungen wahr, die vielleicht einer Offenheit gegenüber den unterschiedlichen religiösen Traditionen geschuldet ist, vielleicht aber auch der Tradition, dass indische Frauen sich auch religiös in die Familie ihres Mannes einfügen – oder dass umgekehrt durch die Heirat mit einer im Hinduismus beheimateten Frau die ganze Familie später in diese Richtung tendiert. Vielleicht ist es aber auch die Säkularisierung der indischen Gesellschaft bzw. das Leben in den nicht-indischen Gesellschaften im Westen, die den Traditionen der hinduistischen Mehrheitsreligion zu einer größeren Bedeutsamkeit im Alltag verhelfen? An meiner indischen Familie wird mir die innere Vielfalt ebenso wie die sich wandelnde Landschaft der indischen Religionswelt deutlich. Das ist die Gegenwart der indischen Religionen – oder vielmehr: ein Ausschnitt derselben.

P.S.
Übergänge und Unterschiede: Ich selber bin Christ, Theologe, evangelischer Pfarrer. Lutherisch getauft bin ich im Zuge meiner Konfirmation reformiert geworden und habe meine theologische und pfarramtliche Ausbildung auch in diesem Kontext erhalten. Ordiniert wurde ich dann auf meiner ersten Pfarrstelle in einer unierten Landeskirche, seit einigen Jahren diene ich nun in einer lutherischen Landeskirche. Bäffchenmäßig also für alles vorbereitet hat mein theologisch-biografischer Weg vor allem meinen Blick geschärft für die Wahrnehmung von Unterschieden ebenso wie für die von Übergängen - und vielschichtig ist wohl jede religiöse Identität. Denke ich.

Herr  Ravinder Salooja ist Prälaturpfarrer im Dienst für Mission, Ökumene und Entwicklung der Evang. Landeskirche in Württemberg, Heilbronn; Bildungsmanager M.A.

Aus:  Jahrbuch: Mission 2014 (missionshilfe verlag)





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