Griechenland


Evropi Tsavdaridou geboren in Griechenland

Evropi Tsavdaridou

Abschied von Griechenland (Anthi, Alexander, Tante Nitsa)
Abschied von Griechenland (Anthi, Alexander, Tante Nitsa)

10 Jahre
Frau Tsavdaridou als Reiseleiterin
Frau Tsavdaridou in der Parfümerie

Frau Tsavdaridou als Reiseleiterin
Frau Tsavdaridou als Reiseleiterin 

Spanienurlaub

Spanienurlaub

 

Übersicht Erzählwerkstatt

Evropi, eine schwäbische Griechin, auf Tour


Mein Geburtsort
Kriege schlagen tiefe Wunden, die oft über Generationen hinweg nicht verheilen. Meine Familie gehört zur ethnischen Gruppe der christlichen Pontos-Griechen, die bereits im Altertum aus Griechenland an die heutige türkische Schwarzmeerküste ausgewandert sind. Von Völkermord sprechen viele Historiker, wenn sie über die blutigen Verfolgungen meines Volkes durch die Jungtürken schreiben. Meiner Familie gelang es, vermutlich 1920, von der Türkei nach Griechenland zu fliehen.
Nach grausamen Jahren der Entbehrung ließen sich meine Großeltern in Nea Nikomidia nieder, was auf Griechisch Neue Heimat  heißt. Das Dorf wurde so benannt, weil die meisten seiner Bewohner griechisch-stämmige Flüchtlinge oder Vertriebene aus der Türkei waren.
Unser Dorf liegt in Nordgriechenland und ist ca. zehn Kilometer von Veria entfernt.
Die Pontioi (Pontier) sind ein traditionsbewusstes Volk, gastfreundlich, aufgeschlossen, mit eigenen Trachten, Musikinstrumenten und temperamentvollen Tänzen. Wir singen alte, schwermütige Lieder, die uns das Herz zerreißen.
Meine Großeltern bewohnten dort zusammen mit ihrer Familie ein geräumiges Haus, das inmitten eines großen Gartens mit vielen Obstbäumen  und wunderschönen Blumen lag. Später, als mein Onkel Nikolaus heiratete, bekam mein Vater am Rande des Dorfes ein Grundstück, auf das er ein kleines Haus baute. Sobald sich seine Familie vergrößerte, ersetzte er dieses Haus durch ein größeres. Onkel Nikolaus studierte zwei Jahre lang Medizin und war deshalb medizinisch so versiert, dass er alle unsere Wehwehchen heilen konnte.
Die Dorfbewohner halfen sich gegenseitig, wann immer es nötig war. Es war selbstverständlich, dass bei Beerdigungen alle kamen, um Abschied zu nehmen. Ebenso wurden freudige Ereignisse wie Taufe und Hochzeit gemeinsam gefeiert. Wenn die Daouli und die Lyra erklangen, kam das ganze Dorf herbeigeeilt. Hierzu brauchte man keine Einladung. Sonntags stand die männliche Jugend im Mittelpunkt. Mit großer Leidenschaft versammelten sich alle auf dem Fußballplatz, um ihre Favoriten beim Spiel anzufeuern. Beliebt an Sonn- und Feiertagen war auch der  Volkstanz vor der Schule.
In Nea Nikomidia kam ich auf die Welt. Bis zu meiner ersten Grundschulklasse wohnten wir in diesem Dorf, dann sind wir nach Veria umgezogen.

Geburt
Ich bin als viertes Kind meiner Eltern geboren, später bekam ich noch zwei Geschwister. Meine Geburt war für meine Mutter alles andere als erfreulich. Nach drei Prachtstücken, so richtig schönen südländischen Kindern, kräftig und lebhaft, erblickte ich, winzig und hässlich, das Licht der Welt. Eine Ratte war vielleicht größer. Meine Oma, die Hebamme, musste sich erschreckt haben über das, was sie da in der Hand hielt. Meine entsetzte Mutter hätte mich wohl am liebsten versteckt, so dass  mich niemand sehen konnte. Das war aber nicht zu vermeiden, da bei der Nachricht, dass ein Kind geboren wurde, Verwandte, Nachbarn und Freunde ins Haus strömten, um das Kind zu begutachten. Zwei Nachbarinnen, die täglich bei uns vorbeischauten, sagten zu Mutter: „ Aus dem Kind wird nichts, lass es doch einfach heimlich  sterben.“
Nach zwei bis drei Jahren hatte ich mich aber erholt, war ein fröhliches Kind und ging auf alle zu. Ich sprach und lachte, nannte alle Tante und hielt sie an den Händen.
Eines Tages hörte ich diese Nachbarinnen tuscheln und bemerkte, dass sie über mich redeten und ein schlechtes Gewissen hatten. Ich fragte später Mutter, was die Damen damit meinten. Lachend, aber auch mit ein bisschen Mitleid und Traurigkeit erzählte mir Mutter, dass ihr die beiden den Rat gegeben hätten, mich verhungern zu lassen. Ich lachte darüber, vielleicht habe ich es auch damals nicht richtig verstanden.
Eine dieser Damen schenkte mir, als ich ca. 4 Jahre alt war, ein rosafarbenes Unterhemd. Es war früher so üblich, dass man einem Kind, wenn es einen neuen Zahn bekam, ein Geschenk machte.  Ich denke aber, sie wollte mit diesem Geschenk ihr Gewissen erleichtern. Einige Jahre später wünschte sich die andere Dame, dass ich ihre Schwiegertochter werden sollte. Sie hatte einen Sohn, der trotz bester Verpflegung nicht zunahm und den sie immer zum Arzt schleppte, um nach den Ursachen zu fragen. Heute ist er so rundlich wie ein Fass.

Meine Familie 

Oma Maria
Meine Mutter kümmerte sich um mich, aber meine Oma  schenkte mir mehr Liebe und Fürsorge, als dies zehn Mütter vermocht hätten. Wir wurden unzertrennlich.
Tagsüber bin ich zwischen dem Haus der Mutter und dem Haus der Oma hin- und hergependelt. Nachts schlief ich aber bei der Oma.
Als ich fünf Jahre alt wurde, wollten meine Eltern, dass ich nicht mehr bei Oma schlafe, sondern bei ihnen zu Hause. Abends im Bett weinte ich fürchterlich, bis ich schließlich doch einschlief. Irgendwann wachte ich auf und bemerkte, dass meine Oma nicht bei mir war. Nun, tief in der Nacht, konnte mich nichts mehr von ihr trennen. Leise stand ich auf und lief auf die Straße. Alles war menschenleer, bis ich auf eine Horde Hunde traf. Ich hatte fürchterliche Angst vor diesen wilden Tieren. Wie konnte ich an diesen vorbeikommen, ohne gebissen zu werden? Ich kroch auf allen Vieren und hoffte, die Hunde würden glauben, ich sei einer von ihnen und mich deshalb nicht angreifen. Glücklicherweise hatten sie kein Interesse an mir und zogen in die andere Richtung weiter. In Windeseile stand ich vor Omas Türe, die natürlich sehr erschrak, als sie mich mitten in der Nacht in ihr Haus ließ. Am nächsten Morgen gingen wir gemeinsam zu meinen Eltern. Dank ihrer Autorität hat sie erreicht, dass ich auch weiterhin bei ihr schlafen durfte.
Meine Oma war meine Oma. Ich betrachtete meine Oma als mein Eigentum. Meine Geschwister liebten meine Oma auch, und wenn sie selten mal bei Oma im selben Bett schliefen, war ich richtig sauer.
Eine lustige Begebenheit möchte ich noch erzählen: Eines Tages bat ich Oma in der größten Mittagshitze, mir Spiegeleier zu braten. Da Oma kein Fett hatte, ging ich zu Mutter und bohrte aus ihrem Butterfass einen großen Löffel voll Butter. Mutter ahnte, was passieren würde, und lachte. Auf dem Rückweg begann die Butter bei glühender Sonne aus dem Löffel auf die Straße zu tropfen, worüber sich die Passanten freuten. Wieder zurück in Omas Küche befand sich nur noch sehr wenig Butter auf dem Löffel, aber für meine Spiegeleier reichte sie noch.
Meine Oma war eine liebe, gebildete Frau, groß, schlank, mit heller Haut und schwarzen Haaren. Mutter war mit meinem Aussehen nicht ganz zufrieden und sagte manchmal zu mir: „Hättest du nicht das Gesicht und die Größe deiner Großmutter erben können?“ Immerhin habe ich ihren Hallux Valgus geerbt. 

Mutter Elpida
Mutter war eine moderne Frau. Ich kann mich noch gut an ihr blau-seidenes Kleid mit den feinen weißen Blümchen, ihre Lackschuhe mit einem Druckknopf und ihre Lederhandtasche erinnern. Ihre blonden Haare hatte sie zu einer Hochfrisur aufgesteckt. Als sie älter wurde, trug sie ein Kopftuch.
Im Haus meiner Eltern waren Gäste stets willkommen. Besonders freute ich mich, wenn Cousinen und Cousins von Athen, Saloniki und  Kavala zu Besuch kamen. Die Arbeit hatte Mutter, die immer viel kochte. Wir konnten nach Herzenslust mit unseren Verwandten spielen. Ich war der festen Überzeugung, dass Hausarbeit nur etwas für Erwachsene sei: für meine Mutter, meine Oma und meine ältere Schwester und drückte mich vor dieser Aufgabe, wo ich nur konnte.
Meine Mutter liebte Nea Nikomidia, denn sie hatte dort einen Garten, wie er schöner nicht hätte sein können. Außerdem liebte sie Tiere und davon gab es hier eine Menge: Hunde, Schafe, Katzen, Kühe und zwei widerspenstige Pferde, die nicht zum Reiten geeignet waren. Mit denen konnten nur mein Vater und meine Schwester Olympia umgehen. Die Pferde hießen Marta und Kitsos. Die anderen Tiere bekamen von mir klangvollere Namen wie Truman, Eisenhower und Churchill. Meine Mutter war eine exzellente Köchin. Vor allem verstand sie es, viele Sorten duftendes, herrliches Brot zu backen. Wenn Mutter das Brot aus der Backstube holte, brach sie vom heißen Brot die Ausbuchtungen ab und gab sie uns mit etwas Butter. Bis heute habe ich diesen köstlichen Geschmack nicht  vergessen. Mutter war nie untätig und dies verlangte sie auch von uns. Selbst wenn mich meine Freundinnen besuchten, hatte sie Arbeit für uns. „Ihr könnt euch unterhalten, aber nebenher das Obst kleinschneiden für das Kompott für den Winter“, sagte sie z.B., wenn sie Äpfel, Birnen oder Pflaumen vor uns hinstellte. Mutter trocknete das Obst in ihrem Backofen oder dünstete es ein, damit ihre Familie im Winter etwas zu essen hatte. Gedanken über die Wintervorräte machten wir Kinder uns aber nicht. Wir wollten spielen, und sobald die Mutter im Haus verschwand, verschwanden auch wir. Wenn ich nach Hause kam, meinte Mutter vorwurfsvoll: „Was wird aus dir?  Wer wird dich schon heiraten?“ Recht hat sie gehabt, mich hat keiner genommen. Später verkündigte Mutter aber sehr stolz: „Über meine Tochter Evropi mache ich mir keine Sorgen. Sie kommt überall zurecht.“
Als meine Mutter älter wurde, entwickelte sie ein sehr inniges Verhältnis zu ihrer Ziege. Während eines Besuches in Griechenland beobachtete ich, dass die Mutter und ihre Ziege immer nebeneinander saßen und sich unterhielten. Mutter schmeichelte ihr: „ Ja, ja, mein Mädchen! Ja, ja, mein Kind!“, worauf die Ziege sehr angeregt und mitteilsam mit: „Mäh, mäh, mäh“, antwortete. Eines Tages besuchte meine Mutter ihre Schwester, was die Ziege nicht verkraftete. Sie vermisste Mutter so sehr, dass sie keine Ruhe mehr gab und den ganzen Tag nur klagend: „Mäh, mäh,…“, rief. Da wir sie nicht beruhigen konnten, schickten wir meinen kleinen Neffen samt Ziege zur Mutter. Den ganzen Weg über soll das arme Tier jämmerlich gerufen haben, bis es von Mutter wieder liebevoll in die Arme geschlossen wurde. Die Wiedersehensfreude muss unbeschreiblich gewesen sein. Als Mutter, der Neffe und die Ziege nach Hause kamen, schmiegte sich die Ziege zärtlich an die Mutter und machte vor Freude kleine Sprünge. 

Nehmen nein, geben ja
Meine Mutter war sehr stolz. Sie ermahnte uns Kinder immer wieder, nichts von anderen Menschen anzunehmen. Dieses Verbot zu beachten, war oft sehr schwer.
Eines Tages sollte ich ein Kleid, das Anthi genäht hatte, zu seiner Besitzerin bringen.
Zur Belohnung wollte mir die Dame ein Bonbon geben. „Nein, nein, danke“, sagte ich und hob lachend die Hände, obwohl mir schon das Wasser im Mund zusammenlief, sobald ich nur an dieses Bonbon dachte. Wenn sie es mir noch einmal anbietet, nehme ich es… Die Versuchung war groß. Mehrfach lockte die Dame mit dem Bonbon. Standhaft drehte ich mich um und ging etwas verschmitzt und sehr stolz nach Hause, da ich stark geblieben bin. 

Vater Konstantinos
Groß, schlank, gutmütig, großzügig, hilfsbereit und humorvoll, meist mit einem lachenden und freundlichen Gesichtsausdruck, so habe ich meinen Vater in Erinnerung. Immer trug er einen Anzug mit der dazu passenden Schildmütze, die von einem Schneider angefertigt waren. Politik betrieb er leidenschaftlich und wurde deshalb nach Onkel Nikolaus Bürgermeister. Oft besuchten uns seine Politiker-Freunde. Wir Kinder bewunderten dann die schicke dunkelgrüne Limousine, die vor unserem Haus parkte. Heute gibt es dieses exklusive Auto nur noch im Museum. Wir lachten über die gehäkelte Gardine, die an den hinteren Fenstern angebracht war. Gardinen würden nur ins Haus passen, dachten wir. Es war jedes Mal ein Fest, wenn Vater uns zum Einkaufen mitnahm. Der Höhepunkt unseres kleinen  Ausfluges war der Besuch der Konditorei von Zacharoplastio. Hier in diesem Schlemmer-Paradies  lockten verführerisch viele Pasta-Sorten, Nuss-Schokolade- und Marzipan-Törtchen und viele Sorten mehr, so dass uns die Entscheidung sehr schwerfiel.
Vater gehörte eine Tankstelle und er betrieb Landwirtschaft. Zusammen mit meinem Onkel Alexander besaß er auch ein riesiges Ungetüm von Dreschmaschine (Bultoza). Nach der Ernte brachten alle Bauern ihre Korn-Büschel auf den Fußballplatz und schichteten diese zu großen Türmen auf, geordnet nach Getreidesorten und Besitzer. Jetzt hatte sich der Fußballplatz für eine kurze Zeit zu einem gigantischen Abenteuerspielplatz für uns Kinder verwandelt. Wo in aller Welt hätte man besser Verstecken spielen können? Bald jedoch kam ein starkes Kettenfahrzeug angefahren, das unsere monströse Dreschmaschine nach sich zog. Das ganze Dorf war versammelt, wenn die Landarbeiter die Dreschmaschine anwarfen und die Korn-Büschel in ihrem dicken Bauch verschwanden. Der Staub mischte sich mit dem würzigen Duft der Strohhalme und Kräuter und kitzelte uns in den Nasen.
Vater verwöhnte seine Kinder und war ihnen Freund und Vater.
Seine Gutmütigkeit und Hilfsbereitschaft habe ich geerbt. Wenn ich auch seine Größe geerbt hätte, wäre das schön. 

Meine fünf Geschwister
Wenn alle Geschwister zusammen in einem Raum waren, gab es oft Streit. Typisch war folgende Szene: Spielzeug, Hefte oder Stifte waren  für Eustathios und mich Anlass zu streiten. Alexander grinste verschmitzt. Olympia hob leicht die Hände. Aus Angst, dass die Situation eskalieren könnte, hatte sie einen bekümmerten Gesichtsausdruck. Anthi gab ihre Kommentare ab. Dimitrius saß auf dem Schoß  der Mutter, und Mutter rief: „Seid endlich ruhig!“  Wenn Vater den Raum betrat, standen wir alle auf und begrüßten ihn. Nicht aus Angst, er war nicht streng, sondern weil wir alle Respekt vor ihm hatten. Mutter war streng, verständlich, bei sechs Kindern! Oft hörten wir von ihr: „ Ich möchte, dass ihr, überall, wohin ihr geht, den besten Eindruck hinterlasst. Wehe, ich höre etwas Böses über euch!“
Viele schöne Erinnerungen habe ich an die langen Winterabende. Wir Jüngeren saßen neben Vater um den Ofen herum. Vater legte Kastanien auf den Ofen. Sobald es knisterte und die Schalen aufsprangen, bekam jeder etwas von diesen Köstlichkeiten ab. Auch Popcorn, das er in einem Topf zubereitete, war beliebt.  Streit gab es nie, solange Vater da war, aber kaum war er weg… 

Anthi
Der Stolz meiner Mutters war meine Schwester Anthi. Sie war hübsch, hatte helle Haut, schwarze Haare und große grüne Augen. Schneidern war ihre Lieblingsbeschäftigung. Sie nähte und strickte für die ganze Familie und versorgte uns mit schönen Kleidern. Wenn ich zu widerspenstig war oder wenn sie eine Situation überforderte, schmierte sie mir zuweilen eine.
Nach und nach entwickelte sie leider starke mütterliche Gefühle für mich, die sie nicht mal ablegen konnte, wenn sie mich in Deutschland besuchte. Anthi bemutterte mich so sehr, dass ich wütend wurde. 2005 ist sie im Alter von 76 Jahren nach kurzer Krankheit gestorben. 

Alexander
In seiner Pfadfinder Uniform sah Alexander richtig gut aus. Er war der Liebling der Familie. Mutter konnte ihm einfach keinen Wunsch abschlagen. Egal, was er anstellte, immer gab es eine Entschuldigung. Nach Abitur und Militärdienst versuchte er, beruflich Fuß zu fassen, was ihm nicht richtig gelang. Schließlich erfüllte er sich seinen Traum und eröffnete sehr erfolgreich zwei Blumenläden, ohne den Beruf eines Floristen gelernt zu haben. Seine Blumensträuße, Kränze und Kreuze waren die fantasievollsten und schönsten in der ganzen Umgebung. Noch nicht ganz 63 starb er 1994 plötzlich in seinem Garten, inmitten seiner Blumen. Seine Frau und seine Kinder arbeiten noch heute in seinem Blumenladen.

Olympia
Olympia war in ihrer Jugend ein sehr gehorsames Kind. Was die Erwachsenen von ihr forderten, machte sie. Als meine Tante Barbara ihr vorschlug, Christos, einen Offizier, zu heiraten, gehorchte sie. Sobald sie geheiratet hatte, entwickelte das ehemalige Mama-Kind eine große Energie. Nicht er verhielt sich militärisch, sondern sie. Vor allem Reisen gehörte nun zu ihren Lieblingsbeschäftigungen.
Das Ehepaar zog ein paar Jahre nach Deutschland, dann gingen sie wieder nach Griechenland zurück, wo Christos 2004 starb.  Heute betreut sie ihren Sohn Georgios in Thessaloniki. Ihr Sohn hat Pharmazie studiert, kann aber seinen Beruf wegen eines schweren Augenleidens nicht ausführen. Olympia ist etwas altmodisch und konservativ.

Eustathios
 Als Eustathios ca. zwei oder drei Jahre alt war, besuchten wir fast täglich unsere Oma. Auf dem Weg zur Oma sprachen die Dorfbewohner oft Eustathios an und streichelten ihn, weil er so bildhübsch war: rundlich, mit schwarzen Augen wie Oliven und langem lockigen Haar. Mich ließen sie links liegen. Ich beobachtete das Ganze und hielt ihn dabei fest an der Hand. Ob ich eifersüchtig war oder ob ich es als normal empfand, dass ein Junge einfach mehr Aufmerksamkeit bekam als ein Mädchen, weiß ich nicht mehr. Als er älter wurde, hätte man ihn als sensibel, charmant und verletzlich beschreiben können. Nach dem Abitur und dem Militärdienst nahm er ein Studium in Deutschland auf, litt aber unter sehr großem Heimweh. Ihm fehlte einfach die griechische Gastfreundschaft und Aufgeschlossenheit. In den 60er Jahren hatten die Deutschen noch viele Probleme, da sie die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges noch nicht ganz überwunden hatten. Aus diesem Grund waren sie Fremden gegenüber sehr reserviert. Hätte Eustathios erlebt, wie hilfsbereit die Deutschen sich heute gegenüber den Flüchtlingen verhalten, hätte er bestimmt geglaubt, ein Wunder sei geschehen.
Nach ein paar Jahren in Deutschland, kehrte er nach Griechenland zurück, wurde Beamter und engagierte sich ehrenamtlich. So förderte er die Fußballmannschaft und war als Schiedsrichter tätig. Auf Omas Grundstück baute er ein Haus und bekam fünf Kinder. Den Tod unserer Schwester Anthi verkraftete er nicht und verstarb 2006 ein Jahr nach ihr in seinem Garten mit den großen Birnbäumen. 

 Dimitrius
Unser Nesthäkchen heißt Dimetrius. Er ist blond, hat blaue Augen wie Olympia und war ein ulkiges Kind, das wir alle liebten. In Olympia fand er eine zweite Mutter. Er erbte die Kochkunst der Mutter und ihre Liebe für den Gemüseanbau und die Tiere. Bereits mit vier oder fünf Jahren lief er durch das Dorf und konnte der Mutter daraufhin berichten, wie viele Katzen, Hunde und andere Tiere die Dorfbewohner dort hatten. In Thessaloniki studierte er Elektrotechnik und machte später in einer Firma Karriere.  Er ist ein Familienmensch, bekam vier Kinder, liebt alles Schöne und ist immer schick und edel angezogen. Wehe, jemand hat dieselben Klamotten an wie er. 

Unser Freund -  apidi (der Birnbaum)
Spielkameraden gab es immer genug, denn  Geburtenkontrolle war noch kein Thema. Alle Kinder unserer Umgebung spielten in Veria  zusammen auf der Straße. Wenn dies langweilig wurde, musste nur jemand rufen: „Gehen wir ins Dorf“, dann marschierten alle Kinder los - nach Nea Nikomidia.
Das war für uns gar keine Strecke. Alle zusammen zogen wir die zehn/zwölf Kilometer singend und lachend ins Dorf, niemand hat auf uns aufgepasst, denn es bestand überhaupt keine Gefahr für uns. Nach ausgelassenem Toben auf dem Fußballplatz, besuchten wir meist unseren Freund „apidi“, den alten Birnbaum, der mitten auf einer großen Wiese stand. Alle liebten den „apidi“, auf  seinem Stamm kletterten wir hoch, in seinem Blätterdach träumten wir. Manchmal sind wir auch heruntergefallen. Wenn wir müde waren, schliefen wir unter dem Birnbaum im Gras, bis uns die Ameisen gezwickt haben und wir aufgewacht sind. Auch die Bauern liebten diesen Baum. Wenn sie müde von ihrer Feldarbeit zurückkamen, legten sie in seinem kühlen Schatten eine Pause ein. Abends zog die ganze Kinderschaar dann wieder fröhlich zurück nach Veria. 

Barba Janis
Der Ersatz-Opa meiner Jugendjahre war der serbische Schäfer Barba Janis, der jedes Frühjahr sein Sommerquartier in Nea Nikomidia aufschlug. Er wohnte in unserem alten Haus und war wie eine Märchenfigur angezogen: Seine Pumphosen und der lustige Turban, den er um seinen Kopf geschlungen hatte, gaben ihm ein exotisches Aussehen. Barba Janis war ein gutmütiger Mensch, der Kinder mochte. Sein Esel allerdings war ein störrischer Geselle, der jeden abwarf, der versuchte, auf ihm zu reiten. Es war uns Kindern streng verboten, auf seinen Rücken zu steigen, da die Verletzungsgefahr sehr hoch war. Aber gerade das reizte uns und so war es von Vorteil, Prellungen oder blaue Flecken vor unseren Eltern zu verstecken.
Damit Barba Janis die Schafe abends melken konnte, mussten sie in einen kleinen Pferch getrieben werden, der mit Holzgattern aus Ästen und Zweigen umzäunt war. Wir Kinder schoben voll Freude die Schafe in den Pferch, weil wir nach dem Melken frische,  köstliche Schafsmilch mit unseren Tassen schöpfen durften. Auf dem  Nachhauseweg ließen wir uns dieses Geschenk dann schmecken.

Euthimis, genannt Thimios
Eines Tages kam in unser Dorf ein freundlicher, buckliger, junger Mann. Die Dorfbewohner nahmen ihn herzlich auf. Weil er behindert war, bauten sie für ihn ein kleines Haus. Thimios schaffte sich einen Karren mit zwei Rädern an, der von einem Esel gezogen wurde. So fuhr er durch das Dorf. Samstags sammelte er die Schuhe von vielen Dorfbewohnern ein, die er am Sonntagmorgen bereits vor der Kirche wieder verteilt hatte. Ich hatte Mitleid mit ihm, weil ich dachte, dass der Arme die ganze Nacht nicht geschlafen habe. Meine Mutter verglich ihn mit einer Ameise, er sei immer fleißig und immer in Bewegung. Ich bewunderte ihn, und wenn ich ihn auf der Straße traf, begrüßte ich ihn immer mit Jaaasuuu (Grüß dich). Später wurde Thimios von Tante Maria, genannt Manikutina („die Tante mit dem schönen Rosengarten) unter die Haube gebracht. Seine Ehefrau war eine hübsche, junge Frau, mit der er drei gut aussehende, intelligente Kinder bekam. Oft habe ich in späteren Jahren das Grab von Thimios besucht. 

Zery oder die Story im Theater
Eines Tages brachte mein Neffe Konstantin einen kleinen, süßen Mischlingshund mit nach Hause. Er war noch so winzig, dass wir ihn mit der Flasche aufpäppeln mussten.
Alle im Dorf kannten Zery und liebten ihn. Mich mochte er ganz besonders. Sobald er am Telefon meine Stimme hörte, winselte er wie verrückt. Wenn ich nach Griechenland kam, freute er sich so, dass er mir bis auf den Kopf  sprang.
Eines Tages führte mein Neffe zusammen mit anderen jungen Leuten ein Theaterstück auf. Zery durfte mit in den Theaterraum und verhielt sich anfangs sehr brav und ruhig. Als es allerdings auf der Bühne eine inszenierte körperliche Auseinandersetzung zwischen meinem Neffen Georgios und einem anderen Schauspieler gab, sprang Zery wild bellend auf die Bühne, ging auf den Angreifer los, um meinen Neffen zu verteidigen. Die Dramatik war plötzlich weg. Schauspieler und Publikum brachen in schallendes Gelächter aus und alle riefen: „Zery, Zery…“

Spitznamen
Die meisten Menschen wurden in unserem Dorf mit ihren Paratsukli (Spitznamen) gerufen. Diese Namen konnte man sich sehr gut merken, da sie vom Aussehen, der Art des Redens oder den Verhaltensweisen der Personen hergeleitet wurden. Von Tarzan bis Kolitiri (der Aufdringliche) hörte man. Bei dieser Namensgebung gab es keine Verwechslungen, wenn auch Alexander, Sokrates, Aristoteles klangvoller gewesen wären.

Schimpfwörter
In Deutschland wunderte ich mich über die vielen Schimpfwörter, die im Umlauf waren. Mein Gott, bei uns gibt es auch welche, aber nicht so viele. Von der Jugend wird häufig das Wort Malaka benutzt, das übersetzt ungefähr Wichser bedeutet.
„Ela Malaka“ (komm Malaka), „doch Malaka“, „ja Malaka“,nein Malaka“  hört man überall , aber keine weitere Steigerung. Gleicht das nicht eher: „Hallo, Herr“ oder noch besser: „Hallo Sir“?

Läuse
Mein Onkel Nikolaus war Bürgermeister von Nikomidia und wohnte in Veria. Oft durfte ich seine nette Familie in Veria besuchen. Voraussetzung  aber war, dass ich mich als Erstes bei Ihnen gebadet habe. Anschließend hat mir meine Tante die Läuse entfernt. Mir war dies etwas peinlich. Ich glaube, dass sich meine Tante ein bisschen geekelt hat, denn sie drehte  bei ihrem Bemühen, mich zu entlausen, zuweilen den Kopf und spukte auf den Boden. Sehr routiniert befreiten mich aber meine Eltern und meine Oma von meiner Läuseplage. Kaum hatten sie jedoch diese Blutsauger beseitigt, krabbelten schon wieder neue auf meinem Kopf. Niemand konnte sich erklären, weshalb meine fünf Geschwister gänzlich von diesen Viechern verschont geblieben sind.
Als Erwachsene unternahm ich einmal eine Reise nach Zypern und Israel. Nach dem Urlaub juckte mein Kopf ganz fürchterlich. Die Kolleginnen meinten, das sei das Salzwasser, das die Haut ausgetrocknet hätte. Welch ein Irrtum? Wie so oft in meinem Leben hatte ich leider wieder eine ganze Menge dieser Tiere magisch angezogen.

Schulzeit
In Veria erwarb mein Vater das Haus gegenüber von Onkel Nikolaus. Nach und nach kauften die Dorfbewohner von Nea Nikomidia ein Grundstück in Veria, und so entstand dort eine größere Pontioi-Siedlung.
Die erste Schulzeit verbrachten wir in Militärbaracken, da die Schule mit Flüchtlingen belegt war. Woher diese Flüchtlinge kamen, weiß ich nicht. Dann wurden Häuser für diese Menschen gebaut und wir konnten in der Schule unterrichtet werden.
Wir Kinder gingen gerne zur Schule, da wir uns vor Schulbeginn in eine Reihe stellen durften und alle Kinder eine Tasse Milch und ein Rosinenbrot erhielten. Die Familien waren durch Vertreibung und Flucht, den Zweiten Weltkrieg und die Bürgerkriege so verarmt, dass viele Kinder hungern mussten. Vermutlich haben ausländische Hilfsprogramme diese Speisungen bezahlt.
Nach Unterrichtsende stand der Lehrer in der Tür und verabschiedete uns und wir mussten ihm unsere Hände entgegenstrecken. Er schaute, ob wir saubere Hände und Nägel hatten – gut, dass der Lehrer nie meinen Kopf kontrollierte, der ja immer voll Läuse war. Die Schulzeit war schön, wir lernten fleißig, spielten, trieben viel Sport und lernten im Fach Handarbeiten Nähen, Stricken und Sticken.  Am Schluss des Jahres stellten wir diese Handarbeiten in einer Art Ausstellung vor. Sie wurden von den Besuchern bewundert und wir bekamen viel Lob, worauf wir sehr stolz waren. Das Schuljahr endete mit vielen Sportaktivitäten im Stadion. Diese Veranstaltung füllte das Stadion, da keiner dieses Sportereignis versäumen wollte.
Nach der sechsten Klasse Volksschule kam ich ins Gymnasium in Veria, wo ich das Abitur abgelegt habe. Ich bin immer gerne zur Schule gegangen.

Bürgerkrieg (1940-46)
Die Partisanen kamen meist nachts in unser Dorf und brachten Schrecken und Todesangst mit sich.
Sie suchten in den Häusern nach Mädchen und jungen Männern, um diese unter Gewaltanwendung in ihre Lager und Stellungen in den Bergen zu verschleppen. Ein mutiger junger Mann, der selbst Opfer der Partisanen geworden war, rettete meine Schwester Olympia vor der Zwangsrekrutierung. Mein Vater und meine Mutter waren in dieser Nacht mit meiner Schwester Olympia alleine zu Hause und hörten, wie ein Partisan den Jungen fragte, ob in unserem Haus jemand wohne. Der Jugendliche riskierte viel, als er den Partisan anlog und ihm erwiderte, dass wir nicht hier, sondern in Veria leben würden. Der Partisan glaubte ihm und drang nicht in unser Haus ein.
Da Olympia groß und etwas korpulent war und so älter ausgesehen hatte, als sie in Wirklichkeit war, hätte sie keine Chance gehabt, einem schlimmen Schicksal zu entkommen. In dieser Nacht mussten mehrere Jungen und Mädchen aus unserem Dorf mit diesen Monstern in die Berge ziehen.
Irgendwann gelang dem einen oder anderen der Entführten die Flucht, und das war dann immer ein großes Ereignis. Ich kann mich noch daran erinnern, als Theodor zurückkam. Er versteckte sich in den Feldern und bat einen Dorfbewohner, der ihn erkannte, seine Mutter zu benachrichtigen. Obwohl Theodor keinesfalls freiwillig zu den Partisanen gegangen war, hatte er große Angst vor der regulären Polizei, die mit Partisanen oft kurzen Prozess machte.
Als es dunkel wurde, suchten seine Familie und das ganze Dorf nach dem stark traumatisierten jungen Mann. Irgendwann ist Theodor aus seinem Versteck herausgekommen. Die Dorfbewohner bildeten entlang der Straße ein Spalier und begrüßten ihn. Viele weinten. Ich selbst stand vor unserem Haus und sah die Menschen vorbeilaufen. Die Situation war so emotional, dass auch ich weinte, obwohl ich nicht alles begriff.
Wenn die Nachricht ins Dorf kam, dass ein gekidnappter Jugendlicher bei den Partisanen umgekommen war, wurde es gespenstig still im Dorf. Alle menschlichen Laute verstummten und es legte sich eine tiefe Trauer über das ganze Dorf.

Evakuierung unseres Dorfes
Eines Tages spielte ich mit meiner Cousine, als wir von Weitem Schüsse vernahmen, die wir aber zuerst nicht bedrohlich fanden. Zwei Dorfbewohner kletterten auf einen
Holzstapel, um zu sehen, woher die Schüsse kamen. Auf einmal brach Panik aus und alle Dorfbewohner rannten zum Kanal. Das war die entgegengesetzte Richtung, aus der wir die Schüsse hörten. Meine Cousine und ich stürzten in die Menge, wo ich meinen Vater fand. Um den Partisanen zu entkommen, mussten wir den Kanal überqueren. Es war ein gefährliches Unterfangen, da der Kanal eine sehr hohe Uferböschung hatte und ca. 30-35 m breit war. Das Wasser war schmutzig und niemand wusste, wie tief es war. Die Schüsse kamen näher und  deshalb sprangen viele in höchster Not ins Wasser. Der Vater nahm mich und meine Schwester unter den Arm und trug  uns auf die andere Seite. Wir waren gerettet, aber es fehlten noch meine Mutter und Großmutter und andere ältere Menschen. Vater und Georg, ein kräftiger junger Bursche aus der Nachbarschaft, schafften es schließlich, alle Omas und Opas ans sichere Ufer zu bringen.
Nach einem Marsch durch Felder und Wiesen, vorbei an dem Dorf Likojani erreichten wir schließlich Taramoni. Dort versammelten wir uns alle um die Kirche herum. Die  gastfreundlichen  Dorfbewohner von Taramoni kochten für uns in großen Töpfen pilafi - das ist Bulgur. Nicht alle konnten jedoch essen, da sie zu erschöpft waren.
Schließlich kamen wir im Zentrum von Veria in einem großen gelben zweistöckigen Haus unter. Es gehörte Charilaus, einem Händler, der mit zwei großen Körben häufig unser Dorf besuchte, aus denen er Bonbons und andere Kleinigkeiten verkaufte. Wir Kinder freuten uns immer, wenn er auftauchte, weil Vater uns dann Bonbons kaufte.  Charilaus war ein Freund meines Vaters und ziemlich oft bei uns. In seinem Haus fühlten wir uns nun sicher. Charilaus nahm alle Menschen, die bei ihm Schutz suchten, auf.
Helena, die behinderte Tochter des Lehrers, musste im Dorf zurückgelassen werden, da sie nicht in der Lage war, so weit zu laufen. Alle hofften, dass die Partisanen einem behinderten Kind nichts antun würden. Am nächsten Morgen holte Vater Helena zu uns nach Veria.  Helena erzählte uns Kindern, was sie vom Partisanen-Angriff mitbekommen hat: Sie sei hinter den Gardinen gestanden und habe beobachtet, wie Partisanen an Tante Marias Gartenzaun gestanden seien. Tante Maria war sehr streng, oft hat sie uns mit ihrem Stock verjagt, und wir durften niemals in ihren Rosengarten. Helena hat nun gesehen, wie einer der Partisanen gerade in diesen „heiligen“ Rosengarten gepinkelt habe.
Helena war unentdeckt geblieben, ihr war nichts passiert, aber mich haben die Gedanken an ihre Situation lange mit Angst erfüllt. Ich stellte mir vor, wie es ist, ganz alleine schutzlos bewaffneten Partisanen gegenüberzustehen.

Mutters folgenreiche Fingerverletzung
Wir blieben dann etwas länger als die anderen Schutzsuchenden im Haus von Charilaus, da sich meine Mutter auf der Flucht am Finger verletzt hatte. Der Finger war ganz dick angeschwollen und hat nicht gut ausgesehen. Sie lag im Bett mit der  Hand nach oben. Schmerzvoll verzog sie ihr Gesicht und jammerte. Kein Arzt war in der Nähe, der ihre Schmerzen hätte lindern können.
Die Schmerzen kamen jedoch nicht nur von dem verletzten Finger, denn irgendwann war auch ein Baby da. Ich hatte nichts von einer Schwangerschaft bemerkt, aber auf einmal war mein Bruder Dimitrios geboren.
Damals war Schwanger-Sein etwas peinlich und man hielt die Schwangerschaft versteckt, ganz im Gegensatz zu heute. Heute stellen die Mütter stolz ihren dicken Bauch zur Schau.
Wenn aber das Baby da war, gab es ein großes Fest und alle haben sich gefreut.
Ich selbst glaubte von nun an noch lange daran, dass ein geschwollener, verletzter Finger im direkten Zusammenhang mit dem Kinderkriegen steht, und habe dies auch meinen Freundinnen erzählt.

Die Zeiten der Angst
In der Zeit der blutigen Bürgerkriege redeten die Erwachsenen immer von „fovos“, auf Deutsch - „Angst“:  Angst vor Partisanenangriffen, Angst vor Zwangsrekrutierungen, vor Plünderung und Folterung. Sobald es dunkel wurde, haben sich die Menschen in ihre Häuser eingeschlossen und die Türen und Fenster verriegelt. Da lief nichts mehr auf der Straße, man hörte nachts nur die Hunde bellen. Dann kamen wieder glückliche Zeiten, in denen die Menschen mit offenen Fenstern und Türen schliefen. Heute reden die Menschen wieder von „fovos“, aber nicht vor den Partisanen, sondern vor den Einbrechern.

Meine Pläne
Von klein auf schmiedete ich Pläne und dachte, eines Tages werde ich die Welt entdecken.
Irgendwann sprachen die Erwachsenen vom Auswandern nach Kanada oder Australien. Einige unserer Verwandten und Bekannten, z.B. meine Cousine Maria, hatten sich schon auf den Weg nach Kanada gemacht. Mehrere Spielkameraden und ich stellten uns Kanada oder Australien traumhaft vor und wollten keinesfalls verpassen, uns rechtzeitig für die Ausreise anzumelden. Zielstrebig suchten wir das Kafenion, eine Männerkneipe, auf, um dort unser Anliegen vorzubringen. Lange standen wir an der Türe, bis der Mann, der für die Ausreiseformulare zuständig war, fragte: “Was wollt ihr?“  „Wir möchten uns anmelden.“ „Wohin?“, wollte er wissen. „Nach Australien“ antworteten wir entschlossen.
Er hatte seinen Spaß! Da er uns kannte, notierte er mit ernster Miene unsere Namen und wir dachten, die Formalitäten für die Ausreise seien erledigt. Wochenlang machten wir mit großer Energie Pläne, was wir in Australien alles unternehmen würden, aber nichts geschah…Viele Griechen emigrierten in der Zwischenzeit und wir warteten und warteten…
Eines Tages fragte Vater unsere Mutter, ob unsere Familie nach Australien emigrieren solle. Sie antwortete ihm sehr zornig: „ Nirgendwo gehe ich hin“. Sie hatte genug von Ihrer dramatischen Flucht aus der Türkei und ihren Umzügen innerhalb Griechenlands. Ich belauschte diese Auseinandersetzung meiner Eltern und zog daraus den Schluss, dass Australien nichts Besonderes sei. Von diesem Tag an wartete ich nicht mehr auf unsere Ausreisepapiere.
Schon als Kind hörte ich von Amerika und hatte einen lebhaften Bezug zu New York. Ich stellte mir die gigantischen Wolkenkratzer vor und einen Kasten, in dem sich kleine Menschen tummelten und sprachen. Später erkannte ich, dass dieses magische Gerät ein Fernseher war. Als ich das erste Mal in diese Stadt reiste, versuchte ich, all das zu finden, was ich mir ausgemalt hatte. Das imposante New York hat mich so sehr beeindruckt, dass ich es immer besuche, wenn ich auf einer Reise durch Amerika oder Kanada bin.

19. November 1960,  Aufbruch und Ankunft
Als  ich das Abitur in der Tasche hatte, freute ich mich sehr, endlich alle meine Pläne in die Tat umsetzten zu können, aber ich habe nicht mit meinen Eltern gerechnet. Sie waren der Meinung, ich sollte in Thessaloniki studieren. Ich rebellierte ohne Erfolg und  beantragte viermal vergeblich einen Pass, den ich aber ohne Einverständnis der Eltern nicht abholen durfte. Die Beamten schimpften, da sie unnötige Arbeit hatten.
Erst als meine Tante Nitsa, deren beide Söhne bereits in Deutschland studierten, für mich Partei ergriff, erlaubten mir meine Eltern, nach Deutschland auszureisen. Ich machte mich umgehend auf den Weg, aus Angst, dass es sich meine Eltern anders überlegen könnten. Am 19.11.1960, einem sonnigen Tag mit einem wunderschönen blauen Himmel, verabschiedete ich mich von allen und fuhr in Begleitung meiner älteren Geschwister nach Thessaloniki, wo Tante Nitsa bereits wartete. Ich stieg in den Zug und winkte vom Fenster aus, bis ich niemanden mehr sah. Mit im Abteil saßen Studenten, deren Ziel ebenfalls Deutschland war. Mein Bruder hatte auf dem Bahnsteig bereits Kontakt mit einem von ihnen aufgenommen und ihn gebeten, auf mich aufzupassen, da ich das erste Mal eine so lange Reise unternehmen würde. Die Zugfahrt durch das ehemalige Jugoslawien, Österreich und Bayern war lustig und schön, wir hatten ja alle so viele Träume. Ich saß am Fenster und war fasziniert von den großen Wäldern, die wir passierten, und von der Architektur  der Häuser. Ich kannte nur Flachdächer, nun erblickte ich Häuser mit steilen spitzwinkligen Dächern.

Ankunft in Deutschland
Tante Nitsa hatte mit einer Freundin vereinbart, dass sie mich auf dem Bahnhof in München abholen sollte. Als Erkennungszeichen sollte ein Strauß weinroter Chrysanthemen dienen, die normalerweise auf den Friedhof gehören. Als wir nach über 36 Stunden Fahrt endlich ausstiegen, ließen die Blumen schon traurig ihre Köpfe hängen. Der Münchner Hautbahnhof überwältigte mich: so viele Menschen, so viele Sprachen!  Ich hatte einen großen, schweren Koffer bei mir, vollgepackt mit Kleidern, Bettwäsche, Handtüchern, den ich ohne Hilfe nicht tragen konnte. Es dauerte eine Weile, bis mich eine Frau ansprach, ob ich Evropi sei. Müde wollte ich ihr in die Arme fallen. Doch dazu ließ sie es nicht kommen, sondern schrie mich an: „Ich kann nichts für dich machen, mach, was du willst!“, daraufhin drehte sie sich um und verschwand. Warum sie so gewissenlos gehandelt hat, weiß ich nicht. Verständlicherweise beendete Tante Nitsa  umgehend  ihre Freundschaft mit dieser Frau. Der Student, der meinem Bruder versprochen hatte, auf mich aufzupassen, hat Wort gehalten und ließ mich nicht alleine auf dem fremden Bahnhof zurück. Plötzlich tauchte Apostolos auf, ein Mitschüler aus Griechenland, mit dem ich zusammen die Volksschule und das Gymnasium  besucht hatte. Leider konnte dieser mir nicht  helfen, da er gleich nach Graz, seinem neuen Studienort, weiterfahren musste. Ganz selbstlos hat mich nun der griechische Student aus meiner Notlage befreit:
Nach einer kurzen Lagebesprechung fuhren wir mit Hilfe einer Mitfahrzentrale nach Stuttgart, wo mein Cousin Dimitrios, der Sohn meiner Tante Nitsa, lebte.
Dimitrios, der nichts von meinem Besuch wusste, war nicht zu Hause. Umso heftiger wurde ich von seiner Wirtin empfangen. Sie schimpfte, packte mich am Arm und schüttelte mich hin und her. Da ich sie nicht verstand, lachte ich. Ich dachte, dass die Deutschen so komische Sitten hätten. Erst später erfuhr ich, dass die Wirtin wütend auf den hübschen Dimitrios war, da er so viele Damen mit auf sein Zimmer nahm.
Die Frau konnte anfänglich nicht ahnen, dass ich nur seine Cousine gewesen bin.
Nachdem das Missverständnis ausgeräumt war, durfte ich auf sein Zimmer gehen.
Dimitrios kam um Mitternacht. Ich baute mir ein Lager auf dem kalten Boden, konnte aber trotz Übermüdung die ganze Nacht nicht schlafen, da ich entsetzlich gefroren habe. In einem Cafe bestellten wir uns am nächsten Tag ein Nudelgericht. Immer noch war ich so sehr erschöpft und zittrig, dass ich die Nudeln nicht auf der Gabel halten konnte.

Bettwäsche bügeln und Deutsch lernen
Bald bekam ich Arbeit in einem Krankenhaus, wo ich an Industriebügelmaschinen Bettwäsche bügelte. Das Krankenhaus stellte Zimmer und Verpflegung und meine Arbeit war sehr einfach. Am ersten Zahltag war ich stolz und glücklich, 180 DM Lohn, mein erstes selbstverdientes Geld bekam ich in bar ausbezahlt, da ich noch kein Konto hatte. Mit großer Energie lernte ich nun Deutsch, um ein Studium aufnehmen zu können. Montags und freitags besuchte ich in der Hochschule Stuttgart einen Sprachkurs. Immer hatte ich mein Deutschbuch bei mir, um alle Plakate, Schilder und Schriften übersetzen zu können. Nach drei Monaten war ich irrtümlich der Meinung, dass ich schon sehr gut deutsch reden konnte, obwohl das eigentlich hauptsächlich Schwäbisch war.

Ausbildung zur Kosmetikerin
Eigentlich wollte ich in Berlin Architektur studieren oder einen Beruf erlernen, aber ich fühlte mich während meines mehrmonatigen Aufenthaltes fremd  und eingeschlossen in dieser Frontstadt. Viel verlockender fand ich die Idee, in Stuttgart in einer ausgezeichneten Kosmetikschule eine Ausbildung zu absolvieren. Schon als Kind habe ich mir heimlich meine Nägel lackiert, Lippenstift oder ein bisschen Creme aufgetragen. Kosmetik war meine Welt. Die Begegnung mit schönen Frauen, exotischen Düften, bunten Farben, Luxus und Glamour lockten mich. Es war auch damals nicht einfach, eine kleine Wohnung zu finden. Eine Episode werde ich wohl nie vergessen: Ich bekam eine Adresse, ging hin und stieg die knisternde hölzerne Treppe bis zum fünften Stock hinauf. Eine Frau, von der ich nur ihre Augen und einen Teil ihres Gesichtes sah, fragte: „Wo kommet Sie denn her?“Als ich lachend antwortete: „Aus Griechenland“, kam eine Hand zum Vorschein, die eine abweisende Bewegung machte. Und mit dem Satz:“ Ach noi, mir wollet koi Ausländer“, schloss sie wieder die Türe. Ich stand da, schmunzelte ein bisschen und dachte: „Komische Menschen, die Deutschen.“ Ich bekam doch noch ein Zimmer im Zentrum der Stadt, allerdings ohne warmes Wasser und Küchenbenutzung. Noch aber hieß es, in jeder freien Minute zu arbeiten, um Lebensunterhalt und Schulgebühren bezahlen zu können. Mittags ging ich mit meinen Freundinnen von der Schule in ein Restaurant, in dem wir für 1,80 DM Suppe essen konnten. Die Wecken wurden dort nicht gezählt, weshalb wir immer satt aufgestanden sind. 

Promotion-Tour  für Revlon durch ganz Deutschland (63/64)
So langsam fühlte ich mich wohl in Deutschland. Unmittelbar nach der Ausbildung hat mich die Kosmetikfirma Revlon engagiert, um mit ihren Kosmetikprodukten eine Promotion-Tour durch ganz Deutschland zu machen. Auf  dieser Tour lernte ich viele interessante Menschen und Städte kennen. Die damalige Transitstrecke nach Berlin steckte immer voller Überraschungen. Die Straßen waren marode und voller Schlaglöcher und zweimal kassierten uns DDR-Polizisten wegen angeblicher Überschreitung der Geschwindigkeit ab. Beim zweiten Mal Abzocke sagten wir zu dem Polizisten: „Mit diesem Geld können Sie die Straße ausbessern.“ Er antwortete gereizt: „Nicht frech werden, junge Damen!“  Wir zogen es vor, schnell wieder zu verschwinden, denn mit der DDR-Administration  war nicht zu spaßen.

 

Festanstellung in einer Parfümerie in Stuttgart 1964
Fast 32 Jahre meines Arbeitslebens verbrachte ich in Stuttgart in einer Parfümerie, wo ich beraten, verkaufen und kosmetische Behandlungen durchführen durfte.
Meine Chefin war verständnisvoll und wir konnten uns immer an sie wenden, wenn wir Probleme hatten. Die Kolleginnen hatten keine Vorurteile mir gegenüber, jedoch gab es anfänglich zu einigen Kolleginnen doch eine gewisse Distanz, die überwunden werden musste. Ich habe mir das nicht allzu sehr zu Herzen genommen, aber ab und zu habe ich schon geweint. Wenn einige Kolleginnen mit einem trockenen „gude Morgeh“ zur Arbeit kamen, war ich meist lustig und fröhlich, manchmal tanzte und sang ich auch, weil die Arbeit mir eben Spaß gemacht hat. Eine Kollegin erzählte mir, dass unsere Chefin nicht verstehen könne, dass ich morgens immer so ausgelassen sei. Die Chefin würde vermuten, dass ich möglicherweise „besoffen“ ins Geschäft käme. Das Wort „besoffen“ kannte ich nicht, erst als meine Kollegin es mir mit dem typischen Trinkzeichen erklärte, verstand ich den Wortsinn. „Komische Menschen sind das! Nicht mal lustig kann man hier sein“, dachte ich. Da ich keinen Tropfen Alkohol anrührte, war ich sehr erstaunt über die Aussage der Chefin. Ich wollte sie mit unserer Lebensart bekannt machen und fragte sie deshalb, ob wir alle zusammen in eine griechische Taverne gehen würden. 1965 waren griechische Gasthäuser noch relativ unbekannt in Deutschland, deshalb war sie sehr verblüfft über meinen Vorschlag. Erst als ich ihr klarmachte, dass wir Griechen keine Kannibalen sind, willigte sie nach vielem Hin-und-Her ein.
Kaum hatten wir uns hingesetzt, kam schon ein Kellner und brachte uns Ouzo. „Wir haben doch nichts bestellt. Was ist das Ouzo? “ Skepsis breitete sich sofort in der Gruppe aus.  Ich beruhigte alle und erklärte: „Ouzo ist griechischer Schnaps und bei uns gibt es drei Nationalgetränke: das ist Ouzo, Retzina und Metaxa.“  Wir waren also in der Taverne, haben fürstlich gespeist, uns unterhalten und Landsleute kamen an unseren Tisch und haben uns mit interessanten Geschichten erfreut. Und am Schluss, als wir gerade mit Essen fertig waren, servierte uns der Ober noch einen Kognak. Die gastfreundlichen Griechen ließen es sich nicht nehmen, mit uns zum Abschied einen griechischen Tanz einzustudieren. Alle waren so fröhlich, ausgelassen und frei. Ab diesem Abend waren wir Dauergäste in der griechischen Taverne. Meine Chefin hat sogar ihren Abschied in dieser Taverne gefeiert.
Während der Arbeit in der Parfümerie gab es viel zu lachen. Einmal  kam ein Mann in das Geschäft und benahm sich merkwürdig unsicher. Dann bin ich auf ihn zu und habe ihn gefragt: „Was kann ich für sie tun?“ Ganz schüchtern fragte er mich: „Haben Sie auch Schutzmittel“?Ja, ja“, sagte ich, „haben wir.“ Überzeugt, ihn richtig verstanden zu haben, brachte ich ihm Mottenpulver. Er schaute mich daraufhin an und ich schaute ihn an und meinte: „Das ist schon richtig!“ Eilig ist er dann davon gelaufen. Meiner Chefin berichtete ich das merkwürdige Verhalten des Kunden. Die Chefin fragte: „Warum? Was wollte er?“Schutzmittel“, erwiderte ich.Und was haben Sie ihm gegeben?“Mottenpulver“. Da hat sie herzlich gelacht. Erst jetzt begriff ich, dass dieser  Mann sich nicht getraut hat, das Wort „Kondome“ vor mir, einer jungen Frau, auszusprechen.
Sehr witzig fand ich auch eine andere Episode: Eines Tages fragte eine Kundin in breitem Schwäbisch nach einem Artikel. Da ich sie nicht verstand, bat ich eine schwäbische Kollegin um Übersetzungshilfe. Die Kollegin hörte die Kundin an und wollte erstaunt wissen: „Woisch net, was des isch?“ Die Kundin schaute uns abwechselnd an und sagte dann belehrend zu mir: „Wisset‘se in Deitschland sollt ma scho deitsch schwätze kenne.“

Mein zehnjähriges Jubiläum
Mein zehnjähriges Jubiläum wurde in der Parfümerie ganz groß gefeiert. Alle Kolleginnen und unsere Chefs waren zu der Jubelfeier eingeladen. Im Lager, das an die Parfümerie angrenzte, stellte ich mit einer Kollegin die Tische zusammen und gegen Mittag kam der griechische Partyservice. Es wurden viele Tabletts mit griechischen Spezialitäten aufgetischt und dazu Ouzo, Retzina, Metaxa. Alle waren überrascht und einige meinten skeptisch: „Ihr Südländer esst doch immer so viel Knoblauch und Zwiebeln…“, aber kaum hatten sie ihre Bedenken geäußert, griffen sie schon kräftig zu und verspeisten von diesen Gewächsen mehr als ich.
Das Essen schmeckte wunderbar, besonders die Tomaten, die mit der berühmten Knoblauchsoße Zaziki gefüllt waren. Alle Gäste aßen davon und nachher roch die Parfümerie  mehr nach Knoblauch  als nach erlesenen Parfum-Düften. Meine Chefin verteilte nachmittags zwar starke Pfefferminzbonbons, die aber den Knoblauchduft nicht übertönen konnten. 

Reiseführerin, mein Zweit-Job
Manchmal hat man einfach Glück! Nach einem Segeltörn um die griechischen Inseln, den ich zusammen mit meiner Clique unternahm, rief mich der Reiseveranstalter an und fragte mich, ob ich diese Reise nicht als Reiseleiterin begleiten möchte. Ihm gefiel es, was ich den Reiseteilnehmern über die griechische Mythologie und Geschichte während der Fahrt erzählt hatte. Auch konnte ich natürlich dolmetschen und mit Griechen in Kontakt treten. Ich nahm das Angebot freudig an und habe diese Tour einige Jahre lang geleitet. Es waren immer so ca. 35 Personen an Bord und eine Tour dauerte 14 Tage. Die Reise führte uns von Griechenland bis in die Türkei: von Istanbul bis Rhodos, von Athen durch den Kanal von Korinth nach Delphi, Olympia, Ithaka, Antipaxoi bis nach Korfu. Bis tief in die Nacht habe ich mich oft vorbereitet, um als Reiseleiterin meinen Gästen Geschichte und Kultur dieser spannenden Region erklären zu können.
Einmal erlebten wir einen Sturm. Wir fuhren von Aigina nach Mykonos, als plötzlich ein heftiger Sturm losbrach, was in dieser Gegend  häufig vorkommt. Der Sturm  peitschte das Meer auf  und trieb Wellen vor sich her, die höher als unser Schiff waren. Es war nun nicht mehr möglich, das Schiff zu steuern. Wir wurden so heftig hin- und hergeschleudert, dass wir befürchten mussten, nie mehr an Land zu kommen. Schließlich landeten wir in Milos, statt  auf  Mykonos, wo wir warten mussten, bis sich der Sturm gelegt hatte.
Selbst das ZDF interessierte sich für diese Reise und  drehte eine Reportage mit dem Titel: „Das Geschäft mit dem Segel“, die an einem Sonntagnachmittag gezeigt wurde.
Später durfte ich in Stuttgart, München und Berlin im Rahmen von großen Tourismusmessen  für den zypriotischen Fremdenverkehr werben.

Integration
Ich hatte verschiedene Cliquen. Wenn ich aber mit meiner griechischen Clique und meinen Kolleginnen in die Taverne kam,  konnte ich ganz sicher sein, dass ein schöner Abend bevorstand. Wir verbreiteten so viel Stimmung und Spaß, dass auch die vielen Deutschen, die im Lokal waren, angesteckt wurden und bei unseren Späßen und Tänzen mitmachten.
Die Stimmungskanonen waren: der Gitarrenspieler Akis, der Sänger Georgios, genannt Blacky, weil er so dunkel war, der Trinker Joannis, der immer Retzina  trank, sein Glas hob und dabei genussvoll sprach: „Schaut, griechischer Wein glänzt wie Gold.“  Nicht zu vergessen die Tänzerin Evropi. Mit Musik, Gesang und Tanz stellten wir die Taverne auf den Kopf und immer wurden wir gefragt:“ Wann kommt ihr wieder?“
Eines Tages tanzten wir den kretischen Tanz Pentozali (fünf Schritte). Wörtlich übersetzt: pente (fünf), zali (Schwindel), also fünfmal schwindelich. Kam ein Deutscher und wollte wissen, wie dieser Tanz heißt. Ich übersetzte ihm ausführlich den Namen des Tanzes. Bald besuchte er mich an meinem Arbeitsplatz und lachte sehr freundlich. Ich begrüßte ihn und fragte, was ich für ihn tun könne. Er lächelte mich an und antwortete: „Wann kommen Sie wieder in die Taverne und tanzen den Fünfmalschwindelich? Nach und nach wurde unsere Clique größer und die meisten waren Deutsche, die wirklich alles mitmachten.

Heiraten?
An Heiraten habe ich nie gedacht, obwohl ich einige gute Gelegenheiten dazu hatte.
Ich erinnere mich noch an einige lustige Episoden: Eines Tages kam in unsere Parfümerie ein gutaussehender Mann, schick angezogen, eine elegante Erscheinung, und überreichte mir einen Blumenstrauß. Er sagte, er habe mich schon lange beobachtet, sich aber nicht getraut, mich anzusprechen. Ich schaute ihn an und dachte: „ So ein sicheres Auftreten und so wenig Mut“. Spontan antwortete ich: „Oh, wie schade! Vielleicht wären wir schon längst verheiratet.“ Er lachte herzlich.
Seine Einladung nahm ich nicht gleich an, schlug ihm aber vor, mit meiner Clique  in die Taverne zu kommen. Er kam, wurde Dauergast und bestellte jedes Mal eine Kanne Tee. Nach und nach fing er an, mit mir zu schimpfen, wie leichtsinnig ich mit dem Geld umginge. „Na, ja“,  dachte ich, „ schick angezogen zu sein, sehr teure Autos zu fahren und lediglich Tee zu trinken…“
Wenn ich alleine in die Taverne kam, begrüßte mich fortan der Ober:
„ Hallo Evropi, pu ine to Tsajero? ( Hallo Evropi, wo ist die Teekanne?)“  Dass mein Kavalier mir keine Gefühle entlocken konnte, kann wohl jeder Leser nachvollziehen. Meine Kolleginnen waren etwas enttäuscht, dass mir kein Mann so gut gefiel, dass ich ihn heiraten wollte. Eines Tages überraschten sie mich mit einem Mann, den sie aus Teig gebacken hatten. Sie sagten lachend, ich müsste mir aber  selber einen backen, damit er genau so sei, wie ich ihn mir vorstelle. Leider habe ich nie so einen Mann aus dem Ofen gezogen.

Besuch der alten Heimat,
Oft bereise ich heute noch Griechenland, es hat für mich seine Magie nie verloren.
Gerne nehme ich an den Klassentreffen unserer Abiturklasse teil, die alle fünf Jahre in Veria stattfinden.
Es ist ein großes Ereignis, da ehemalige Schüler von überall her angereist kommen. Alle Zeitungen der Stadt berichten darüber.
Im Augenblick herrscht im Dorf eine große Aufregung, da Tante Maria, genannt Kuruza, bald 100 Jahre alt wird. Alle Dorfbewohner wollen mitfeiern und haben deshalb Angst, dass Tante Maria etwas passiert und sie vor ihren Geburtstag sterben muss. „Oma, mach keine Dummheit“, hört man die Enkelkinder deshalb häufig sagen.
Viele alte Erinnerungen kommen hoch, wenn ich durch mein altes Heimatdorf Nikomidia gehe. Ich schlendere durch das große Dorf mit seinen wunderschönen Blumen-Gärten und gepflegten Häusern. Ich begrüße alle Bekannten von früher und spreche mit ihnen Pontiaka, die Sprache meiner aus der Türkei vertriebenen Vorfahren.
Überall schlägt mir Gastfreundschaft entgegen und ich werde eingeladen, da die alten Bekannten sich darüber freuen, dass ich die Welt bereist und Pontiaka trotzdem nicht vergessen habe.
Schmerzlich vermisse ich aber meine Oma, meine Eltern, Geschwister und Verwandte, die bereits gestorben sind. Ihr Tod hinterließ tiefe Wunden, die niemals verheilen.
Wenn ich meine Baskenmütze trage, höre ich von Jugendlichen manchmal den Kommentar: „Oh, Che Guevara ist da“, mit meinen Stöckelschuhen und meiner leichten Sommerkleidung werde ich oft mit Cindy (Barbie) verglichen. Ein wunderschönes Kompliment bekomme ich aber, wenn ich ein bisschen schick durch das Dorf gehe, dann heißt es: „Seht, die Jacky Kennedy!“
Ich erinnere mich daran, mit welcher Sehnsucht  ich die Pelikane erwartet habe, wenn sie von ihrer Reise aus Afrika zurückgekommen sind. Ich wünschte mir, dass sie mir hätten erzählen können, was sie in fernen Ländern erlebt und gesehen haben.
Wie die Pelikane habe auch ich zwei Heimatländer: Ich bin mit Herz und Seele eine griechische Pontia, aber auch eine schwäbische Griechin.

Weitererzählt von Lea Engisch und Christel Banghard-Jöst

 





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